Fussball

Der Mann, der Alex Frei in seinem dunkelsten Moment begleitete

Er erlebt ihn hautnah, den Moment, an dem Alex Frei ganz unten ist: Christian Meissgeier ist Physiotherapeut der Schweizer Nati und 2008 der Erste, der sich an der Euro um den verletzten Stürmer kümmert. Die traurigen Momente haben auch ihn geprägt.

Gestern gab Alex Frei bekannt, dass er im nächsten Sommer seine Karriere als Profifussballer beenden werde. Zeit, zurückzuschauen also. So viele Höhepunkte Alex Frei in seiner Karriere hatte, er war einige Male auch ganz unten. Seine wohl schwärzeste Stunde erlebte der heute 33-Jährige an der Heim-EM im Jahr 2008.

Der Gang in die Kabine – unter Tränen

Im Eröffnungsspiel mit der Schweizer Nati gegen Tschechien läuft die 42. Minute, als Tomas Ujfalusi den Schweizer Captain vor dem Strafraum böse umgrätscht. Ein kurzer, lauter Aufschrei, dann sinkt Frei zu Boden. Sofort ist klar, dass er sich schlimm verletzt hat. Nach mehreren Minuten, in denen ihn die Physiotherapeuten und ein Arzt behandeln, muss er gestützt den Platz verlassen. Während seine Kollegen ohne ihren Teamleader weiter machen müssen, verschwindet Alex Frei weinend in die Katakomben des Basler St. Jakob Parks.

Christian Meissgeier, seit 2000 Physiotherapeut der Schweizer Nationalmannschaft, war damals als Erster beim am Boden liegenden Frei und begleitete ihn in die Kabine. Für die „Nordwestschweiz" erinnert er sich an jene Momente, die auch ihn selbst geprägt haben:

«Als ich bei Alex ankam und er mir ein Zeichen gab, wussten ich und er: Das wars! Sofort ging mir durch den Kopf, wie voller Tatendrang Alex in den Tagen vor der EM war. Er war topfit, fühlte sich super in Form und wollte es all denen, die ihn ständig kritisierten, zeigen. Im eigenen Land, im heimischen Stadion in Basel. Nachdem ich und meine Kollegen Alex‘ Knie noch auf dem Platz untersucht hatten, stützte er sich auf mir ab und wir gingen zusammen in die Kabine. Alex weinte schon auf dem Rasen, in der Kabine kam es dann richtig aus ihm heraus. Ich liess ihn erst einmal ein paar Minuten für sich. Dann setzten wir uns zusammen in der Dusche auf den Boden, um uns vor den anderen zu verstecken, die gerade für die Halbzeitpause in die Kabine kamen.

Alex wollte mit keinem von ihnen reden. In der Dusche sagte er mir, wie alle bisherigen Enttäuschungen seiner Karriere wieder in ihm hochkommen. Er habe sich so viel vorgenommen, und jetzt dürfe er einfach nicht mehr. Wegen eines einzigen blöden Zweikampfes. Dann, als die Kabine wieder leer war, stand er plötzlich auf und sagte mir: „So, und jetzt gehe ich zur Mannschaft und bin für sie da." Ich legte ihm einen Verband ums Knie an und gab ihm die Gehstöcke. Als wir wieder ins Stadioninnere kamen, liess ich ihn bewusst vorangehen. Vor unserer Spielerbank fragte mich Köbi (Jakob „Köbi Kuhn; d. Red.), wie es aussehe. Ich sagte ihm, es sei vorbei. Von da an leistete Alex Support für die Mannschaft. Seine Enttäuschung stellte er in den Hintergrund.

Diese Momente werde ich nie vergessen. Sie haben mich und Alex auch als Menschen zusammengeschweisst.»

Freundschaft besteht bis heute

Meissgeier sagt, dass er nicht mehr mit vielen ehemaligen Nationalspielern in Kontakt stehe. Mit Alex Frei schon. Meissgeier war dabei, als Frei am 24. März 2001 gegen Serbien und Montenegro in der Nati debütierte und als er zehn Jahre später sein letztes Länderspiel gegen Bulgarien absolvierte. „Mit Typen wie Alex menschelt es." So bestünde zwischen ihm und Alex Frei heute eine Freundschaft.

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