EM-Quali
Der rote Drache spuckt statt Feuer nur heisse Luft

Als krasser Aussenseiter geht Wales heute in das EM-Qualifikationsspiel gegen England. Auch darum, weil Starstürmer Fussball Gareth Bale verletzt fehlt.

Raphael Honigstein, London
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Das Amt des englischen Nationaltrainers wird gerne als «the impossible job» bezeichnet, doch das ist nur ein gefühltes Alleinstellungsmerkmal: Auf der anderen Seite der 1,6 km langen Severn Bridge, die Wales mit England verbindet, ist die Aufgabe naturgemäss noch viel unmöglicher. Das kleine Herzogtum produziert nicht genügend gute Spieler. Wie seine Vorgänger muss auch der neue Coach Gary Speed sein Kader hauptsächlich mit Profis aus der zweiten Liga auffüllen, von denen so mancher nur aufgrund eines Grosselternteils als Waliser durchgeht. So hat Speed sein Team erst mal fleissig die Nationalhymne «Mae Hen Wlad Fy Nhadau» («Land meiner Väter») üben lassen. «Vielleicht gibt uns das einen Prozentpunkt mehr», sagte Stürmer Steve Morison vom FC Millwall.

Platz 116 für Wales

Morisons doch eher verhaltener Optimismus zeigt, wie schwer die Aufgabe gegen die grossen Nachbarn im Millennium-Stadion von Cardiff wird. In der Schweizer Gruppe G liegt man ohne Punkte abgeschlagen auf dem letzten Platz; die Fifa-Weltrangliste ortet die Spielstärke aktuell hinter Sambia und Aserbaidschan, zwischen Island und Luxemburg. Platz 116. So weit unten stand man noch nie. Zu allem Überfluss meldete sich auch noch der grosse Hoffnungsträger Gareth Bale, Schütze des bisher einzigen Qualifikationstores, mit einer Oberschenkelverletzung ab. «Das ist ein schwerer Schlag für uns», sagte Speed. «Jede Mannschaft der Welt würde sich schwertun, ihn zu ersetzen.» Das sollen Simon Church oder Hal Robson-Kanu, zwei Ergänzungsspieler vom FC Reading, «die der Gegner wohl nur anhand der Namen auf ihren Trikots erkennen wird», wie der «Guardian» mutmasst.

Engländer ohne Angst

Speed hat mit dem frisch berufenen Captain Aaron Ramsey (Arsenal) und Craig Bellamy (Cardiff City) zwar noch zwei Leistungsträger, doch nach dem Ausfall von Bale fühlen sich die Engländer sehr sicher. «Wenn wir ihn stoppen, können wir auch Wales stoppen», hatte Tottenhams Peter Crouch vor der Verletzung seines Vereinskollegen prophezeit. Ohne den 21-Jährigen wird der walisische Drachen nun «anstatt Feuer nur heisse Luft» produzieren, glaubt der «Daily Telegraph».

Die sportliche Brisanz des Brüderkampfs ist aus englischer Sicht so klein geworden, dass man sich Nischenthemen widmen muss. Capellos Reaktivierung von John Terry als Captain – der etatmässige «skipper» Rio Ferdinand (Manchester United) fehlt wie Vertreter Steven Gerrard (Liverpool) verletzt – wurde unter diesen Vorzeichen zur Staatsaffäre hochgedeutelt. Vor dreizehn Monaten hatte der Chelsea-Verteidiger die Armbinde nach einer Affäre mit der Ex-Freundin des ehemaligen Mannschaftskameraden Wayne Bridge verloren. «Er hat Fehler gemacht, aber das ist normal», sagte Capello. «Ein Jahr Strafe ist genug. In der Mannschaft wird er als Anführer akzeptiert.» Ferdinand erfuhr von seiner Absetzung durch die Medien, was für heftige Kritik an der Menschenführung des Italieners sorgte. «Capello zeigt weder Takt, Finesse noch Gefühl», ärgerte sich die «Sun».

Keine Kritik

Terry reagierte mit typischer Demut. «Ich hätte das Amt gar nicht erst verlieren dürfen», sagte der 31-Jährige. «Ich habe die Entscheidung damals zwar akzeptiert, war aber nie einverstanden.» Geraune über Unzufriedenheit in der Kabine nach seiner Rückkehr begegnete «JT» offensiv: «Wer ein Problem mit mir hat, soll es mir sagen.» In einer Mannschaftsbesprechung gab Capello eventuellen Kritikern die Möglichkeit, das Wort zu erheben. Das Schweigen soll ohrenbetäubend gewesen sein.

Ansonsten ist die Stimmung für englische Verhältnisse jedoch ungewöhnlich gut. Gareth Barry berichtete, dass Capello nicht mehr ganz so penibel auf Pünktlichkeit und die Einhaltung von diversen Verhaltensregeln poche. «Er sitzt uns nicht 24 Stunden am Tag im Nacken», sagte der Manchester-City-Profi, man habe neulich sogar zwei Stunden Golf spielen dürfen. Die englischen Reporter überlegen nun noch, ob sie die laxere Linie von «Don Fabio» begrüssen oder als Schwäche auslegen wollen. Kommt wahrscheinlich auf das Resultat an.