Er hätte ein Karriere-Höhepunkt werden sollen, doch der 29. Mai 2011 wurde einer der schlimmsten Tage für ihn. Cupfinal in Basel, ausverkauftes Haus, 37 500 Zuschauer. Aussenseiter Xamax trifft auf Cup-Macht Sion.

«Es war das grösste Spiel, das ich mir vorstellen konnte», sagt Raphaël Nuzzolo rückblickend. Als Captain führt er die Neuenburger ins Joggeli, das schwarze X auf rotem Grund stolz auf der Brust. Schon nach knapp sechs Minuten liegt sein Team 0:2 hinten. Zweimal verschätzt sich Torhüter Jean-François Bédénik.

Bulat Tschagajew ist für den schlimmsten Tag in Nuzzolos Karriere verantwortlich.

Bulat Tschagajew ist für den schlimmsten Tag in Nuzzolos Karriere verantwortlich.

In der Pause der grosse Auftritt des neuen Klubbesitzers, Bulat Tschagajew. Der Tschetschene knöpft sich den Xamax-Goalie vor, schreit den Franzosen an: «Du spielst nie mehr für Xamax. Wenn wir verlieren, bist du tot.» Am liebsten würde Nuzzolo danach in der Kabine bleiben. «Tschagajew hat uns gebrochen. Es war schlimm, richtig schlimm. Er hat meinen Cupfinal zerstört», sagt er.

Kurz darauf die Vertragsauflösung. Dabei hatte Nuzzolo erst im Winter für vier Jahre verlängert. Doch er wollte nur noch weg. Der familiäre Klub, den er als 18-Jähriger nach seinem Wechsel von Biel nach Neuenburg kennen gelernt hatte, damals noch immer unter dem Einfluss von Gilbert Facchinetti, dem Patron, dem Monsieur Xamax, der das Team vor Spielen zu sich zum Essen lud, der Klub war ihm fremd geworden. Unter Tschagajew herrschte ein Klima der Angst.

Bern ist die zweite Liebe

Der einstige Captain ging, ohne ein Angebot zu haben. Doch schnell öffnen sich neue Türen. Sein ehemaliger Teamkollege Pascal Zuberbühler und Trainer-Legende Christian Gross locken ihn nach Bern. Phase 3, Grossangriff auf den FC Basel. Gross erwartet viel von seinem neuen Flügel, Nuzzolo zerbricht an den Erwartungen.

«Manchmal war ich am Boden, wenn ich zu Hause ankam. Ich war einfach nicht bereit für das», sagt Nuzzolo, der auch während seiner Zeit bei Gelbschwarz immer in Neuenburg wohnte. Trotzdem: Christian Gross möchte er nicht missen, bis heute ist er beeindruckt von ihm.

Bern wird sein zweite grosse Liebe. Die Zeit in der Hauptstadt prägt ihn, beschert ihm Freunde fürs Leben. Noch heute kehrt er regelmässig zurück. Beim SCB ist er regelmässiger und gern gesehener Gast. Und auch im Wankdorf trifft er auf Freunde. Mit Sportchef Christoph Spycher isst er hin und wieder zu Mittag, Guillaume Hoarau wurde vom Idol, das er als PSG-Fan aus dem TV kannte, zum Freund.

Steve von Bergen ist der Götti von Raphael Nuzzolos Sohn.

Steve von Bergen ist der Götti von Raphael Nuzzolos Sohn.

YB-Captain Steve von Bergen ist Götti seines bald vierjährigen Sohnes Pablo. «Er ist immer noch YB-Fan», sagt Nuzzolo und lacht. Beim 7:1 der Berner gegen den FCB sitzt er zusammen mit seinem Sohn auf der Tribüne im Stade de Suisse. Am Schluss steht Pablo mit seinem Götti vor der YB-Kurve und feiert. «Leider konnte Pablo mit uns noch nicht so oft feiern», sagt sein Vater.

Nach gutem Saisonstart rutschte Xamax in die Krise, konnte bis heute erst einen Sieg in der Maladière feiern, Ende September gegen Lugano. Es folgte ein Unentschieden gegen Sion – und trotzdem rutschten die Neuenburger auf den letzten Platz ab.

Ziel: Sportchef von Xamax

Jetzt kehrt Nuzzolo mit seinem Team zurück ins Joggeli zum Duell gegen den FCB. «Für mich ist es immer noch der grosse FC Basel. Ich bin seit bald 18 Jahren Profi, aber der FCB war immer die dominierende Mannschaft. Ich habe immer noch sehr grossen Respekt», sagt der Xamax-Captain.

Ein Unentschieden in Basel «wäre grossartig», erklärt Xamax-Präsident Christian Binggeli, ein Sieg «der Exploit dieses Herbsts». Auch wenn YB die Basler nach acht Titeln in Folge vom Thron gestürzt hat. Seither, so Nuzzolo, sei der FCB auf der Suche. Nach dem Erfolg, der Balance im Team, der Mischung zwischen Routine und jugendlicher Unbeschwertheit.

Geplagt von Zweifeln, gebremst von Rückschlägen. «Ich sehe Basel heute in der Situation, inder sich YB jahrelang befand», schliesst Nuzzolo. Von einer neuen Zeitrechnung will er nichts wissen. Basel sieht er in einer Saison des «Wiederaufbaus». «Nächstes Jahr wird es wieder richtig eng.»

Und er will dabei sein. Trotz seiner 35 Jahre will Nuzzolo noch mindestens ein Profijahr anhängen. Am liebsten bei Xamax, am liebsten in der Super League. Sein Präsident sagt, er müsse das Team «verjüngen». Aber er weiss, was er an Nuzzolo hat. Von zwölf Xamax-Toren hat der Captain fünf geschossen und vier vorbereitet.

Aber seine Bedeutung geht weit über das hinaus. Binggeli: «Er ist eines unserer Aushängeschilder, hat viel zum Image von Xamax beigetragen.» Er ist so etwas wie der neue Monsieur Xamax. Ein Musterprofi. Ausser einem Schlüsselbeinbruch nie verletzt. Und irgendwann möchte er Sportchef sein. Bei Xamax. Seiner ersten grossen Liebe.