Fussballverband

Der bewegte Mann für die Frauen: Kurt Zuppinger will Präsident des Schweizer Fussballverbandes werden

Kurt Zuppingers Vision für den Schweizerischen Fussballverband: «Wir müssen wieder bodenständiger auftreten.»

Kurt Zuppinger will am 18. Mai Nachfolger von Peter Gilliéron als Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes werden. Wer ist der Mann, der einst Gilbert Gress an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte?

Warum er? Kurt Zuppinger überlegt nicht lange und sagt: «Weil ich Menschen zusammenbringen und begeistern kann. Weil ich gerne führe und langjährige Erfahrung darin habe. Und weil ich nicht abgehoben bin. Mit Sicherheit bin ich nicht der allergrösste Fussballkenner. Aber als früherer Präsident der Ersten Liga und als Vizepräsident des Verbandes kenne ich die Mechanismen.»

Am 18. Mai ist es so weit. Die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Fussballverbandes wählt ihren neuen Präsidenten. Peter Gilliéron, 2009 zum Nachfolger von Ralph Zloczower ernannt, tritt zurück. Die drei Kammern (Swiss Football League, Erste Liga und Amateurliga) treten mit je einem Kandidaten an. Zur Wahl stehen Jean-François Collet, von 2007 bis 2013 Präsident beim damals serbelnden Fussballklub Lausanne. Der Walliser Dominique Blanc, Präsident der Amateurliga. Und als einziger Deutschschweizer Kurt Zuppinger, der Vertreter der Ersten Liga.

Zuppinger? Die Erinnerungen sind verschwommen. Schliesslich sind 22 Jahre vergangen, seit der heute 56-Jährige seine internationale Schiedsrichter-Karriere beendet hat. Eine Geschichte vom Schiedsrichter Zuppinger ist nicht im schwarzen Loch verschwunden. 1. Juni 1997, die zweitletzte Runde: Xamax, einen Punkt hinter Leader Sion klassiert, empfängt Lausanne. Der Neuenburger Adrian Kunz hat das 2:0 auf dem Fuss.

Doch Lausannes Mittelfeldstratege Stefan Rehn rettet auf der Linie – mit der Hand. Penalty und Platzverweis, denken viele. Doch Zuppinger sieht die Szene nicht. Kommt dazu: Wenig später erzielt Rehn das 1:1. Mit hochrotem Kopf keift Xamax-Trainer Gilbert Gress: «Zuppinger soll bei Frau und Kind bleiben, statt so ein Spiel zu leiten.» Zuppinger erinnert sich heute nicht mehr an jenes Spiel. Als Unparteiischer hat er kurze Zeit später aufgehört. Nicht wegen Gress’ Wutausbruch, sondern weil ihn ein Bundesrat vor die Wahl stellte: Job oder Schiedsrichterei.

Wie ein Führungsseminar

Zuppinger wächst in den Solothurner Gemeinden Däniken und Gretzenbach auf. Die Mutter führt den Bahnhofskiosk, der Vater arbeitet in der Schuhfabrik Bally. Eine klassische Mittelstandsfamilie. Neben dem Fussball wecken die SBB sein Interesse. Kompatibel ist das nicht. Denn die Lehre als Betriebsdisponent erfordert unregelmässige Arbeitszeiten. Und so wird aus dem Fussballer Zuppinger der Schiedsrichter Zuppinger.

Er bereut es nicht. Auch wenn seine Frau nach seinem ersten Einsatz in der NLA nie mehr ein Spiel mit ihm als Schiedsrichter im Stadion verfolgte. «Sie war geschockt über die Kommentare der Zuschauer. Natürlich ist das unschön. Aber allein für die Persönlichkeitsentwicklung war die Schiedsrichterei enorm wertvoll. Was man in Führungsseminaren vermittelt bekommt, lernt man als Schiedsrichter auf dem Platz.»

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Das Finanzdepartement von Kaspar Villiger macht Zuppinger 1997 das Angebot, Leiter des Bereichs Human Resources zu werden. Er nimmt an und muss bald konstatieren, dass er 150 statt 100 Prozent arbeitet. Zuppinger denkt mehrmals daran, seine Stelle zu kündigen. Seiner Stellvertreterin geht es nicht wesentlich besser. Bis die beiden beschliessen, den Chef-Posten zu teilen. Es funktioniert und Zuppinger nutzt die Zeit, sich dem Fussball wieder anzunähern.

2006 wird er nicht nur als Präsident der Ersten Liga gewählt, sondern wechselt auch zu den SBB zurück. Seine Aufgabe besteht darin, das Lohnsystem der Bundesbahnen unter die Lupe zu nehmen. 33 000 Mitarbeiter zu prüfen, ob ihr Lohn marktgerecht ist: damit macht man sich nicht nur Freunde.

