Bist du wahnsinnig geworden? Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn ich von meinem Wochenende erzähle. Freitag, Samstag, Sonntag, immer vor dem Fernseher, immer Fussball gucken.

Wahnsinnig? Von wegen! 28 Stunden Fussball, ist doch eine grossartige Idee. Ein richtiger Männertraum halt. Kurz geht mir doch noch durch den Kopf: Zum Glück hat die Herzallerliebste Wochenenddienst im Spital...

Freitagnachmittag, noch ein paar Stunden, bis ich in meine eigene Fussball-Welt eintauche. Ich gehe einkaufen, koche Spaghetti zur Reserve. Ich bin in euphorischer Vorfreude. Auch das Internet trübt die Stimmung nicht. Es erzählt, dass mein bevorstehender Marathon geradezu lächerlich ist, verglichen mit den beiden australischen Frauen, die 2010 während der Fussball-WM ganze 87 Stunden am Stück vor dem TV verbrachten. Meine Regeln lauten: Bier erst ab 20 Uhr, sonst leidet die Aufmerksamkeit zu stark. Kalorien zählen ab Montag wieder. Besuch zur Unterstützung erlaubt.

20 Zentimeter kleiner – Zufall?

Endlich! 18 Uhr 30. Es geht los. 2. Bundesliga zwar. Aber ich bin topmotiviert. Nach fünf Minuten schon das erste Tor. Es entgeht mir keine Szene, ich schreibe alles gewissenhaft in mein «Fussball-Marathon-Tagebuch». Dort steht: «Erster Ärger: Warum muss sich dieser Poulsen immer das Haar-Bändeli richten?»
Wer dachte, Greuther Fürth gegen FSV Frankfurt sei kein Gassenhauer, irrt. 2:5. Sieben Tore, hoffentlich war das nicht schon der Höhepunkt des Wochenendes. Dem Stürmer Vincenco Grifo verleihe ich vorübergehend den Award für das «Wullinger-Tor-des-TV-Marathon-Weekends».

Um 20.22 Uhr habe ich acht Minuten Zeit, Rafael Nadal verlieren zu sehen. Dann gehts weiter. 1. Bundesliga jetzt. Bremen gegen Köln. Erste Einschlafgefahr. Zum Glück findet dieses Spiel nicht am Sonntagabend statt. Nadal muss auf dem Handy verlieren. In der Pause analysiert Marcel Koller die Schwalbe «seines» Österreichers Junuzovic. «Koller 20 Zentimeter kleiner als Moderatorin – Zufall?» steht im Tagebuch. Es kommt, wie es kommen muss. Das einzige Tor fällt ausgerechnet, als ich die Frühlingsrollen aus dem Backofen hole. Um 22.20 Uhr ist Schluss. 13 Tore bisher. Solider Start.

Geniessen, nicht analysieren!

Samstagmorgen. Ich muss die Zeit nutzen. Waschen. Putzen. Aufräumen. Bald kommt ein SMS von den Eltern: «Wir essen um 13.00, wer möchte dabei sein?» Schade, dann läuft wieder 2. Bundesliga. Oder soll ich trotzdem, nur kurz? Nein, hart bleiben! Der Fussball ruft. Ich hole den Toaster, gönne mir ein hausgemachtes Tatar zur Belohnung.
Der Nachmittag nimmt bald Fahrt auf. Ob das an der Premier League liegt? Klar! Wie West Ham den Titelverteidiger Manchester City bearbeitet, überrennt und schliesslich besiegt, ist grosse Klasse. Das ganze Stadion singt «I’m forever blowing bubbles!», die Vereinshymne. Gänsehaut. «Jetzt ist nicht die Zeit für Analysen, geniessen Sie den Moment», sagt der Kommentator. Ich bin begeistert. Geile Idee, so ein Fussball-TV-Wochenende!

