Fussball
David Degen: «Ich und Philipp streiten häufig»

Der neue «Nordwestschweiz»-Kolumnist David Degen über sein Leben als Ex-Fussballer, was er heute mit etwas Abstand über den FC Basel sagt und warum er einen Abgang über die Hintertür wollte.

Christian Dorer und Sebastian Wendel
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Ex-Fussballer David Degen.

Ex-Fussballer David Degen.

Chris Iseli

Seit neun Monaten sind Sie kein Fussballprofi mehr. Wie viele Kilos haben Sie zugelegt?

David Degen: Zwei, höchstens drei – aber nur Muskelmasse.

Wie das?

Mit Thaiboxen und Joggen. Aber ich gebe zu: Es gibt Momente, in denen ich mich dazu motivieren muss, weiter Sport zu treiben, das war die grösste Herausforderung nach dem Karriereende. Ich habe mein Leben lang Sport gemacht. Da liegt es auf der Hand, mal eine Zeit lang nichts zu machen. Aber ich habe den Anspruch an mich selber, topfit zu bleiben.

Welche Sünden gönnen Sie sich nun, die als Profi nicht erlaubt waren?

Ich besuche mehr Veranstaltungen – kürzlich war ich mit Kollegen am Karneval in Köln. Beim Essen hingegen greife ich weniger zu als vorher: Als Profisportler braucht man Unmengen von Kalorien, jetzt brauche ich weniger. Ich fülle den Teller nur noch einmal.

David Degen: Zur Person

Zusammen mit Zwillingsbruder Philipp am 15. Februar 1983 zur Welt gekommen, stand David Degen als Profifussballer beim FC Basel, FC Aarau, Borussia Mönchengladbach, Young Boys Bern und wieder beim FCB unter Vertrag. Im Juni 2014 gab der 17-fache Schweizer Nationalspieler in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» seinen Rücktritt bekannt. Seitdem studiert er an der Uni St. Gallen, macht das Helikopter-Brevet und ist als Geschäftsmann tätig.

Das braucht viel Selbstdisziplin.

Damit habe ich kein Problem. Eher problematisch ist, dass ich nicht einfach ein bisschen joggen kann – ich renne dann wie ein Stier durch den Wald. Es ist der ewige Drang in mir drin, dass wenn ich etwas tue, dann zu 100 Prozent.

Künftig erscheint in dieser Zeitung alle zwei Wochen eine Kolumne von Ihnen, am Samstag die erste. Was dürfen wir erwarten?

Offene, ehrliche und direkte Statements. Ich bin nicht der wilde Heckenschütze. Mir ist eine fundierte Meinung wichtig, die auf der Wahrheit basiert.

Wie sieht eigentlich ein typischer Tag in Ihrem neuen Leben aus?

Immer verschieden. Einmal Schule, am anderen Tag lernen für das Helikopter-Brevet, dann kümmere ich mich um meine Geschäfte.

David Degen im Interview mit der «Nordwestschweiz».

David Degen im Interview mit der «Nordwestschweiz».

Chris Iseli

Und einfach mal auf dem Sofa liegen?

Nie. Das ist verlorene Zeit.

Früher war alles geregelt, plötzlich müssen Sie Ihren Alltag selber gestalten – fällt das schwer?

Das ist die entscheidende Frage für ehemalige Profisportler! Die meisten Fussballer haben grösste Mühe, nach ihrer Karriere das Leben selber in die Hand zu nehmen. Ganz simple Dinge: Wann stehe ich auf? Was mache ich heute? Was morgen? Was sind meine neuen Ziele? Damit haben die meisten Mühe: Jetzt spiele ich nicht mehr – macht mein Leben überhaupt noch Sinn? Ich verdiene nicht mehr viel Geld, bin nicht mehr in der Zeitung, dieser und jener ruft mich nicht mehr an, ich habe keine Schulterklopfer mehr – das zu realisieren, fällt den meisten unglaublich schwer.

Es gibt wenige Fussballer, die nach ihrer Karriere Erfolg haben.

