Fussball
Das neue Gesicht des Nationalteams

Es war die Ikone und Reizfigur zugleich: Das gestrenge Antlitz des Alex Frei. Nun gibt es ihn nicht mehr. Weg von Superlativen und hin zum Homogenen – wie die Schweiz neu anfangen kann.

Michele Coviello
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Das neue Gesicht der Schweizer Nati

Das neue Gesicht der Schweizer Nati

Die Schweizer Fussballnationalmannschaft wird nicht mehr auf den Rekordtorschützen zählen können, auch auf seinen Kollegen aus dem FC Basel nicht mehr, auf Marco Streller.

Die Schweiz sucht nach einem neuen Gesicht. Denn der doppelte Abgang kommt unerwartet. Der Trainer Ottmar Hitzfeld muss nicht nur Frei ersetzen, der ein letztes Mal am 4.Juni gegen England für die Schweiz spielen wollte. Seinem sofortigen Rücktritt von Dienstag schloss sich auch der erfahrene und formstarke Streller an. Die Kündigungswelle trifft eine Abteilung, die nicht so einfach neu zu bestücken ist. Derdiyok und Gavranovic sind die aktuellen Bewerber, die trotz grossen Talents in ihrer Entwicklung weit von den beiden abgetretenen Baslern entfernt sind. Dass sie für einen Sieg im Wembley sorgen werden und damit die allerletzten Chancen der Schweiz auf die EM-Qualifikation am Leben halten, ist unwahrscheinlich, zumal Gavranovic noch bis Mitte Mai verletzt ist.

Der Captain als Egoist?

Ob Sieg oder Niederlage: Die Schweiz muss unabhängig von einer Teilnahme an der EM 2012 in Polen und der Ukraine ein neues Team und eine neue Spielphilosophie formen. Wie bei GC, Dortmund und den Bayern hat Hitzfeld auch in der Nationalmannschaft seine Leader ausgesucht. Die Nummer 1 von ihnen war Alex Frei, dessen Einsätze er auch dann riskierte, wenn dieser nicht vollumfänglich in Form war – beispielsweise während der 1:2-Blamage gegen Luxemburg und bei der 0:1-Niederlage gegen Chile an der WM 2010. Doch Frei scheint nicht nur ein positiver Antreiber gewesen zu sein, der mit seinem Ehrgeiz das Team anstacheln konnte. Es kursieren Gerüchte, Vorwürfe von Egoismus, Dissonanzen mit der umfangreichen Secondo-Fraktion. Ob dies der Wahrheit entspricht, wird voraussichtlich keiner der Beteiligten so schnell preisgeben.

Fakt ist, dass Alex Frei im Publikum trotz seines Status als bester Torschütze der Geschichte umbeliebt war, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf ihn fokussierte und sein Tun und Lassen immer zum Thema wurde. Man kann seinen vorzeitigen Rücktritt als eigensinnig, stillos oder übereilt bezeichnen. Oder man kann ihn so begründen, wie es Frei selbst getan hat: Die Nati soll mit mehr Ruhe in London auftreten können, ohne Nebengeräusche um den Sturm und um seine Person. Er zielt in die richtige Richtung.

Mehr Leader, mehr Teamwork

Die Misere kann nicht durch einen Einzelnen, sondern nur mit einem umfassenden Projekt abgewandt werden. Hitzfeld hat über ein 4-2-3-1 nachgedacht, das durchaus zum vorhandenen Personal passen könnte. Wichtiger ist aber, dass die Verantwortung auf mehr Schultern verteilt wird, dass eine Gemeinschaft entsteht, die nicht im Schatten eines Superlativen steht, sondern sich an Fixpunkten orientiert. Optimal wäre, wenn diese positiven Leader auch auf dem Platz zu einer konstanten Achse werden könnten. Diego Benaglio gibt im Tor Sicherheit. Djourou und Senderos wären zwar talentierter, aber Steve von Bergen ersetzt die zu oft verletzten Innenverteidiger blendend. Blerim Dzemaili hat im Zentrum bewiesen, dass er das Team wecken kann und nun ist Derdiyok im Sturm damit an der Reihe. So kann die Schweiz ein neues, einheitliches Gesicht bekommen.