Die Minuten rasen. Ein Höhepunkt jagt den nächsten. Leiden mit Haris Seferovic ist das Motto. Frankfurt - Stuttgart, zwar nicht live, es läuft Bundesliga-Konferenz, aber immer wieder schreit einer «Tor in Frankfurt!» Es ist der Wahnsinn. Vom 1:0 (Seferovic: Latte) zum 1:3 (Seferovic: machtlos) zum 4:3 (Seferovic: Immer irgendwie im Brennpunkt ) zum 4:5 (Seferovic: rote Karte wegen gestenreicher Aufforderung an den Schiri, sich eine Sehhilfe zu beschaffen). Wie konnte ich nur Angst vor Langeweile haben?

Spiel der grossen Fragen

Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Der kurze Abstecher nach Frankreich zu Paris gegen Bordeaux lohnt sich. Und wie! Rote Karte. Rote Karte. Grossartiger Freistoss an den Pfosten. Ball aus einem Meter unfassbar übers Tor. Penalty. Tor. Alles in 20 Fussballminuten. Zum Glück entscheide ich mich danach für eine Viertelstunde Thun - Aarau. Runterfahren. Erholen. Es passiert: Nichts. Die Pizza kommt (ade Bier-Regel!). Rechtzeitig zum Clasico. Zu diesem Spiel der grossen Fragen.

Gibt es ein Duell, das mehr elektrisiert als Real - Barça? Wird Luis Suarez das entscheidende Puzzle-Teil, das Barcelona zurück auf Europas Thron bringt? Schiessen Pepe und Ramos immer Kopftore, weil sie mit ihrer grimmig-grässlichen Mimik die Gegner fernhalten? Wäre nicht Ricardo Rodriguez der perfekte linke Aussenverteidiger für Barcelona? Hat WM-Held James auch einen rechten Fuss? Freut sich jemand mit Ronaldo, wenn er – und das geschieht ziemlich oft – ein Tor erzielt? Ist das Mittelfeld von Barcelona mittlerweile um Sekundenbruchteile zu langsam in seinen Gedanken, um die Macht aufrechtzuerhalten? Ist Iker Casillas wirklich so schlecht geworden? Ist es clever, nach der Einwechslung als Erstes einen Eckball zu treten?

Nein, ist es nicht. Das muss Ivan Rakitic erfahren. 61. Minute. Xavi raus. Rakitic rein. Eben: Eckball. Flach. Direkt in die Füsse eines Real-Spielers. Konter. Tor. 3:1. Feierabend. Schade, eine prickelnde Schlussphase hätte diesem Spiel die Krone aufgesetzt. Trotzdem: Mögen die beiden Teams doch möglichst auch in der ChampionsLeague aufeinandertreffen!

Angst vor Träumen

Es ist jetzt kurz vor 20 Uhr. Und es beginnt die grösste Herausforderung. Das grosse Zappen. Von Spiel zu Spiel, keines ist mehr prickelnd. Ob Leverkusen - Schalke, Basel - Sion, Sampdoria -Roma oder Arouca - Porto, die Luft ist draussen. Ich ertappe mich, wie plötzlich der Artikel über Ecopop am Handy interessanter ist. Oder ein Handy-Game. Jetzt schleichen die Minuten plötzlich. Immerhin kann ich WM-Final-Goalie Romero vorübergehend den Award für die «Wullinger-Parade-des-TV-Marathon-Weekends» verleihen. Mehr nicht.

Als die Live-Spiele vorbei sind, habe ich plötzlich das Bedürfnis, auch noch die Fussball-Magazin-Sendungen zu schauen. Ich möchte Vertiefung, Interviews. Ich muss mich richtiggehend zwingen, den Fernseher dann abzuschalten. Vor dem Schlafen besteht die Welt plötzlich nur noch aus Fussball, Fussball, Fussball. Hoffentlich träume ich nicht auch noch davon.

Sehnsucht nach dem «Tatort»

Sonntag. Die Motivation sinkt bedrohlich. Darf der Brunch nicht noch ein bisschen länger dauern? Muss ich den Tisch wirklich schon verlassen? Über etwas anderes reden als Fussball, tut auch gut. Eine halbe Stunde lasse ich sausen. Vertretbar, meine ich.

