Grasshoppers
Der Künstler aus der Arbeitersiedlung

Während die Grasshoppers in der Super League das Schlusslicht bilden, scheint sich die Jugendarbeit beim Rekordmeister für einmal auszuzahlen. Der 19-jährige Izet Hajrovic steht vor dem Durchbruch in die erste Mannschaft.

François Schmid-Bechtel
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«Er hat eine gute Technik, eine ausgeprägte Spielintelligenz und er ist schnell.» Hansruedi Hasler, der technischer Direktor der Grasshoppers. spricht nicht über Xherdan Shaqiri, sondern über Izet Hajrovic. Die beiden sind zwar gleich alt.

Aber Shaqiri ist in der öffentlichen Wahrnehmung bereits ein Star, während Hajrovic noch als No-Name gilt. Dabei verfügt er über alle Qualitäten, um ähnlich durchzustarten wie der Kraftwürfel aus Basel.

Am Sonntag beim 2:0 gegen St. Gallen hat Hajrovic nach dreiwöchiger Verletzungspause in der Rolle des Spiritus Rector eine formidable erste Halbzeit gespielt. «Das war ein erster Schritt. Aber ich kann noch mehr», konstatiert er selbstbewusst.

Einzig die fehlende Effizienz bei zwei grossen Torchancen und ein leichtes Nachlassen nach der Pause bieten indes Raum für Kritik. Trotzdem: Der Aargauer war in seinem erst siebten Super-League-Einsatz die Entdeckung. «Izet sollte noch bissiger werden. Aber er hat gute Perspektiven. Er ist ja schon fast Stammspieler bei GC», sagt Hasler.

Aber wer ist dieser Izet Hajrovic, der im heutigen Heimspiel gegen Sion den nächsten, kleinen Schritt in seiner Entwicklung machen will? Die Eltern Zilka und Safet Hajrovic kamen vor 22 Jahren aus Bosnien in die Schweiz. Seit zehn Jahren leben die Hajrovics im aargauischen Birr. Und zwar dort, wo noch heute der Stallgeruch des Arbeiters alles andere überdeckt.

Die ABB liess die unprätentiöse Blocksiedlung «Wyde» für die Gastarbeiter errichten. Und noch heute ist dieses Quartier ein Mikrokosmos unserer multikulturellen Gesellschaft. «Reichtum», sagt Izet Hajrovic, sei nie die Triebfeder gewesen. «Ich liebe Fussball, soweit ich zurückdenken kann.» Keine leeren Worte. Hajrovic behandelt den Ball wie eine Geliebte. Wie er auf dem Platz stets nach der konstruktiven, spielerischen Lösung sucht, qualifiziert ihn als Ballkünstler. «Izet ist ein aufgestellter, positiver und risikofreudiger Typ», sagt Hasler. Und er ist nicht der Einzige in der Familie Hajrovic, der die grosse Karriere im Blickfeld hat.

65-Stunden-Woche

Der zwei Jahre jüngere Sead hat vor einem Jahr mit der Schweizer U17-Auswahl den Weltmeistertitel gewonnen. Als Sead gleich nach der Schule von GC zu Arsenal nach London wechselte, befürchtete man, Izet müsste nun dafür büssen. «Doch das Gegenteil war der Fall», sagt Mutter Zilka.

Das Förderprogramm für Izet wurde noch intensiviert. Und heute ist er so etwas wie ein Abbild des neuen GC: jung, bescheiden, dynamisch, talentiert, aber unerfahren. Und er hat nebenbei eine Ausbildung zum Detailhandels-Kaufmann absolviert. «Unabdingbar», sei dies, sagt die Mutter. «Es wäre falsch, nur auf den Fussball zu setzen. Erstens ist die Karriere zu kurz und zweitens nicht planbar.» Für Izet bedeutete es dafür einen enormen Aufwand. Er spricht von drei Jobs (Fussball, Schule, Arbeit), die er parallel zu erfüllen hatte.

Hasler spricht von 65-Stunden-Wochen, die Spieler wie Hajrovic während der beruflichen oder schulischen Ausbildung absolvieren. «Das ist zu viel. Deshalb tendieren wir bei GC dahin, dass die talentierten 16-Jährigen erst mal nur auf Fussball setzen. Das Bildungssystem in der Schweiz ist derart flexibel, dass man auch mit 18 oder 19 noch eine berufliche Ausbildung beginnen kann.» Hajrovic braucht sich darum nicht mehr zu kümmern. Sein nächstes Ziel ist das erste Super-Legue-Tor.