Es ist Juni 2015, als Didier Fischer den Servette FC übernimmt. Hugh Quennec, ein kanadischer Schaumschläger, hat gerade den Zwangsabstieg in die Promotion League verursacht – es droht der Konkurs. Die Verbindlichkeiten belaufen sich nach Jahren atemberaubenden Missmanagements auf mehr als fünf Millionen Franken.

Fischer springt ein, er ist der starke Mann der Fondation Hans Wilsdorf, der Stiftung des gleichnamigen verstorbenen Firmengründers von Rolex. Diese stellt das Gros der Mittel zur Rettung bereit. Bevor Fischer das Amt übernimmt, informiert er seine Familie.

Sein Onkel fragt ihn, ob man vielleicht gleich noch ein gemeinsames Foto machen könnte. Bald sei das ja nicht mehr möglich, wenn er hinter Gittern sitze. Schliesslich seien seine Vorgänger alle Verbrecher gewesen.

Es ist eine gute Pointe. Vor allem darum, weil sie stimmt. Seit Servette 2003 von der Charmilles, diesem Kleinod für Fussballromantiker, in das unsinnige, für die Euro 2008 überproportionierte Stadion La Praille umgezogen ist, zog es fast nur Banditen und Diebe an:

Den Spielervermittler und Pleitier Marc Roger, den iranischen Ganoven Majid Pisyhar, der neben Servette auch noch Admira Wacker in Österreich sowie Beira-Mar in Portugal ruinierte, und Quennec, ein Mann mit guten Absichten und einer sagenhaften Naivität. So naiv, dass er sich sogar vom Nonvaleur Pascal Zuberbühler um den Finger wickeln liess.

Glaubwürdigkeit ist zurück

Servette war ein Synonym für hollywoodeskes Chaos, für Hoffnungslosigkeit. Der 17-fache Schweizer Meister ist tief gefallen, seit der Insolvenz von 2004 hat er nur noch zwei Spielzeiten in der Super League gespielt. Bald könnte sich das ändern, denn seit Rolex den Ton angibt, hat der Klub zur Stabilität zurückgefunden.

Der Präsident Fischer, gerade in der Karibik weilend, hat in seinem Leben mit vielen Dingen gehandelt: Mit Wein und dem Brotaufstrich Cenovis etwa, jetzt ist Hoffnung sein wichtigstes Gut.

Er, der inzwischen auch den ebenfalls ortsansässigen NLA-Eishockeyklub Servette führt, hat den Traditionsverein wie einen Super-League-Klub aufgestellt, das Budget beträgt knapp sechs Millionen Franken – und vor allem hat der Präsident Servette jene Glaubwürdigkeit wiedergegeben, die es in mehr als einer Dekade nie mehr hatte.

Fischer lag nicht bei allen Personalentscheiden richtig, aber seine Vertrauten – unter anderem der als Spieler ehemals in Aarau, Basel und bei YB engagierte Scout Carlos Varela – haben dem antiquierten Trainer Alain Geiger die talentierteste Mannschaft der Challenge League bereitgestellt. Unter anderem den besten Akteur der Liga, den bosnischen Rechtsaussen Miroslav Stevanovic.

Bessere Aussichten als Xamax

Sollte Servette die Promotion tatsächlich bewerkstelligen, sind die Perspektiven substanziell besser als jene des 2018 aufgestiegenen, wirtschaftlich aber limitierten Xamax. Es gibt keinen Grund, weshalb Servette nicht zur dritten Kraft hinter YB und Basel aufsteigen kann – der kostspielige Zuzug der Aarauer Zukunftshoffnung Varol Tasar unterstreicht die Ambitionen.

Die Fondation Hans Wilsdorf hat den stolzen Verein nicht zuletzt darum gerettet, weil es die Verantwortlichen schmerzte, dass der Klub seinen Talenten keine Perspektiven bieten konnte. Der Exodus war enorm, unter anderem verlor Servette die Schweizer Nationalspieler François Moubandje, Dennis Zakaria und Kevin Mbabu.

Und auch: Kevin Bua an Basel, Lorenzo Gonzalez zu Manchester City, den Innenverteidiger Mickaël Rodrigues nach Thun. Sie alle wechselten in sehr jungen Jahren für sehr kleines Geld. Gelingt es, die Juwele länger zu halten, profitiert Servette sportlich wie finanziell.

Noch ist der Weg weit. Trainer Alain Geiger sagte kurz nach seiner Einstellung nicht umsonst, seine wichtigste Aufgabe sei es, dem im Vorjahr hyperfragilen Team eine neue Mentalität zu verpassen. Der Prozess ist nicht abgeschlossen, die Niederlage in Chiasso und der miserable Auftritt beim 0:0 zu Hause gegen Wil belegen das.

Doch es geht voran in Genf, in vielerlei Hinsicht. Gerade wurde bekannt, dass die Geldgeber die überfällige Renovation des Schandflecks La Praille finanzieren werden. Die Absicht ist klar: Verpackung und Inhalt sollen bald wieder in jenem Premiumsegment angesiedelt sein, das für Servette, diese stolze Schweizer Fussballmarke, einst Standard war.

Der letzte Titel, ein Cupsieg unter Trainer Lucien Favre über Yverdon, ist 18 Jahre her. Sollte Servette in diese Sphären zurückfinden: Es wäre ein gutes Sujet für ein Porträtbild von Didier Fischer und seinem Onkel.