Die Serie A begeistert mich nicht gerade. Heimlich schaue ich mir im Internet noch einmal die Fans von West Ham an, die «I’m forever blowing bubbles» singen. Zum Glück stehen die Spitzenspiele in England und Deutschland an. Sie ziehen mich noch einmal voll in den Bann. Es ist ein Tag der Torhüter. United-Torhüter De Gea erobert den «Wullinger-Parade-des-TV-Marathon-Weekends»-Award. Bitter, dass er Sekunden danach trotzdem ein Gegentor kassiert. Der Berg an Essensresten und Geschirr auf dem TV-Tisch wächst derweil dramatisch. Kaffee, Eistee, Popcorn, Weihnachtsguetsli, Bier, Spaghetti, ich esse und trinke jetzt alles wild durcheinander.

Am Abend verspüre ich deutliche Anzeichen eines Fussball-Katers. Ich muss jetzt ganz schnell verdrängen, dass eigentlich auch noch der «Tatort» laufen würde. Die Konzentration auf das Wesentliche sinkt von Minute zu Minute. Am Freitag habe ich mir fest vorgenommen, für jedes Tor ein Strichli ins Tagebuch zu machen. Keine Ahnung, ob die Zahl noch stimmt. 63 Tore sollen es sein bis anhin. Moment, Marseille mit der Chance . . . Nein, immer noch 63. Die meisten davon am Samstag.
Es ist 22:54 Uhr. Lyon gegen Marseille geht in die Nachspielzeit. Mein Fussball-TV-Marathon neigt sich dem Ende zu. Würde ich es wieder tun? Wahrscheinlich schon. Auch wenn der Rücken mittlerweile schmerzt. Aber hoffentlich fragt mich am Montag niemand, wie all die Spiele ausgegangen sind.

Was bisher geschah:

Freitag, 18.30 Uhr: Mein Marathon startet mit der Konferenz der 2. Bundesliga. Es gibt Fussball aus der Dose. Rasenball Leipzig, unterstützt vom Flügelverleihenden Getränk, gegen Bochum mit Kult-Trainer Neururer. Bei aller Schweizer Torhüter-Kraft in der Bundesliga geht manchmal vergessen: Wir haben auch noch einen in der 2. Bundesliga. Fabio Coltorti kommt für Leipzig nach Verletzungspause zum ersten Saisoneinsatz. Coltorti und Leipzig siegen 2:0.

Samstag, 13:00 Uhr: Apropos Torhüter: Lars Unnerstall, im letzten Frühling beim FC Aarau, absolviert für Fortuna Düsseldorf seinen ersten Einsatz. Das Duell um die Nr. 1 gegen Michael Rensing hat er zwar verloren – aber heute kommt er zu seiner Chance. Lange mit Erfolg. Düsseldorf führt 1:0 – bis in die Nachspielzeit. Dann fällt das 1:1, Unnerstall ist machtlos.

Samstag, 13:45 Uhr: Auf in die Premier League! Titelverteidiger Manchester City ist zu Gast bei West Ham United. Und kommt gehörig unter die Räder. West Ham kämpft und rennt und kämpft und rennt. Unermüdlich. Angeführt vom überragenden Alex Song (gekommen im Sommer vom FC Barcelona) gelingt tatsächlich der 2:1-Sieg.

Samstag, 15:45 Uhr: Weiter geht’s zur Konferenz der 1. Bundesliga. Wir kommen gerade rechtzeitig zum Duell der Schweizer Torhüter. Hitz mit Augsburg gegen Bürki mit Freiburg. Erste Aktion: Penalty für Augsburg, Bürki ist chancenlos, 1:0.

Samstag, 16.45 Uhr: Bis anhin nicht viel los in der Konferenz. Ein Kommentator meldet euphorisiert: „Die Wiedergeburt des VfB Stuttgart!“ Ok, er liegt 3:1 vorne in Frankfurt. Und hat zuletzt gegen Leverkusen nach 0:3-Rückstand zur Pause noch zum 3:3 ausgeglichen. Trotzdem, wir sagen: Abwarten.

Das war jetzt fast zu schnell, um wahr zu sein: Nur noch 3:2 für Stuttgart. Seferovic? Nein, noch nicht. Kommt noch.

Geile Konferenz, mittlerweile! Hertha mit Stocker führt gegen Hamburg. Und, man ahnt es, Frankfurt gleicht gegen Stuttgart zum 3:3 aus. Fehlt noch der Seferovic-Treffer.

