«Mein Traum ist, dass eines Tages irgendjemand meine Lieder summt.» Diese Aussage stammt nicht etwa von einem unbekannten Sänger, der sich nach dem Durchbruch sehnt, sondern von Guillaume Hoarau, dem neuen Stürmer der Young Boys. «Ich kann mir ein Leben ohne die Musik nicht vorstellen», sagt der 30-Jährige über seine grosse Leidenschaft. «Musik kreiert Emotionen. Zwei Personen können die gleiche Musik hören und zwei völlig verschiedene Dinge fühlen», beschreibt er seine Passion.

Hoarau erkennt durchaus Gemeinsamkeiten zwischen seinem Beruf, dem Fussball und der Musik. «Sowohl Fussballer als auch Musiker streben nach Perfektion, pflegen eine professionelle und minuziöse Herangehensweise.» Als er auf Unterschiede angesprochen wird, zögert er lange. «Für normale Leute ist es schwieriger zu singen, als mit den Füssen einen Ball zu spielen», sagt er dann und lächelt verschmitzt. «Die Stimme ist persönlicher als die Füsse», ergänzt er.

Bob Marley und der Sohn sind immer dabei

Auch seine Tattoos zeugen von seiner Leidenschaft. Das grosse Porträtbild der Reggae-Ikone Bob Marley auf der rechten Wade und ein Schriftzug «One Love» mit einem Notenschlüssel auf dem rechten Handgelenk. Aber auch der Name «Andrea», eingraviert auf seinem linken Unterarm. Es ist der Name seines 6-jährigen Sohnes, der in Bordeaux lebt und gerade auf Besuch ist. Auf die Frage, ob er ihm schon die Berge gezeigt habe, antwortet Hoarau: Nein, er habe die Berge auf La Réunion lieber, da es dort wärmer sei.

La Réunion, eine kleine Insel östlich von Madagaskar. Dort ist Hoarau aufgewachsen. Hat mit 18 ein Sportstudium an der Universität begonnen, wollte Sportlehrer werden. Doch dann kam eine Anfrage aus Frankreich, aus Le Havre, und er wollte die Chance nutzen.

Denn Hoarau, der Schlagzeug, Klavier und Gitarre spielt, kann auch ziemlich gut Fussball spielen. Fünf Jahre lang schoss er seine Tore für Paris St. Germain, hatte gar fünf Einsätze in der französischen Nationalmannschaft. Doch als die katarischen Investoren übernahmen, blieb kein Platz mehr für ihn - unter den neuen Stars wie Ibrahimovic.

Das Abenteuer in China

So zog es ihn, der sich selbst als «Abenteurer» bezeichnet, nach China. Im besten Fussballeralter von 28. Darauf angesprochen reagiert er leicht genervt: «Ach, diese Geschichte musste ich schon zehntausendmal wiederholen. Ich bin nach China gegangen, weil ich dort gutes Geld verdienen konnte, um meine Zukunft zu sichern. Aber dank der Erfahrungen in China bin ich gewachsen.» Er habe sich mit eigenen Augen ein Bild machen wollen von China. «Ich habe acht Monate meines Lebens genommen, nicht meiner sportlichen Karriere, wie dies Leute immer sagen, um ein neues Abenteuer zu erleben, das mir keiner mehr nehmen kann», fasst er seinen Aufenthalt im Reich der Mitte zusammen.

Nach einem Jahr in China hatte er genug, wollte zurück nach Hause, zu seinem Sohn. Also nahm er das Angebot des FC Bordeaux an, doch nach einem halben Jahr wurde sein Vertrag nicht verlängert. Dann kam das Angebot von YB, «ein neues Abenteuer», wie er es nennt. Hoarau hat sich gut eingelebt in Bern. Nach zwei Monaten fühlt er sich fit und bereit, der Mannschaft zu helfen. In drei Europa-League-Einsätzen erzielte er ebenso viele Tore. «Ich bin hier bei YB zufrieden, wir spielen in der Meisterschaft oben mit, und haben uns für die Europa League qualifiziert. Wir spielen offensiv, das kommt mir als Stürmer entgegen», sagt er.

Der Traum von Tournee als Musiker

Wie die Zukunft aussieht weiss er nicht: «Ich kann nicht sagen, wie es weitergeht und wie lange ich hier bleibe.» Er hat aber schon einen Traum, wie sein Leben nach der Fussballkarriere verlaufen sollte: «Wenn ich eine Gruppe finde, möchte ich gerne Musik mache, mit der ganzen Familie auf Tournee gehen, das wäre fabelhaft.» Vielleicht wird dann auch jemand seine Lieder summen.