Das ist so. Darum habe ich mir immer geschworen: Ich nehme mein Schicksal selber in die Hände. Deswegen sind Philipp und ich uns früher oft in die Haare geraten, weil er das anders gesehen hat.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Das Hauptziel ist: Gesund sein. In fünf Jahren will ich auch einen MBA der Uni St. Gallen in der Tasche haben. Ich hoffe, ich werde regelmässig Helikopter fliegen. Daneben stehen weiter Projekte an: Aktuell stehe ich in Zusammenarbeit mit einem deutschen Internetunternehmer vor der Realisation einer Fussball-App. Wir greifen einen Trend aus Amerika auf, bei dem jedermann kurze Fussball-Videos auf dem Handy schneiden und veröffentlichen kann.

Sie investieren Ihr eigenes und das Geld Ihres Zwillingsbruders Philipp. Wie laufen die Geschäfte?

Mal so und mal anders. Seit ich nicht mehr Fussball spiele, kann ich mich der Projekte selber annehmen und stehe nicht nur als Investor dahinter. Ich mache nur noch Dinge, bei denen ich volle Akteneinsicht habe.

Sind Sie und Philipp stets einer Meinung?

Was Risiko angeht, sind wir grundverschieden. Ich bin deutlich risikoaffiner. Wenn ich an etwas glaube, gebe ich Vollgas und bin überzeugt, Erfolg zu haben.

Mit Vollgas tut der Aufprall gegen die Wand umso mehr weh.

Natürlich. An die Fussball-App glaube ich zu 100 Prozent – aber in einem halben Jahr bin ich vielleicht grausam auf die Schnauze geflogen. Diese Diskussion führe ich oft mit Philipp, wir streiten deswegen auch häufig. Er ist viel mehr auf Sicherheit aus.

Vor einem Jahr hat Ihr Vater über Sie und Philipp gesagt: «Die beiden würden nach zwei Monaten ohne Fussball wieder anfangen. Sie könnten gar nicht anders.» Hat er sich geirrt?

Mein Vater hat da noch nicht gewusst, dass ich aufhören werde. Er hat unsere schwierige Situation unter Murat Yakin auch mitbekommen, aber gedacht, dass Fussball immer noch alles für uns sei. In mir gediehen aber die gegenteiligen Gedanken. Ich habe mich in jedem Training gefragt: Warum tun wir dies und das? Diese Entwicklung war Gift.

Warum?

Weil im Fussball denken nicht gefragt ist. Fussballer sind Soldaten, die nur ausführen müssen: Soldat geh links, Soldat geh rechts. Wenn du als Fussballer beginnst zu überlegen, verstehst du gar nichts mehr. Vor allem nichts von dem, was der Trainer macht. Wenn der Trainer in eine Negativspirale gerät, kommt er kaum mehr aus ihr heraus. Warum? Weil er sich nie selber hinterfragt. Ein Trainer hat immer das Gefühl, seine Aufstellung und Taktik sei sowieso die beste. Dabei geht es doch um etwas anders ...

Bitte?

80 Prozent im Fussball sind Psychologie. Wie stelle ich als Trainer das Gefüge zusammen, damit es harmoniert? Wer das schafft, gewinnt immer. Dann braucht der Trainer an der Seitenlinie nicht wie ein Hampelmann rumzufuchteln.

David Degen im Interview mit der «Nordwestschweiz»

David Degen im Interview mit der «Nordwestschweiz»

Chris Iseli

Können Sie sich eine Rückkehr ins Fussball-Business vorstellen?

Ich würde gern eines Tages in einem Verein im Verwaltungsrat mitwirken. Sportchef oder Trainer widerstreben mir. Ich werde nie der sein, der mit Spielern verhandelt. Ich bin gerne im Gremium, in dem der Sportchef Spieler präsentiert, die er verpflichten will und ich meinen Senf dazugeben kann.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Philipp verändert, seit Sie aufgehört haben?

Wir haben öfter als früher Meinungsverschiedenheiten. Der Grund ist die Entwicklung, die ich seit Sommer durchmache. Ich bin nicht mehr in diesem Fussball-Zirkus drin. Mir geht es viel stärker um die Beziehung zwischen Menschen. Ich verbringe nur noch Zeit mit Menschen, die mir guttun. Als Fussballer hat man einen ganz anderen Blick, dauernd klopfen einem die Menschen auf die Schulter. Man fühlt sich als grosser, unantastbarer Star.

