Der Maulkorb ist weg. Jérémy Guillemenot darf sprechen. Berichten, wie es war, sein erstes Jahr beim grossen FC Barcelona. Am Montag ist er zum kurzen Vorbereitungscamp in Wetzikon eingerückt, heute Nachmittag spielt er mit der Schweizer U19-Nati in Rapperswil gegen Liechtenstein. «Wir haben zwar eine lange Saison in den Beinen. Aber Fussball spiele ich immer gerne, und es ist etwas Besonderes, für mein Land anzutreten», sagt Guillemenot. «Natürlich muss ich meinen Kumpels hier auch ganz viel über Barcelona, den grössten Klub der Welt, erzählen.»

Vor zwei Monaten, beim Youth Cup in Nyon, da hatte ihm sein Klub noch verboten, mit der Presse zu reden. Nachwuchsspieler dürften keine Interviews geben, hiess es. Natürlich, mit der Familie und den vielen Freunden, die extra gekommen waren, um ihren Jérémy im berühmten Barça-Trikot zu sehen, durfte er hinterher schon plaudern. «Es war unglaublich, wie viele ein Selfie machen wollten», sagt der 19-Jährige lachend.

Allerdings: Im Einsatz war Guillemenot beim verlorenen Youth-League-Halbfinal gegen Salzburg nur für ein paar Minuten gewesen. Ausgerechnet vor diesem Saisonhöhepunkt − in der Gruppenphase war er mit drei Toren erfolgreich − hatte er sich verletzt und kaum trainiert. «Klar war ich enttäuscht», sagt Guillemenot.

Eine Woche im Probetraining

Wie auch am letzten Samstag, als er in der Copa del Rey beim 5:3 über Villarreal zwar Torschütze war, mit Barças Juvenil A aber nach dem 0:3 im Hinspiel ausschied. Dabei hatte ihm Villarreal bisher ja Glück gebracht. Mit Servette waren ihm in der Youth League gegen diesen Gegner nämlich zwei Tore gelungen, was das Interesse des FC Barcelona geweckt hatte. Im Januar 2016 durfte er dann während einer Woche vorspielen, schoss in einem Testspiel ein paar Tore und erhielt das Angebot, in die berühmte Jugendakademie La Masia einzutreten.

Dort, wo einst auch die Weltstars Messi, Iniesta und Xavi ausgebildet worden waren. Natürlich konnten Jérémy und seine Eltern nicht Nein sagen. Und so zog Guillemenot nach drei Challenge-League-Einsätzen für Servette und 22 Partien in der Promotion League im letzten Sommer von Genf nach Barcelona.

Highlights des Copa-del-Rey-Finals zwischen dem FC Barcelona Juvenil A und Villarreal

Highlights des Copa-del-Rey-Finals zwischen dem FC Barcelona Juvenil A und Villarreal

Begleitet von gemischten Gefühlen des Schweizer U19-Nationaltrainers Gérard Castella. Dieser sagt: «Ich finde den Shaqiri- oder Xhaka-Weg besser. Die Jungen sollten sich zuerst in der Super League durchsetzen und erst dann ins Ausland wechseln. Aber ich verstehe, dass man eine Barça-Offerte nicht ablehnen kann.»

Jetzt sitzt Guillemenot nach dem Mittagessen in der Lobby des Teamhotels in Wetzikon und blickt auf seine erste Saison in Katalonien zurück. «Ich bin dabei, einen Traum zu leben», sagt Guillemenot. «Im Fussball ist vieles möglich. Weshalb soll ich nicht daran glauben, einmal für die erste Mannschaft zu spielen?» Bisher hält sich der Kontakt zu den Topstars indes in Grenzen. «Zu den Auswärtsspielen in der Champions League sind wir aber zusammen geflogen. Da konnte ich mit Neymar und Umtiti sprechen», sagt Guillemenot. «Mit Rakitic aber noch nicht.»

Erstes Tor nach acht Minuten

Ganze acht Minuten hatte der Sohn eines Franzosen und einer Portugiesin nach seiner Ankunft gebraucht, um sein erstes Tor zu erzielen. Er habe sich dann rasch integriert, komme mittlerweile mit der katalanischen Sprache klar und habe nie Heimweh verspürt.

Guillemenot sagt, er sei schon extrem stolz, für diesen Verein aufzulaufen, berichtet aber ganz sachlich von einem Jahr mit Hochs und Tiefs. «Doch unter dem Strich überwiegt das Positive», sagt der 1,82 Meter grosse Mittelstürmer. «Ich habe unter Gabri (Trainer von Barças Juvenil A, Anm.d.Red.) viele Fortschritte gemacht», sagt Guillemenot, der in einer eigenen Wohnung gleich neben La Masia lebt.

Der Arbeitstag beginne jeweils um 8.30 mit dem gemeinsamen Frühstück und dauere mit Trainings und Theorielektionen bis in den Nachmittag hinein. «Manchmal verbringe ich danach mit ein paar Spielern die Freizeit, oder ich beschäftige mich mit meinem Onlinestudium», sagt Guillemenot.

Jérémy Guillemenot trägt mit Stolz das legendäre Trikot des FC Barcelona.Keystone

Jérémy Guillemenot trägt mit Stolz das legendäre Trikot des FC Barcelona.Keystone

Castella sagt, Gabri habe ihm erklärt, Jérémy sei mit seiner Schnelligkeit ein interessanter Spieler, müsse sich aber technisch verbessern. «Ich denke, dass er vor allem geduldiger werden muss. Bei Servette fuhr er bequem auf der Autobahn», sagt Castella. «Jetzt aber hat er Konkurrenz, jedes Training ist ein Kampf. Dem kleinen Schweizer wird nichts geschenkt. Mit diesem Druck muss er klarkommen.»

Noch ist offen, in welcher Mannschaft der Genfer in der nächsten Saison spielt, ob mit der zweiten in der zweiten Liga oder mit der dritten in der dritten. Klar ist aber: «Ich muss Vollgas geben und möglichst viel dazulernen», sagt Guillemenot.