Bundesliga
Der knuffige Kauz – Lucien Favre ist zurück in der Bundesliga

Trainer Lucien Favre ist zurück in der Bundesliga und freut sich in Dortmund auf die «mur jaune». Seine neuen Spieler loben ihn jetzt schon in den höchsten Tönen und die Fans glauben daran, dass Dortmunds Lucien Favre die Bayern bedrängen kann. Dieser hält den Ball flach und sagt: «Ich weiss, wie gross die Hoffnungen hier sind. Ich will eine Mannschaft aufbauen, die langfristig Titel holen kann. Aber das dauert manchmal zwei oder drei Jahre.»

Markus Brütsch
Merken
Drucken
Teilen
Lucien Favre: In Dortmund der grosse Hoffnungsträger.
17 Bilder
Der Start war holprig: Erst in der letzten Minute der Verlängerung setzten sich die Dortmunder im Cup auswärts gegen Greuter Fürth durch.
Lucien Favre, Trainerstationen im Ausland
Nach zwei Jahren in der Ligue 1 bei Nice wechselt Lucien Favre wieder in die Bundesliga zu Dortmund.
Lucien Favre musste sich mit Nice beim Gastspiel in Rennes mit einem Remis begnügen.
Lucien Favre kann es nicht glauben: nur ein Punkt mit Nizza gegen Bastia.
Unter Lucien Favre steigen die Nice-Aktien weiter.
Lucien Favre erklärt in Nizza seine Ligue-1-Pläne. Nach Borussia Mönchengladbach heuerte er 2016 bei Nizza an.
Auch die Champions League hat Lucien Favre schon erlebt. Mit seinem damaligen Team – Borussia Mönchengladbach.
Lucien Favre zeigt klar, was er von der Leistung seiner Mannschaft hielt.
Will weiter mit Mönchengladbach jubeln: Lucien Favre Trainer.
In ganz Deutschland löste Lucien Favre mit seiner Arbeit bei Mönchengladbach Begeisterung aus.
Lucien Favre gibt seinen Schützlingen klare Anweisungen von der Seitenlinie aus.
Lucien Favre gelang mit Mönchengladbach ein Einstand nach Mass. 2011 stand er zum ersten Mal an der Seitenlinie.
Lucien Favre ist nun offiziell kein Angestellter mehr von Hertha Berlin. Nach drei Jahren ist seine Zeit beim Hauptstadtklub abgelaufen.
Lucien Favre wie er leibt und lebt.
Lucien Favre herzt einen seiner Spieler bei Berlin.

Lucien Favre: In Dortmund der grosse Hoffnungsträger.

KEYSTONE

Können Maikäfer tatsächlich so herzhaft lachen, wie ihnen nachgesagt wird, dann ist Lucien Favre am letzten Montag ein Maikäfer gewesen. Eher selten hat man den Trainer nach einem Sieg so glücklich gesehen. Sechs Wochen nach seinem Amtsantritt hat er mit Borussia Dortmund einen gelungenen Einstand gefeiert. Zumindest, was das Ergebnis angeht. «Damit bin ich zufrieden», sagte Favre hinterher, «dass uns jedoch die Kontrolle über das Spiel gefehlt hat, stört mich». Erst in der fünften Minute der Verlängerung hatte der Belgier Witsel den BVB gegen Greuther Fürth in die Verlängerung gerettet, in der Reus in der allerletzten Minute das 2:1 zum glückhaften Sieg gelang.

Axel Witsel (mitte) rettete Dortmund in der regulären Spielzeit in die Verlängerund und somit auch Lucien Favre einen gelungenen Einstand bei Dortmund.   

Axel Witsel (mitte) rettete Dortmund in der regulären Spielzeit in die Verlängerund und somit auch Lucien Favre einen gelungenen Einstand bei Dortmund.   

