Fussball
Di Matteo ist gefordert: Nun soll Chelsea plötzlich schön spielen

Chelsea-Trainer Roberto di Matteo muss die Spielweise des Champions-League-Siegers radikal umstellen. Damit kommt auf ihn in dieser Saison eben jene herkulöse Aufgabe zu, an der schon sein Vorgänger André Villas-Boas grandios scheiterte.

Raphael Honigstein, London
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Neun Jahre nach der Übernahme durch Roman Abramowitsch weiss in West-London noch immer niemand wirklich, was im Kopf des russischen Milliardärs vor sich geht; vielleicht weiss er es nicht mal selbst so genau. Einen kleinen Einblick gewährte jedoch die skurrile Szene, die sich unmittelbar nach dem Gewinn des Champions-League-Pokals in der Münchner Allianz Arena abspielte. Abramowitsch, erzählt ein Augenzeuge, gratulierte der Mannschaft, schob aber sofort eine Einschränkung hinterher. Man habe «nicht so gut gespielt», stellte der 46-Jährige ungerührt fest.
Der mit destruktiven Mitteln erzielte Gewinn der Champions League, so scheint es, hat Abramowitschs Sehnsucht nach dem schönen Kick zusätzlich befeuert. Titel allein sind ihm nicht mehr genug. Auf Trainer Roberto di Matteo kommt so in dieser Saison eben jene herkulöse Aufgabe zu, an der schon sein Vorgänger André Villas-Boas grandios scheiterte: aus der Muskel-Fussball-Truppe Chelsea, dem Tiki-Taka-Gegengift von der Themse, soll nicht weniger als eine Londoner Dependance von Barcelona werden.
Transfers für die Kreativ-Abteilung
Die von Sportdirektor Michael Emenalo in enger Zusammenarbeit mit Abramowitsch getätigten Transfers zeugen von dem Wunsch nach Wandlung. Der Belgier Eden Hazard, 21, ein Flügelstürmer, der auch als Spielmacher fungieren kann, kam für 33 Millionen Euro von Lille. Den 20-Jährigen Brasilianer Oscar (Internacional) liessen sich die Blues 32 Millionen Euro kosten, er spielt am liebsten als «Zehner». Mit Werders Marko Marin (8,5 Millionen Euro) könnte die seit längerer Zeit vermisste «width», die Breite, ins Spiel der Londoner kommen; Linksaussen Victor Moses (Wigan Athletic) steht ebenfalls auf dem Einkaufszettel. Sie alle sollen Chelsea jünger, kleiner, technischer machen und jene Entwicklung vorantreiben, die mit der Verpflichtung von Juan Mata im Vorjahr zaghaft begann.
«Mit den Qualitäten und Fähigkeiten der neuen Spieler wird sich das Gesicht der Mannschaft verändern», verspricht Di Matteo, «die Rotation und das Spiel zwischen den Linien wird uns in der Offensive sehr zu gute kommen.» Das neue Chelsea hat den Befehl, die Gegner nicht mehr mit unbändiger Kraft und professioneller Abgekochtheit, sondern mit Feinfüssigkeit und Fantasie zu bezwingen.
In stilistischer Hinsicht wird die Ära von José Mourinho vier Jahre nach dessen erzwungenem Exit an der Stamford Bridge demnächst endlich zu Ende gehen. Abramowitsch baut nach mehreren Fehlversuchen sein zweites Chelsea, eine Mannschaft mit der Qualität und der Altersstruktur für den dauerhaften Erfolg auf allen Ebenen. Die Gegenwart verspricht allerdings weit weniger als die Zukunft: die Metamorphose, soviel ist schon jetzt offensichtlich, wird Zeit und Punkte kosten.
Ein Stilwechsel mit Terry?
Vier Niederlagen in den sechs Vorbereitungsspielen erzählen viel von Di Matteos Problemen. Nach der EM musste man noch auf vier Olympiafahrer (Sturridge, Bertrand, Mata, Oscar) verzichten, ein geregeltes Einspielen war quasi unmöglich. «Wir hatten kein Zeit, als Mannschaft zu arbeiten», sagt Di Matteo, «es wird dauern, bis sich unser Stil ändert.» Die Mannschaft muss sich so im laufenden Wettbewerb finden, Rückschläge sind unter diesen Umständen vorprogrammiert.
Grundsätzlich wird der Reformkurs in diesem Jahr von der auf Petr Cech, John Terry, Frank Lampard und Ashley Cole geschrumpften alte Garde mitgetragen, doch wie Villas-Boas hat auch Di Matteo ein handwerkliches Problem. Wie passt Barcelonas technisches Spiel und aggressives Pressing mit einer Viererkette zusammen, die unter der Anleitung von Terry (31) im Zweifel lieber zehn Meter tiefer steht? Während der EM wurde der Innenverteidiger für seine vielen gelungenen Grätschen allgemein gefeiert, die meisten Beobachter hatten allerdings übersehen, dass er als eine Art Ausputzer oft weit hinter den Nebenmännern agierte und so die eigene Abseitsfalle aushebelte. Es dauerte bis zum Viertelfinal gegen Italien (!) bis der erste gegnerische Stürmer ins Abseits lief. Dazu wurde Englands Mittelfeld von den «Back Four» zwangsläufig so weit nach hinten gedrückt, dass die Wege nach vorne im Verlauf der Partien regelmässig zu weit wurden.
Di Matteos heisser Stuhl
Unter diesen Vorzeichen kann man sich Chelsea nur schwerlich als ernsthaften Titelkonkurrenten neben den beiden Klubs aus Manchester vorstellen. «Unser Ziel ist es, United und City näher zu kommen», sagt Di Matteo realistisch. Die Frage ist, wie weit und wie lange Abramowitsch etwaigen Misserfolg verzeiht. Di Matteo wird wissen, dass der Gewinn des Doubles aus FA-Pokal und Champions League seinen Status als Trainer auf Abruf nur geringfügig geändert hat. Der Italiener aus Schaffhausen hat zwar einen Zwei-Jahresvertrag, aber weiter Pep Guardiola im Nacken, der als Wunschtrainer des Eigentümers nach dem Ende seines verlängerten «Sabbaticals» jederzeit das Kommando an der Bridge übernehmen könnte.
Eine Ligaposition wie im Vorjahr, als Chelsea auf dem sechsten Platz lamdete, kann sich Di Matteo auf keinen Fall leisten. Mit den ersten Niederlagen werden sofort die Spekulationen um die Zukunft des 42-Jährigen losgehen. Daran ist nicht nur Abramowitsch notorisch dünner Geduldsfaden, sondern auch Di Matteo selbst schuld. Mit seinem bahnbrechenden Erfolg als Notnagel in der abgelaufenen Spielzeit hat er seinem Chef ja bewiesen, dass ein Trainerwechsel sofortige Besserung bringen kann.