Seferovic? Nein. Immer noch nicht. Aber 4:3 für Frankfurt. Wiedergeburt des VfB Stuttgart?

Wahnsinn, dafür schaue ich Fussball! Frankfurt – Stuttgart 4:5! Wiedergeburt des VfB Stuttgart! Hab ich ja immer gesagt…

Nein, es wird nichts mehr mit dem Tor für Seferovic. Im Gegenteil. Er macht eine Geste in Richtung Schiedsrichter-Assistent, die diesem signalisieren soll, dass er sich eine neue Brille kaufen muss – direkte rote Karte!

Samstag, 18.00 Uhr: Der Beisser ist zurück. Luis Suarez gibt sein Debüt. Für Barcelona. Gegen Real Madrid. Es ist Clasico. Und es ist ein grosses Spiel. Mit Tempo. Mit Dramatik. Mit Toren. Und Real ist dank des 3:1-Sieges wieder bis auf einen Punkt in der Tabelle an Barcelona dran.

Samstag, 20.45 Uhr: Apropos Ex-Aarau: Mittlerweile bin ich in der Serie A angelangt. Und einer der erstaunlicheren Karrieren im Fussball begegnet. Djamel Mesbah wird für Sampdoria Genua gegen die AS Roma eingewechselt. Was hat der Mann schon alles erlebt. Servette, Basel, Lorient, Aarau, Luzern, Avellino, Lecce, Milan, Parma, Livorno und jetzt eben Sampdoria. Damals, als man ihn in der Super League kicken sah, hätte man es nicht für möglich gehalten, dass Mesbah mal noch ziemlich regelmässig in der Serie A kicken wird.

Sonntag, 13:30 Uhr: Vielleicht mag die 2. Bundesliga nicht den Feinschmecker-Fussball bieten wie in Spanien oder England oder in der Bundesliga. Aber diese Jungs kämpfen bis zum Umfallen. Es gibt viele bissige Kollegen. Und ab und zu fallen auch wirklich schöne Tore. Wie gerade eben zum Beispiel. Raffael Korte trifft herrlich für Eintracht Braunschweig gegen 1860 München.

Sonntag, 15:00 Uhr: Eigentlich würde ich ja gerne schon lange dem Michi Frey zuschauen bei Lille. Oder sonst wenigstens wieder Premier League, Tottenham – Newcastle tönt auch ganz spannend. Aber beim Teleclub muss der Zuschauer wieder mit Serie A vorlieb nehmen. Juventus Turin gegen Palermo. Entzückt mich nicht. Lieber Wolfsburg. Oder FCZ. Bald.

Sonntag, 17:00 Uhr: Die Highlights des Tages. Manchester United vs. Chelsea und Mönchengladbach vs. Bayern München. Was schauen? Schwierig. Salomonische Lösung: Premier League am TV, Bundesliga am Laptop. Erstes Tor der Big Four: Didier Drogba, der Altmeister, immer noch grossartig. Besonders bitter: Sekunden davor gelang United-Torhüter De Gea eine Wahnsinns-Parade gegen Hazard…

Das Programm:

28 Stunden Fussball vor dem Fernseher. Diese Spiele stehen auf der Liste.

Konferenz 2. Bundesliga
Werder Bremen - Köln
Kaiserslautern - Düsseldorf
West Ham - Manchester City*
Bundesliga Konferenz
PSG - Bordeaux
Thun - Aarau
Real Madrid - Barcelona
Leverkusen - Schalke
Basel - Sion
Samp. Genua - AS Roma **
Arouca - Porto
Eibar - Granada °
Malaga - Rayo Vallecano °
Konferenz 2. Bundesliga ***
Rennes - Lille °
Juventus Turin - Palermo
Wolfsburg - Mainz
FC Zürich - FC St. Gallen
Manchester United - Chelsea
Gladbach - Bayern München
Sevilla - Villareal ****
Milan - Fiorentina
Getafe - Atletico Madrid
Lyon - Marseille

* bestes Spiel
** weggenickt
*** keine Lust (Brunch!)
**** Rückenschmerzen
° Grosse Enttäuschung:
Nicht im Teleclub-Angebot!