KEYSTONE/EPA/LUKAS BARTH

Eine Niederlage gegen einen Unterklassigen gleich im ersten Pflichtspiel mit dem neuen Verein wäre ein arger Dämpfer für die Aufbruchstimmung bei den Dortmundern gewesen. Denn nach einem Seuchenjahr mit viel Unruhe, in dem es Gelb-Schwarz wundersam doch noch in die Champions League geschafft hat, wird in Westfalen eine Menge vom Schweizer erwartet. Ja, der Borussia wird sogar zugetraut, den Serienmeister Bayern München ernsthaft herauszufordern.

Davon will Favre, nach Tuchel, Bosz und Stöger der vierte BVB-Trainer in 14 Monaten, natürlich nichts wissen: «Ich weiss, wie gross die Hoffnungen hier sind. Ich will eine Mannschaft aufbauen, die langfristig Titel holen kann. Aber das dauert manchmal zwei oder drei Jahre.» Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gibt sich demütig: «Das Ziel ist die erneute Qualifikation für die Champions League.»

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gibt sich demütig: «Das Ziel ist die erneute Qualifikation für die Champions League.»   

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gibt sich demütig: «Das Ziel ist die erneute Qualifikation für die Champions League.»   

KEYSTONE/EPA/FRIEDEMANN VOGEL

Ein Kompetenzgerangel?

In Dortmund hat man nach Favres Ankunft einen Neustart ausgerufen. Man will sich wieder mehr auf Werte wie Mentalität und Disziplin fokussieren. Mit Sebastian Kehl wurde der ehemalige Captain als Leiter der Lizenzspielerabteilung verpflichtet. Er soll ein Seismograf und Bindeglied sein. Dazu kommt Matthias Sammer als Berater. Manche fragen sich, ob es bei dieser Ballung von Fachwissen nicht zu einem Kompetenzgerangel komme. Zumal da ja auch noch Sportdirektor Michael Zorc ist, der in seine 31. Saison als Spieler oder Funktionär steigt.

Was lässt sich Favre von diesen Herren sagen? In Deutschland hat er sich bei seinen Stationen Hertha Berlin und Borussia Mönchengladbach den Ruf erworben, ein ausgewiesener Fussballexperte zu sein, allerdings nicht immer einfach im Umgang; ein Zauderer und Grübler auch. Beide Engagements endeten denn auch mit Irritationen. Die Gladbacher, die er vor dem Abstieg gerettet und dreimal in den Europacup geführt hatte, verliess er nach einem Saisonfehlstart bei Nacht und Nebel.

Ruhiger geworden

Journalisten, die Favre in diesem Stil kennen gelernt hatten, wollen in dessen ersten Dortmunder Wochen einen anderen Trainer erlebt haben. Sie geben sich überrascht, einen offenen, charmanten und zugänglichen Trainer anzutreffen. Einen ohne Allüren. Eine Zeitung hat geschrieben: Ein knuffiger Kauz. Er würde mehr in sich ruhen, sei nicht mehr so ungeduldig. Was insofern nachvollziehbar wäre, als er nun auch schon 60 Jahre alt und zweifacher Grossvater ist.

Marco Reus (links), der schon bei Gladbach mit Lucien Favre zusammengearbeitet hatte, ist voll des Lobes: «Er ist fachlich und menschlich mein bisher bester Trainer. Er ist unheimlich detailversessen. Es ist ein Wahnsinn: Er sagt dir sogar, welchen Fuss des Mitspielers du anspielen musst.»   

Marco Reus (links), der schon bei Gladbach mit Lucien Favre zusammengearbeitet hatte, ist voll des Lobes: «Er ist fachlich und menschlich mein bisher bester Trainer. Er ist unheimlich detailversessen. Es ist ein Wahnsinn: Er sagt dir sogar, welchen Fuss des Mitspielers du anspielen musst.»   

