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Der Panzerknacker aus dem Kosovo mit der Postur eines Türstehers

Xherdan Shaqiri ist das Fussball-Geschenk aus dem Kosovo. Denn wenn es sein muss, schiesst der Baselspieler seine Tore aus dem Nichts. Er ist einer der wenigen Spieler, der lieber einmal mehr als einmal weniger den Abschluss selbst sucht.

François Schmid-Bechtel
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 Xherdan Shaqiri nach seinem dritten Treffer gegen Bulgarien.
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 Xherdan Shaqiri nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen England.
 Shaqiri spielt für beide Nationalmannschaften.
 Xherdan Shaqiri spielte an der EM-Endrunde mit der U-21 Nati.
 Xherdan Shaqiri weiss auch, wie man Schweizer Meister wird.
 Shaqiri im FCB-Training (Archiv)
Xherdan Shaqiri spielt an der EM-Endrunde mit der U-21 Nati
 Die Nummer 17 der Basler.
 Xherdan Shaqiri mit Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld und Captain Inler.

Xherdan Shaqiri nach seinem dritten Treffer gegen Bulgarien.

Keystone

Andere benötigen schweres Geschütz, um einen Safe zu knacken. Einen Schweissbrenner oder Dynamit. Xherdan Shaqiri indes macht es auf smarte Weise. Mit List, Intelligenz, Technik und viel Mut zum Risiko knackt er die gegnerischen Abwehrreihen, als wäre es das Einfachste der Welt. Shaqiri braucht überspitzt formuliert keinen Support, um Spiele zu entscheiden. Wenn es sein muss, schiesst er seine Tore auch aus dem Nichts. Aus Positionen, die andere zu einem ordinären Querpass animieren, versenkt er den Ball schon mal im Lattenkreuz. Aus Situationen, da für andere ein Einwurf der einzige Ausweg ist, entledigt er sich mit einem Dribbling elegant der Umklammerung.

Shaqiri eröffnet der Schweiz – und dem FC Basel – eine neue Dimension. Seit Jahren steht unsere Nationalmannschaft für eine gute defensive Organisation. Solide, aber brave Wertarbeit garantiert zwar Erfolge wie die Teilnahme an allen Endrunden seit 2004. Doch mehr als die Qualifikation lag jeweils nie drin, weil das Geniale, das Unberechenbare, die archaische Attitüde eines Strassenfussballers oder eben die individuelle Klasse eines Genies gefehlt haben.

Anders als alle anderen

Shaqiri ist anders als alle anderen, die je das Schweizer Trikot getragen haben. Vielleicht vergleichbar mit einem Kubilay Türkyilmaz oder einem Alain Sutter – zwei Ausnahmekönnern aus den 90ern. Doch im Gegensatz zu Türkyilmaz hat er eine professionellere Einstellung zu seinem Beruf. Und Sutter war zu fragil, als sich ihm bei Bayern München die Chance zu einer Weltkarriere eröffnet hatte. Trotzdem gibt es diesen einen Nenner, der die drei verbindet: das Talent, Spiele im Alleingang zu entscheiden.

Heute ist das Spiel athletischer, schneller, engmaschiger als noch in den 90ern. Taktisch ist das Spiel schon so ausgereift, dass nur noch die wenigen Fehler, Standardsituationen oder eben Geniestreiche zu einem Tor führen. Umso wichtiger ist es heute, Spieler zu haben, die den Unterschied ausmachen. Davon gibt es nicht viele.

Doch Shaqiri ist einer von ihnen. Dabei ist er kein taktischer Irrläufer. Kein Opportunist, der viel für sich und wenig für die Mannschaft arbeitet. Aber er ist einer, der lieber einmal mehr als einmal weniger selbst den Abschluss sucht. Aber ein Eigenbrötler ist er gewiss nicht, auch wenn er in seiner unbescheidenen Art sagt, dass ihn mittlerweile fast jeder in der Schweiz kennen würde. Nein, Shaqiri kann zwar Spiele allein entscheiden, aber er braucht die Menschen um sich herum. So ist er erzogen worden. Als drittes von vier Kindern eines fussballbegeisterten Einwanderers aus dem Kosovo.

Shaqiri als Botschafter

Es befremdet gewisse Schweizer, wie Shaqiri seinen Reichtum offen zeigt oder darüber spricht, wie er mit 19 die Familie finanziell versorgt. Er fährt einen fetten Mercedes und hat für sich und die Familie eben zwei Wohnungen gekauft. Der Familiensinn, die extrovertierte Art – das ist eigentlich der einzige Unterschied zu einem 19-Jährigen, der Meier oder Müller heisst. Ansonsten ist er ein ganz normaler junger Mann, der seine Lehre als Kleiderverkäufer abbrach, als man beim FC Basel sein enormes Potenzial entdeckt hatte.

So, wie Shaqiri spielt, bewegt er sich auch neben dem Platz: spontan, unverbraucht, authentisch. Es interessiert ihn nicht, ob es politisch geschickt ist, seine Verbundenheit mit dem Kosovo öffentlich zu bekunden. Schliesslich sieht Herr Bünzli in jedem Kosovaren einen üblen Raser, und es missfällt ihm ja sowieso, dass keine Meiers und Müllers mehr für die Schweiz spielen. Doch Shaqiri sagt auch, dass er den Jungen ein Vorbild sein will. Er wolle beweisen, dass nicht alle aus dem Kosovo «Seich» machen würden. Botschafter will er also auch noch sein. Doch uns reicht schon, wenn der kleine Mann mit den breiten Schultern eines Türstehers weiterhin die Abwehrreihen knackt, als wäre es so selbstverständlich, wie nach dem Niesen die Nase zu putzen.

AZ

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