Fussball

Der VAR soll als «Airbag» der Super League dienen, doch die Sache hat einen grossen Haken

In Volketswil werden ab nächsten Sommer die Schweizer Videoschiedsrichter sitzen.

Im Sommer soll der Videoschiedsrichter auch in der Schweiz kommen. Was darf man erwarten und was die grössten Hürden sind.

Technik im Fussball? Das kam für Liga-Präsident Heinrich Schifferle nicht infrage. Er gehörte zur Gruppe der Fussballromantiker. Doch der Fortschritt eroberte Sportart um Sportart und irgendwann besannen sich auch die Gralshüter des Fussballs (International Football Association Board, kurz: IFAB): 2012 wurde die Torlinientechnologie erlaubt, 2016 kam in Holland erstmals ein Videoschiedsrichter (Video Assistant Referee, kurz: VAR) zum Zug, 2017 in der Bundesliga, 2018 an der WM, seit Winter in der Champions League und ab Sommer auch in der Schweiz. So der Plan.

«Das ist eine grosse Kiste», sagt Schifferle. Die Entwicklung in den Ländern ringsum und die Erfahrungen aus den grossen Wettbewerben haben seine Zweifel zerstreut. Er weibelt jetzt für den VAR – trotz hoher Kosten (siehe Spalte rechts). Da ging es ihm wie den meisten Klubs der Super League. Letzten November haben sie einstimmig für die Einführung des VAR gestimmt. Nur Luzern enthielt sich, man hielt die Einführung für verfrüht.

Schon vor der Abstimmung begannen Gesamtprojektleiter Reto Häuselmann und Hellmut Krug (Interview unten) als Verantwortlicher für die Schiedsrichter-Ausbildung zu weibeln. Das verlangte der ambitionierte Zeitplan, an dem man noch immer festhält: Ab Sommer soll die Schweiz VAR-Land sein. Stolperer sind keine erlaubt.

Nur sechs Kameras – reicht das?

Daniel Wermelinger wird euphorisch, wenn er von den neuen Möglichkeiten spricht. Der Schiedsrichter-Boss zitiert berühmte Szenen der Fussballgeschichte – Maradonas göttliche Hand unter anderem –, um auf den offensichtlichsten Vorteil zu verweisen: Fehler, die am Fernseher selbst Fussball-Analphabeten erkennen, können korrigiert werden.

Genau darum geht es: Nur bei Tor- und Penaltyentscheiden, die offensichtlich falsch sind, ungerechtfertigten oder verpassten Platzverweisen und Verwechslungen von Spielern soll der VAR zum Einsatz kommen. Wermelinger sagt: «Das ist wie ein Airbag für den Schiedsrichter. Der öffnet sich ja auch nicht, wenn man rückwärts mit 10 km/h in eine Mauer putscht, dafür bei einem Unfall auf der Autobahn mit 120.»

So minimal die Eingriffe dereinst ausfallen sollen, so maximal ist der Aufwand, den man für die VAR-Einführung betreibt. Trockenübungen bei Super-League-Spielen im Dezember und Februar, gestellte Szenen im Multipack im Schiedsrichter-Camp auf Gran Canaria im Januar, Simulationen mit einem Schiedsrichter auf der Medientribüne im März und aktuell Testturniere im Stade de Suisse (vergangene Woche) und bald in Thun mit Dutzenden Kurzspielen (zweimal 20 Minuten) und kompletter TV-Produktion (6 Kameras wie bei Teleclub-Übertragungen). Es folgen noch Tests bei 90-minütigen Partien. Jeder Schiedsrichter muss das von der IFAB vorgegebene Programm abspulen, sonst kriegt er die VAR-Lizenz nicht.

Nicht nur die Ausbildung der Schiedsrichter ist kostspielig, sondern auch das technische Aufrüsten für den VAR. Vor kurzem hat die Liga in Volketswil einen Raum gefunden, in dem die Glasfaserkabel zusammenlaufen werden.

Aber selbst wenn die Technik funktionieren sollte, selbst wenn da alles klappt, dann gibt es da immer noch den Zuschauer im Stadion. Wie macht man ihm die VAR-Entscheide verständlich? Genau das will man nämlich, auch die Zuschauer und die Medien vor Ort abholen. Um die Widerstände gar nicht aufkommen zu lassen, die es in der Bundesliga anfänglich gab.

Dabei werden die Schweizer Videoschiedsrichter einige Hürden zu meistern haben. Zum Beispiel stehen ihnen nur sechs (bei Teleclub-Produktionen) bis neun Kameras (bei SRG-Produktionen) zur Verfügung – in der Bundesliga sind es 19 bis 21. Die Schweizer haben also weniger Perspektiven, womit auch die Chance grösser ist, dass man eine Szene nicht klären kann.

Zudem wird es in der Schweiz keine virtuelle Abseitslinie geben. Und auch auf die Torlinientechnologie verzichtet man vorerst. Um Wermelingers Bild zu bemühen: Es ist ein Airbag für den Fahrer, aber der Beifahrer (der VAR) muss vorerst mit einem besseren Sicherheitsgurt auskommen. Liga-Präsident Schifferle: «Es wäre einfach zu teuer gekommen.»

Schon jetzt fallen pro Klub und Jahr Kosten von 150 000 Franken an. Für die Liga sind die Kosten für das Schiedsrichterwesen von 2,5 auf 4 Millionen Franken angestiegen. Die Bundesligaklubs zahlen für das volle Paket (also virtuelle Offsidelinie und Goaltechnologie) rund 250 000 Euro. Für einen Klub wie den FC Basel wäre das machbar, für einen wie Thun kaum. In zwei Jahren tritt ein neuer TV-Vertrag in Kraft.

Gut möglich, dass die Liga mehr Kameras fordert. Schon jetzt versucht sie, den VAR zu Geld zu machen. Wie genau Teleclub und SRF den Mehrwert durch den VAR an Werbekunden weitergeben sollen, ist unklar. Was man nicht will dagegen, dass es jemals heisst: «Dieser Penalty wird ihnen präsentiert von ...» Aber der Kommerz wird so wenig zu stoppen sein wie der technologische Fortschritt.

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