Wie schätzen Sie Philipps Situation beim FCB ein? Es fällt auf, dass Trainer Paulo Sousa in entscheidenden Spielen wie in Liverpool oder gegen Porto auf ihn verzichtet.

Jetzt sieht es dann aus, als wollte ich hier Werbung für meinen Zwillingsbruder machen. Aber auch objektiv gesehen muss man feststellen: Nach den Leistungen, die Philipp vor dem Liverpool-Spiel gezeigt hat, war es einigermassen überraschend, dass er auf die Bank musste. Aber: Basel ist weitergekommen, der Trainer somit im Recht.

Und gegen Porto?

Wenn man Philipp volles Vertrauen schenkt, gibt es für mich keine Diskussion, wer beim FCB hinten rechts verteidigen sollte. Es heisst immer, defensiv sei er zu schwach. Aber gegen Real Madrid – gegen Real Madrid! – hat er hinten dichtgemacht. Wenn ein Trainer mauern will, dann ist Philipp vielleicht nicht der Richtige – okay. Aber dann muss man es ihm erklären.

Trotzdem hat er den Vertrag verlängert.

Nach seinen Leistungen in der Vorrunde hätte mich alles andere verwundert. Will der FCB einen Spieler seiner Qualität, muss er viel Geld in die Hand nehmen.

Haben Sie noch Freunde beim FCB?

Ab und zu telefoniere ich mit Spielern oder wir schreiben über Whatsapp. Mehr nicht.

Wie ist es für Sie, die FCB-Spiele von der Tribüne aus zu verfolgen?

Ich war nur vier Mal im Stadion bei den Champions-League-Spielen, den Rest schaue ich am TV. Ich verfolge die Spiele völlig sachlich und objektiv. Nach dem GC-Spiel vor drei Wochen habe ich Philipp angerufen und gesagt: Schau, wir müssen nicht diskutieren. Du warst nicht gut und nicht schlecht – aber der Trainer hat dich rausgenommen. Akzeptiere es!

Was sagen Sie zum neuen FC Basel unter Paulo Sousa?

Bislang hat Sousa alle Ziele erreicht – das zählt. Nach fünf Titeln in Serie muss man sich als FCB die Frage stellten: Wie will ich Nummer 6, 7 und 8 gewinnen? Für mich gibt es da nur eine Antwort: So wie Bayern München in Deutschland, also mit riesigem Punktevorsprung.

Bayern hat mit Pep Guardiola auch eine neue Trainer-Kultur in den Verein gebracht.

Aber Bayern ist nochmals eine ganz andere Welt als der Schweizer FCB ...

Basel und Bayern haben das gleiche gewollt: Nach vielen Erfolgen neue Reizpunkte setzen.

Ich kenne Paulo Sousa nicht persönlich. Darum kann ich nicht sagen, wie gut er als Trainer ist.

Würden Sie heute noch spielen, wenn Ihr letzter Trainer nicht Murat Yakin gewesen wäre?

Das ist eine sehr gute Frage. Die Entscheidung, aufzuhören, hatte nichts mit Murat zu tun. Er hat sie einfach beschleunigt. Mit einem anderen Trainer würde ich heute vielleicht noch spielen – aber spätestens im kommenden Sommer aufhören.

Ihr Abgang war einer durch die Hintertür.

Richtig. Noch heute fragen mich Leute: Was, du hast aufgehört? (Lacht.)

War es der Abgang, den Sie verdient haben?

Ich wollte so gehen. Ich brauche keine Blumensträusse und lange Abschiedsreden. Habe ich mich vom Leben verabschiedet? Nein! Ich habe einen Beruf beendet und einen neuen angefangen.

Sie waren 14 Jahre lang Profi. Kann es überhaupt noch besser kommen im Leben?

Der Fussball hat seit Kindesbeinen mein Leben bestimmt. Wegen des Willens, Fussballer zu werden, habe ich die UBS-Lehre abgebrochen, das Gymi fallen lassen – ich habe für den Fussball alles fallen lassen. Der Fussball steht jetzt nicht mehr im Mittelpunkt, aber ihm habe ich alles zu verdanken.