KEYSTONE/AP/MARTIN MEISSNER

Auf seinen sprichwörtlichen Arbeitseifer aber hat dies keinen Einfluss. Während Bosz im letzten Sommer in der Vorbereitung oft nur einmal täglich trainieren liess, erhöhte Favre das Pensum markant. Dennoch sind die Spieler voll des Lobes. Der vom Trainer zum Captain ernannte Marco Reus, ein Musterschüler des Romands zu Gladbacher Zeiten, sagt: «Er ist fachlich und menschlich mein bisher bester Trainer. Er ist unheimlich detailversessen. Es ist ein Wahnsinn: Er sagt dir sogar, welchen Fuss des Mitspielers du anspielen musst.» Goalie Roman Bürki, neben Marwin Hitz und Manuel Akanji einer von drei Schweizer Spielern, sagt: «Er ist ein Perfektionist.» Mario Götze sagt: «Überragend, wie er die Dinge angeht.» Apropos: Es ist äusserst spannend, zu sehen, ob es Favre gelingt, das abgestürzte Supertalent Götze auf sein altes Niveau zu hieven.

Lucien Favre (rechts) schwärmt von der «mur jaune» in Dortmund: «Ich glaube, es gibt kein Stadion in Europa, das eine solche Kraft entwickeln kann.»

Lucien Favre (rechts) schwärmt von der «mur jaune» in Dortmund: «Ich glaube, es gibt kein Stadion in Europa, das eine solche Kraft entwickeln kann.»

KEYSTONE

An Motivation fehlt es Favre nicht. Nach zwei durchaus erfolgreichen Jahren in Nizza ist er froh, wieder in Deutschland zu sein. Obwohl er hier die letzten sechs Spiele allesamt verloren hatte. «Aber wenn der BVB kommt, ist es unmöglich, abzulehnen», sagt Favre. «Ich mag die Bundesliga. Hier ist Fussball Religion, das ist unglaublich, das ist fantastisch.» Er freut sich auf den Sonntag und das erste Heimspiel gegen Leipzig, wenn er zum 229. Mal in der Bundesliga auf der Bank sitzt. «Sogar in Frankreich sprechen die Leute über die «mur jaune», die «gelbe Mauer» hinter dem einen Tor. Ich glaube, es gibt kein Stadion in Europa, das eine solche Kraft entwickeln kann», schwärmt Favre. Er will die Zuschauer nicht enttäuschen und verspricht ein schnelles Umschaltspiel. «Alles im Leben wird schneller. Das Internet, die Flugzeuge, die Züge und der Fussball», sagt Favre.

Titel «nur» in der Schweiz

Alle in Dortmund lieben Lucien. Aber vor einem Jahr haben auch alle Bosz zugejubelt, bis dieser mit seinem Harakiri-Fussball scheiterte und vom Hof gejagt wurde. Natürlich wird auch Favre am Erfolg gemessen. Einen so grossen Klub wie den BVB mit einer halben Milliarde Euro Umsatz hat er noch nie trainiert und Titel bisher auch «nur» in der Schweiz mit Servette und dem FC Zürich gewonnen. 73 Millionen Euro hat Dortmund in die neuen Spieler Diallo, Delaney, Wolf und Witsel investiert, aber ein Knipser vom Schlag eines Aubameyang fehlt noch im Kader. «Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe», sagt Favre und stellt Reus oder Philipp als «Neuneinhalb» vorne rein.

Von Kylian Mbappe schwärmt Lucien Favre in den höchsten Tönen. Am liebsten würde er den jungen Stürmer zu Dortmund locken. Dies scheint aber nicht realistisch.   

Von Kylian Mbappe schwärmt Lucien Favre in den höchsten Tönen. Am liebsten würde er den jungen Stürmer zu Dortmund locken. Dies scheint aber nicht realistisch.   

MARTIN MEISSNER

Anzunehmen aber ist, dass der BVB demnächst noch einen Angreifer an Land zieht. Am liebsten aber, so hat es Favre «Sport-Bild» erzählt, hätte er Kylian Mbappé und Eden Hazard. «Mbappé ist unglaublich. Er ist 19 und so reif, so clever. Er macht den Unterschied mit viel Intelligenz. Er kann für das Kollektiv spielen, ist schnell. Und wenn Eden Hazard den Ball hat – oh, là là.» Auch ein Bundesligatrainer darf manchmal träumen. Leben muss Favre aber mit einem aus der Preisklasse wie Origi von Liverpool oder Alcacer von Barcelona. Doch so schlecht ist auch das nicht. Watzke ist sich sicher: «Favre wird unsere Erwartungen erfüllen.»