Schweizer Nati

Das Reifezeugnis der Schweizer Nati: Die Mannschaft muss gegen Belgien überzeugen

Die Schweizer Nationalmannschaft muss im Nations-League-Spiel gegen Belgien beweisen, gewachsen zu sein. Es geht um mehr als nur einen Sieg – vor allem für Trainer Vladimir Petkovic.

Ein letztes Spiel noch. Dann ist das Länderspiel-Jahr zu Ende. Schweiz gegen Belgien heisst die attraktive Affiche. Wird es ein versöhnlicher Abschluss? Oder gehen die Debatten um die Qualität des Schweizer Teams und seines Trainers plötzlich in die Nachspielzeit? Es geht um mehr als nur ein gutes Resultat in diesem Spiel gegen den WM-Dritten. Um das zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück.

Ein bisschen mehr als ein Jahr ist es jetzt her seit der Barrage zwischen der Schweiz und Nordirland. Es war der Start in eine unruhige Zeit. Die Pfiffe gegen Haris Seferovic überschatteten die Schweizer WM-Qualifikation. Es flossen Tränen. Und die Schweiz fragte sich: Wie steht es denn eigentlich um die Beziehung des Volkes zu seinen Fussballern?

Vielleicht ist es im Rückblick jene Zeit, in der irgendetwas verloren gegangen ist. Es ist bis heute nicht geklärt, was genau dazu geführt hat. Die Leistungen des Nationalteams? Wohl kaum. Eine längere Erfolgsserie wie in jenem Jahr 2017 gab es zuvor nie. Der Stürmer Seferovic selbst? Er mag vielleicht da und dort anecken – aber woher dieser plötzliche Sturm der Entrüstung nur wegen einiger vergebener Chancen? Die Rätsel bleiben womöglich für immer bestehen.

Der Fokus ging verloren

Das Jahr 2018 beginnt für die Schweiz gut. Zwei Siege im März. Die WM-Vorbereitung verläuft nach Plan. Gegen Spanien nicht verloren. Der Auftakt gegen Brasilien – ebenfalls ein 1:1. Ein erstes dickes Ausrufezeichen. Jetzt, so denkt man, ist die Krönung fällig. Der erstmalige Einzug in einen Viertelfinal im modernen Fussball.

Doch es kommt anders. Aus dem Jahr 2018, in dem den Schweizer Fussballern Historisches gelingen wollte, wird zum Jahr des Zusammenfalls. Nach dem grossartigen Sieg gegen Serbien rücken die jubelnden Doppeladler in den Mittelpunkt. Der Fokus geht verloren, der WM-Achtelfinal gegen Schweden gerät zum Debakel. Und als hätte es noch einen Brandherd mehr gebraucht, lanciert der (mittlerweile zum Rücktritt gezwungene) Generalsekretär Alex Miescher eine Diskussion, ob Doppelbürger im Schweizer Fussball künftig noch genehm seien.

Innert weniger Wochen entsteht der Eindruck, der Schweizer Fussball zertrümmere sich von selbst. Die Miss-Kommunikation zwischen Nationaltrainer Vladimir Petkovic und Valon Behrami verstärkt diesen Eindruck noch mehr. Behrami tritt zurück. Und Petkovic ruft für den Herbst die Phase des Experimentierens aus.

Der fulminante Auftakt

Im Zentrum steht die Frage: Kann die Schweiz auf Spieler wie Captain Lichtsteiner, Behrami, Djourou, Dzemaili und Gelson Fernandes verzichten? Die Nations League soll darauf Antworten liefern.

Der Auftakt ist fulminant. 6:0 gegen Island. So viel Rausch wie selten. Doch der fade WM-Achtelfinal ist alleine mit einem rasanten Abend nicht zu verdauen. Für Petkovic ist es gleichwohl ein äusserst wichtiger Sieg. Nie seit seiner Amtsübernahme im Sommer 2014 steht er mehr unter Druck als in diesem Herbst.

Es geht einerseits um sportliche Fragen. Erreicht er das Team noch? Dringt er mit seinen Botschaften durch? Ist er fähig, auch einen Plan B oder C zu entwickeln? Andererseits geht es auch um die Aussenwirkung. Was für einen Nationaltrainer braucht die Schweiz? Konkret: Gelingt Petkovic die Verwandlung vom zwar humorvollen, aber doch häufig unverstandenen Nationaltrainer zum . . . – ja, wie soll er denn eigentlich sein?

Plötzlich zwiespältig

Eines ist Petkovic gewiss immer: sich selbst. Er verstellt sich nicht. Er hat seine Prinzipien. Und setzt diese lächelnd durch. Man hat häufig das Gefühl, er schere sich keinen Deut darum, wie ihn die Leute in den TV-Stuben wahrnehmen. Und vielleicht wird genau dies sehr bald zu seinem Problem.

Nach Monaten des ständigen Siegens sind die Resultate nämlich jüngst deutlich schlechter geworden. Island bleibt die Ausnahme. Vier Niederlagen aus den letzten sechs Spielen stehen nun in der Bilanz. Gegen England (0:1) und Belgien (1:2) bleiben die Eindrücke zwiespältig. Weder Auftritte noch Resultate schützen Petkovic weiterhin uneingeschränkt. Im Hintergrund arbeiten derweil die ehemaligen FCB-Bosse Heusler und Heitz daran, Strukturen und Aussendarstellung des Verbands zu durchleuchten. Es könnten darum spannende Wochen folgen.

Der Auftritt gegen Belgien vom Sonntag erhält für Petkovic so plötzlich eine übergeordnete Bedeutung. Es wird eine Art Reifezeugnis für seine Mannschaft. Nach der Niederlage gegen Katar ohnehin. Das Jahr war so turbulent, dass man sich eigentlich nur noch eines wünscht: Einmal kräftig durchatmen.

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