Es ist der Tag vor dem letzten Schritt nach Brasilien. Die Stimmung wirkt ziemlich bedrohlich – aber nur über dem Himmel von Tirana, wo sich Sonne und dunkle Wolken regelmässig abwechseln.

«Der freundliche Empfang hier in Tirana hat uns schon ein bisschen überrascht», sagt Valentin Stocker. Die Nachtruhestörer blieben ebenso aus.

Lärmige Auffälligkeiten waren nur von der Strasse zu vernehmen. Die Autofahrer veranstalten rund um den Skanderbeg-Platz im Zentrum Tiranas ein Hup-Konzert von morgen früh bis abends spät. Der chaotische Fahrstil ist mehr als gewöhnungsbedürftig.

Das Hotel der Schweizer findet, wer den Boulevard einige hundert Meter entlang weitergeht.

Es liegt direkt neben der Universität – und direkt neben dem Qemal-Stafa-Stadion, wo die Schweiz heute gegen Albanien ihr vielleicht entscheidendes WM-Qualifikationsspiel bestreitet. «Eigentlich können wir zu Fuss zum Spiel», sagt Stocker.

Zu Fuss an die WM, könnte man folgern. Zwei Punkte aus den letzten beiden Spielen benötigt die Schweiz im schlechtesten Fall.

17 Monate ohne Niederlage

Ein Punkt reicht zu 99 Prozent, weil die Tordifferenz viel besser ist als jene der verbliebenen Konkurrenten Island und Albanien. Doch damit hält sich Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld nicht auf. Er sagt: «Es zählt nur der Sieg – wie immer!»

Seit knapp 17 Monaten hat die Schweiz nicht mehr verloren. Elf Spiele umfasst diese Periode. Die letzte Niederlage musste sie in einem Testspiel Ende Mai 2012 gegen Rumänien einstecken (0:1).

In dieser WM-Qualifikation hat sie auswärts noch gar kein Tor zugelassen. «In schwierigen Auswärtsspielen haben wir stets die Nerven bewahrt», sagt Hitzfeld.

Was das für die heutige Partie bedeutet, stellt der FCB-Flügel Stocker gleichwohl klar: nichts. «Auf die Vergangenheit dürfen wir nicht bauen – es gilt, sich wieder von neuem zu beweisen.»

Trotzdem ist der 24-Jährige überzeugt: «Die WM-Qualifikation darf uns nicht mehr entgleiten. Der Grat zwischen Überheblichkeit und Selbstbewusstsein ist klein, aber wir dürfen das Selbstverständnis haben, um zu sagen: Wir fahren an diese WM und wir haben uns das verdient!»

Abwehrchef Steve von Bergen ergänzt: «Ein Scheitern wäre bei dieser Ausgangslage ein schlimmer Misserfolg, da bräuchten wir nichts schönzureden.»

In der Tat. Rang 1 in dieser Gruppe E ist für die aufstrebende Fussballnation Schweiz, die durchaus und zu Recht sehr selbstbewusst unterwegs ist, Pflicht.

Das darf indes die Souveränität, mit der die Schweiz der WM entgegenstrebt, nicht schmälern. «Jede Qualifikation für ein grosses Turnier verlangt eine grossartige Leistung», sagt auch Hitzfeld, «die von uns gezeigte Konstanz ist nicht selbstverständlich.»

Albanien mit fünf, sechs Mal mehr Kraft

Heute Abend kurz vor 22.30 Uhr kann die WM-Qualifikation perfekt sein. Es wäre nicht mehr als eine Vollzugsmeldung.

Verteidiger von Bergen erwartet mit Albanien einen Gegner, der wegen der heissblütigen Zuschauer «fünf oder sechs Mal mehr Kraft» hat.

Trainer Hitzfeld blickt dem für einige Spieler mit kosovarischen Wurzeln besonderen Spiel gelassen entgegen.

Auf die Frage eines albanischen Journalisten, ob er denn befürchte, dass seine Spieler aufgrund der Partie von «Albanien A gegen Albanien B» nervös seien, entgegnet er: «Es ist Fussball! Es gibt Fans, es gibt Pfiffe – das ist doch alles völlig normal und höchstens eine Motivation, noch besser zu sein.»

Vielleicht verleihen die Pfiffe ja tatsächlich Flügel. Auch Xherdan Shaqiri? Zuletzt gab es bei ihm im Dress der Schweiz immer wieder beunruhigende Tendenzen zu beobachten.

Er schimpft zu viel auf dem Platz. Er wirft sich beim geringsten Körperkontakt vorschnell auf den Rasen.

Er bleibt nach einem Ballverlust zu viel stehen, anstatt nachzusetzen. Es sind alles Dinge, die man von ihm im Bayern-Dress nie sieht.

Und auch dann nicht, wenn die Schweiz gegen Brasilien spielt. Deshalb gilt besonders für Shaqiri, seit gestern 22-jährig: Auf dem Weg nach Brasilien muss Brasilien das Vorbild sein.