Ligue 2
Der «Anti-Constantin»: Claude Michy ist der Gegenentwurf zum Sion-Präsidenten

«Es ist ein Vorteil, dass ich nicht aus dem Fussballmilieu komme», sagt er. Der Klubpräsident des Zweitligisten Clermont Foot Claude Michy hat keine Ahnung vom Milieu und gerade deshalb Erfolg.

Klaus Zaugg
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Claude Michy führt als Präsident Clermont Foot unkonventionell, aber sehr erfolgreich.

Claude Michy führt als Präsident Clermont Foot unkonventionell, aber sehr erfolgreich.

Claude Michy ist Frankreichs erfolgreichster Fussballunternehmer. Der 67-Jährige beschäftigt mit Corinne Diacre die einzige weibliche Trainerin im französischen Profifussball und ist in seinem Wesen und Wirken so ziemlich das Gegenstück zu unserem Christian Constantin.

Eigentlich ist Michy ein französischer «Töffgeneral». Seine Leidenschaft ist der Motorsport. Er besitzt seit mehr als 20 Jahren die Rechte am Töff-GP von Frankreich und hat den notorisch defizitären Anlass längst zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten GP mit einem Budget von rund sieben Millionen Euro gemacht. Und er fuhr erfolgreich Autorennen bis hinauf zur Formel 2.

Ahnungslosigkeit als Erfolgsformel

2005 hat Claude Michy 85 Prozent der Aktien des französischen Zweitligisten Clermont Foot übernommen. Inzwischen ist der Klub einer der erfolgreichsten der zweiten Liga – und rentabel. Ja, der überaus medienscheue Gentleman, der kaum Interviews gibt – «es sei denn, ich habe etwas Wichtiges für den Klub mitzuteilen» –, sagt: «Wenn ich einmal für Männer, die einem Ball hinterherrennen, Geld drauflegen muss, dann habe ich etwas falsch gemacht.» Als Grund für den Erfolg sieht er seine Ahnungslosigkeit und seine Unabhängigkeit: «Es ist ein Vorteil, dass ich nicht aus dem Fussballmilieu komme und nicht auf den Fussball angewiesen bin.»

Das ist wohl auch der Grund, warum er entgegen allen Gewohnheiten und Ratschlägen eine weibliche Cheftrainerin beschäftigt. Im Mai 2014 sorgte er mit der Verpflichtung der ehemaligen portugiesischen Spielerin Helena Margarine dos Santos Costas als Trainerin für ein Novum. Sie wäre die erste Frau in der Geschichte des französischen und nach Carolina Morace (Viterbese Calcio) die zweite im europäischen Profifussball gewesen. Nach nur wenigen Stunden trat Costas jedoch wieder von ihrem Trainerposten zurück. Was Michy nicht irritierte. Er hat an ihrer Stelle die französische Ex-Nationalspielerin Corinne Diacre engagiert und ihren Vertrag soeben um zwei Jahre verlängert. Sie ist die einzige weibliche Führungskraft. Ihre Assistenten sind männlich.

Ihr Erfolg ist erstaunlich. Clermont Foot, 1911 gegründet, aber noch nie in der höchsten Liga, hat immer noch Chancen auf den Aufstieg, auch wenn am Montag das Spitzenspiel gegen Red Star 0:2 verloren ging. Und der Erfolg ist nicht eine Frage des Geldes. Claude Michy sagt: «Wir arbeiten mit einem Budget von rund sieben Millionen Euro.» In einer Liga mit Klubs, die bis zu 30 Millionen Euro ausgeben. Er spart auch Geld beim Büropersonal. «Wir haben mit weniger als zehn Vollzeitstellen die kleinste Administration im gesamten französischen Profi-Fussball. Zwei Stellen habe ich mit Buchhaltern besetzt. Die Zahlen müssen stimmen.»

Kein Sportchef

Einen Sportchef beschäftige er nicht mehr. Transfers bespreche er mit seiner Trainerin, die Verhandlungen führe er selber. «Ich muss ja auch die Verträge unterschreiben.» Für die Spieleragenten dürfte er eine harte Nuss sein. Der Durchschnittslohn liege bei weniger als 10 000 Euro im Monat und Spieler muss er auch nie verkaufen. «Man wollte kürzlich einen unserer Spieler. Ich hörte zu und sagte Nein. Dann richtete man mir aus, es komme eine Offerte, die meine Meinung ändern werde. Ich sagte: Nicht nötig, ich brauche kein Geld.»

In Clermont-Ferrand, der Stadt mit rund 140 000 Einwohnern, ist der Fussballklub nicht einmal die Nummer eins. Alles wird vom Rugby-Team dominiert, das zu den besten im Lande zählt und im Schnitt mehr als viermal so viele Fans anlockt wie Clermont Foot – Zuschauerschnitt rund 4000. Der ortsansässige Weltkonzern Michelin alimentiert nur Rugby, nicht aber Fussball.

Claude Michy legt, wie seine Trainerin, Wert auf Disziplin und anständiges Benehmen: «Wir führen die Fairplayrangliste der Liga an.» Anstand gegenüber Schiedsrichtern sei ihm wichtig, und es hat ihn gefreut, dass ihm kürzlich ein Schiedsrichter beim Abschied sagte, seine Spieler seien die anständigsten der Liga. Kommentare zu Schiedsrichterleistungen gibt es von ihm nie. Da dürfte er wahrlich der fussballerische Gegenentwurf zu Christian Constantin sein.