WM 2018
Der Russische 5:0-Sieg bringt die Kaliningrader Fans aus dem Häuschen

Wenig überraschend wird der 5:0-Sieg von Russland gegen Saudi-Arabien beim Fan-Fest in Kaliningrad ausgiebig zelebriert. Dennoch, vor Anpfiff deutete wenig auf den Beginn einer Weltmeisterschaft hin.

Markus Brütsch, Kaliningrad
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Gute Stimmung beim Kaliningrader Fan-Fest.

Gute Stimmung beim Kaliningrader Fan-Fest.

Markus Brütsch

5:0! Am Ende eines sonnigen Abends in Kaliningrad flippt die Menge friedlich aus: 5:0 gegen Saudi-Arabien! Noch nie seit es bei einer WM Eröffnungsspiele gibt, und das ist seit 1966 der Fall, hat es ein solches Ergebnis gegeben. 5:0 – die Anhänger der russischen Nationalmannschaft in der Kaliningrader Fanzone geraten kurzzeitig aus dem Häuschen.

Die Kleinen, die auf den Schultern ihrer Väter sitzen, schwenken freudig ihre Fähnlein, ihre Erzeuger aber müssen sich zuerst einmal die Augen reiben: 5:0; nein, ein solches Resultat hatte niemand erwartet nach sieben Testspielen ohne Sieg.

«Das ist viel mehr, als wir uns erhofft hatten», bestätigt Dimitri. Der 45-jährige Kaliningrader sagt, er habe auf ein 3:0 getippt. «Dass es jetzt ein 5:0 geworden sei, mache Freude und sei umso schöner.» Und, was traut er Russland nun bei dieser WM zu?

Balsam auf die Seele der Russen

«Heute hat die Mannschaft gut gespielt. Ich denke, dass wir die Gruppenphase überstehen werden», sagt Dimitri, «aber man muss auch sehen, dass Saudi-Arabien kein starker Gegner war und wir in den Achtelfinals gegen Portugal oder Spanien keine Chance haben werden.»

Immerhin: Der Start ins Heimturnier ist gelungen. Nach Mass sogar. Der Sieg ist Balsam auf die leidgeprüfte Seele der russischen Fussballfans. «Das gibt uns Selbstvertrauen», sagt Dimitri.

Und entfacht vielleicht eine kleine Euphorie im grössten Land der Welt. Denn davon ist bis zum Anpfiff gestern Nachmittag nicht viel zu sehen gewesen. Zumindest nicht in Kaliningrad, der russischen Exklave an der Ostsee.

Ein Tag wie jeder andere

Noch am Nachmittag hatte wenig bis nichts darauf hingedeutet, dass hierzulande in wenigen Stunden das grösste Sportereignis der Welt angepfiffen würde. Natürlich, an wichtigen Strassen flatterten ein paar WM-Fähnchen im Wind und hier und da wiesen extra aufgestellte Schilder den Weg zum Stadion oder zum Fan-Fest.

Aber es schien, als hätten die Kaliningrader alles andere als die WM im Kopf. Selbst auf dem grossen, mit edlen Natursteinen, Bäumen und Sitzbänken wunderbar gestalteten Platz im Zentrum, dem pl pobedy (deutsch: Siegesplatz), gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass in Kürze Russlands Nationalmannschaft das Turnier eröffnen würde.

Kein einziger Mensch trug ein Fussballtrikot, nirgendwo wurden Fan-Utensilien angeboten; kurz: Es war ein Tag wie jeder andere in Kaliningrad.

Mit der Ruhe vorbei

Dabei hatte es zwei Kilometer weiter südlich in den vergangenen Tagen so ausgesehen, als würde es kein 5:0 brauchen, um am Donnerstag eine richtig grosse Fete zu erleben. Auf einer riesigen Bühne war probeweise getanzt und so laut gesungen worden, dass es weiter unten beim Dom mit der sonst so angenehmen Ruhe vorbei war. Das gewaltige Podest war unmittelbar neben dem «Haus der Räte» errichtet worden.

Artjom Dsjuba trifft zum 3:0
22 Bilder
Der saudische Torwart muss schon zum dritten Mal hinter sich greifen
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Artjom Dsjuba trifft zum 3:0

Keystone

Dieses war in den 70er-Jahren als Verwaltungszentrum erbaut, aber nie bezogen worden. Denn nach der Sprengung der daneben liegenden Schlossruine war der Boden so locker geworden, dass sich der Neubau mehr und mehr zu neigen begann. Was dereinst mit diesem 16-stöckigen Gebäude geschehen soll, weiss niemand zu sagen.

«Stolz und glücklich»

Gesprächiger sind die Russen, wenn es um Fussball geht. Vor allem nach einem 5:0. Der 23-jährige Alex, ebenfalls aus Kaliningrad, sagt: «Heute sind wir stolz und glücklich, dass wir so hoch gewonnen haben. Aber wenn ich ehrlich bin, dann halte ich nicht besonders viel von unserer Nationalmannschaft. Ich bin gespannt, wie wir gegen bessere Gegner aussehen werden.»

Es stimmt: Die Saudis waren schwach. Doppeltorschütze Tscheryschew sowie Gasinski, Dsjuba und Golowin werden nicht mehr so leicht zu Toren kommen. Und es bleibt abzuwarten, wie schwer der Ausfall des verletzt ausgeschiedenen Dsagojew wiegt.

Doch der Anfang ist gemacht, und Wladimir Putin durfte sich von allen Seiten gratulieren lassen. Als der russische Präsident in Moskau vor dem Spiel zur Eröffnungsansprache angesetzt hatte, waren in der Kaliningrader Fanzone Applaus und Pfiffe im Gleichgewicht gewesen.