Also wieder in der Rolle des Buhmanns, wie damals, als Schiedsrichter. Zuppinger hört als Begründung immer wieder: «Die SBB sind nicht vergleichbar mit der Privatwirtschaft.» Diese Begründung lässt er nicht gelten. «Denn wie», fragt erzurück, «soll man den Lohnunterschied zwischen vergleichbaren Funktionen der SBB und dem Markt begründen?» Seit einem Jahr ist er Leiter des SBB-Arbeitsmarktcenters, verantwortlich für die Angestellten, die von Stellenverlust betroffen sind.

Keine Mühe, loszulassen

Die Erste Liga präsidiert er acht Jahre lang. 2014 tritt er zurück. Weil er a) nie Mühe bekundet, ein Kapitel zu schliessen. Sich b) gerne auf Neues einlässt. Und c)  der Überzeugung ist, dass es regelmässig neue Köpfe braucht. Deshalb ist für ihn klar: «Wenn ich als Verbandspräsident gewählt werden sollte, bleibe ich maximal acht Jahre. Nicht länger.» Aber noch ist er nicht gewählt. Allein der Stärkeverhältnisse wegen geht er als Aussenseiter an den Start. Die Amateure dürfen 47, die Profis 28 und die Delegierten der Ersten Liga 26 Stimmen abgeben.

Eine aussichtslose Situation für Zuppinger? Nein. Obwohl Dominique Blanc die grösste Kammer vertritt, würde seine Wahl überraschen. Für den 65-jährigen Gilliéron den 69-jährigen Blanc zu wählen, würde angesichts des Vorhabens, den Verband zu modernisieren, absurd anmuten. Ausserdem soll die Amateurliga beschlossen haben, dass ihre Delegierten im zweiten Wahlgang frei wählen können. Realistisch ist das Szenario, dass im zweiten Wahlgang entweder Zuppinger oder Collet gegen Blanc stehen wird.

Von Collet weiss man, dass er «die Erträge steigern und die Betriebskosten optimieren will». Den Cup zu einem lukrativeren Wettbewerb umstrukturieren und 1200 statt wie bisher 64 Vereine teilnehmen lassen will. «Interessante Ansätze», findet Zuppinger. «Falls ich als Präsident gewählt werde, würde ich Collet ein Angebot machen, den Cup-Wettbewerb neu zu konzipieren. Für mich ist nicht wichtig, wer eine gute Idee hat, sondern dass sie umgesetzt wird.»

Nur, was will Zuppinger als SFV- Präsident erreichen? «Es ist nicht die Macht, die mich reizt, sondern die Aufgabe. Denn ich vermisse eine klare strategische Ausrichtung», sagt er. «Natürlich, die A-Nati ist die Nummer 1. Aber dahinter ist vieles unscharf. Sind die Frauen die Nummer 2, der Cup, die U21, die U17 oder ist es Futsal? Ich würde vor allem die Frauen pushen.» Kürzlich, als er an einem Hearing der Führung der Amateurliga teilnahm, provozierte er die Komiteemitglieder: «Sind wir Männer so viel besser als Frauen? Müssen wir uns nicht fragen, warum wir alle Positionen haben, die auch Frauen besetzen könnten? Das will ich ändern. Ich will mehr Frauen in den Gremien. Und daran werde ich mich auch messen lassen.»

Freunde hat er sich damit nicht gemacht. Aber so tickt Zuppinger. «Wer mich wählt, soll sich hinterher nicht beschweren, dass da einer rüttelt, bewegt und Abläufe hinterfragt.» Kurz: Eine neue Mentalität implementiert, intensiver führt, als es der bisherige Präsident Peter Gilliéron gemacht hat.

Zurück auf den Boden

Zuppinger schwenkt zurück zur WM in Russland. Doppeladler, Doppelbürger-Debatte, Abschottung – das hat ihn ratlos zurückgelassen. «Sie kommunizierten nicht oder nur reaktiv. Es fehlte der Chef, der die Verantwortung übernimmt. Ich denke, Peter Gilliéron würde heute vermutlich vieles anders machen. Und ich kann mir vorstellen, dass wir mit einer Frau in der Führung ein anderes Bild abgegeben hätten.» Und weil Zuppinger spürt, dass sich das Nationalteam von den Fans entfremdet, ist für ihn die Neubesetzung des Nati-Direktors ein zentraler Punkt: «Wir müssen wieder bodenständiger auftreten.»

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Autor

François Schmid-Bechtel

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