Wie ging es hier zu und her, als vor rund zweitausend Jahren das Zentrum der antiken Welt pulsierte? Doch Rom lässt nicht nur die Touristen träumen. Dieser Tage schlafwandeln auch die hier ansässigen Tifosi des Calcio, die Fussballfans, durch die sonnigen und immer noch warmen Tage. Bei 22 Grad fantasiert zumindest die eine fussballerische Hälfte der italienischen Hauptstadt – nicht die eigentlich erfolgreichere AS Roma, sondern die Società Sportiva Lazio.

Lazio Rom: Von Klose bis Cissé

Die blau-weissen Adler schweben vor dem heutigen Europa-League-Spiel gegen den FC Zürich im siebten Himmel. Ihre «Squadra» hat am Wochenende in Cagliari mit 3:0 gewonnen und belegt punktgleich mit Udinese den zweiten Rang der Serie A. Leader Juventus ist nur einen Zähler entfernt. Der Enthusiasmus ist gross. Der Eifer der Sportzeitungen ebenso. Der zweifache Meister (1974/2000) wird bereits zu den Titelkandidaten gezählt. Oder zumindest könne sie eine lästige Mücke sein, welche die grossen Klubs ärgern könne, ist das Urteil der «Gazzetta». Die Konkurrenz vom «Corriere dello Sport» veröffentlichte am Mittwoch über zwei Seiten eine Umfrage bei ehemaligen Lazio-Legenden. Fazit: «Ja, Lazio kann um den Scudetto (Meistertitel) spielen.»

Doch es gibt auch Nüchternheit in Rom. Der Bauherr dieses Erfolges ist der Präsident Claudio Lotito. Der studierte Pädagoge und heutige Besitzer eines Reinigungsunternehmens steht vor dem Sprung in die Politik. 2004 hatte er den überschuldeten Verein übernommen und Schritt für Schritt saniert. Seine Aussage ist sinnbildlich für die Vereinspolitik: «Ich verkaufe keine Träume, sondern eine solide Realität.»

Solid, das ist sein Team, das er im Sommer bedeutend verstärkt hat. Miroslav Klose und Djibril Cissé haben als Stürmer von Weltformat zum Ende ihrer Karriere den Weg nach Rom gefunden und sind in blendender Form. Gemeinsam haben sie in Liga und Europa League schon 11 Treffer produziert, weitere fünf kommen aus dem Kopf und den Füssen des herausragenden brasilianischen zentralen Mittelfeldspielers Hernanes.

Auch Lulic dabei

Zu den Überraschungen zählt auch der Bündner bosnischer Herkunft Senad Lulic. Selbst der Trainer Edy Reja fällt aus allen Wolken. «Er hat auch mich überrascht», sagt er über den Ex-YB-Spieler, «er rennt sehr viel und bleibt trotzdem klar im Kopf.» Lulic habe sich sehr schnell an den italienischen Fussball gewöhnt. «Und was ich überhaupt nicht erwartet hätte», sagt Reja, «er schiesst sogar Tore.»

Zwei hat Lulic bereits erzielt, heute wird er es auch gegen den FCZ aus dem linken Mittelfeld heraus versuchen. Die Offensive Lazios beeindruckt den Trainer des FC Zürich. Urs Fischer zeigt Respekt im weitläufigen Stadio Olimpico: «Klose, Cissé, Hernanes. Da geht die Post ab», sagt Fischer. Dass gleich alle drei gegen den FCZ geschont werden, erachtet er nicht als Vorteil. «Ihre Ersatzbank lässt sich sehen.» Etwa mit Rocchi, der soeben den hundertsten Treffer für seinen Verein geschossen hat. Lazio bleibt auch so eine defensiv kompakte Mannschaft, die schnell angreift.

Beim 1:1 im Hinspiel hatte sich der FCZ in der zweiten Hälfte erdrücken lassen. Das soll nicht mehr geschehen. Aggressiver, mutiger will Fischer sein Team sehen. «Wir sind zwar immer noch nicht in der Meisterschaft angekommen», sagt er, «aber aus den vergangenen Spielen haben wir Selbstvertrauen mitgenommen.» Der Drittletzte der Schweizer Super League blendet in Rom die Realität aus. Fischer will auf Sieg spielen, Youngster Mehmedi sagt frech, dass Lazio nicht Barcelona sei. Der FCZ will träumen. Verboten ist das nicht.