Fussball
Das Märchen des FC Wohlen birgt Gefahrenpotenzial

Der Höhenflug der Freiämter ist eng mit dem Namen Ciriaco Sforza verbunden. Was aber, wenn der König von Fussballwohlen abtritt, weil er von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch macht? Der Verein braucht einen Sportchef.

Ruedi Kuhn
Merken
Drucken
Teilen
Der FC Wohlen hat in letzter Zeit eine Menge Grund zum Jubeln.

Der FC Wohlen hat in letzter Zeit eine Menge Grund zum Jubeln.

Christian Boss

Woher nimmt der FC Wohlen das Geld für diese Mannschaft? Reicht ein Budget von 2,35 Millionen Franken tatsächlich aus, um dieses schlagkräftige Team zu finanzieren? Ist es nicht ein sportlicher Wahnsinn, dass mit Ausnahme des Mittelstürmers alle Positionen doppelt besetzt sind? Was verschlägt einen ehemaligen Bundesliga-Star wie Kevin Pezzoni in die Fussballprovinz?

Ciriaco Sforza ist kein Mann von halben Sachen
Mag sein, dass Sie sich in den vergangenen Monaten eine oder mehrere dieser vier Fragen gestellt haben. Aber eigentlich ist alles ganz einfach – ein Mann macht’s möglich: Ciriaco Sforza!

War Wohlen für Sforza in der Rückrunde der vergangenen Saison eine Herzensangelegenheit, ist die Zeit des Kuschelrocks vorbei. Wer Sforza seit Kindsbeinen an kennt, der weiss: Ciri ist kein Mann von halben Sachen. Er gibt Vollgas.

Der 44-Jährige hat es in der Öffentlichkeit zwar nie gesagt, aber für ihn war schon vor dieser Saison klar: Der FC Wohlen mischt die Challenge League auf. Von wegen ein Platz in den Top 5 – Rang 1 kann es sein, Rang 1 soll es sein.

Ende letzter Saison titelte ich in einem Kommentar zum FC Wohlen «Sforza an die Macht». Mit Sforza als Trainer und als Sportchef sei der Erfolg für die Meisterschaft 2014/15 quasi garantiert.

Wenige Wochen später war Sforza tatsächlich Machthaber, ja sogar Alleinherrscher. Er stand nicht nur als Trainer im Mittelpunkt, sondern auch als wichtigste Figur für die Zusammenstellung des Kaders. Sportlich ist Sforza für den FC Wohlen ein Glücksfall.

«Morgenappell» in der Kabine

Die Spieler fressen dem früheren Superstar von Bayern München und dem Meistermacher des 1. FC Kaiserslautern aus der Hand. Sie gehen für ihn durchs Feuer. Bittet Sforza seine Jungs um 7.30 Uhr zur ersten von zwei Trainingseinheiten auf, stehen sie um 7.15 Uhr In der Umkleidekabine. Spätestens um 7.15 Uhr.

Alles gut mit Sforza? Zum jetzigen Zeitpunkt ja. Aber aufgepasst: Die Einmannshow ist momentan zwar von Erfolg gekrönt, aber sie ist gefährlich. Sehr gefährlich sogar.

Sforza hat in seinem Vertrag eine Ausstiegsklausel. Was ist, wenn Sforza von dieser Klausel Gebrauch macht? Was ist, wenn ihm ein Klub aus der zweiten deutschen Bundesliga oder aus der Super League Sforza ein interessantes und lukratives Angebot unterbreitet?

Bei aller Liebe Sforzas zum FC Wohlen: Tritt dieser Fall ein, ist der Fussballkönig wohl weg. Weil das so ist, tun die Verantwortlichen gut daran, möglichst schnell einen Mann mit Fussballverstand an die Seite von Sforza zu stellen.

Einen Mann, der eng mit dem Cheftrainer zusammenarbeitet und das Fussballmärchen in der Rolle eines Prinzen auch weiterschreibt, wenn Sforza auf der Karriereleiter eine Sprosse höher steigen wird. Im Klartext: Soll dem Höhenflug früher oder später kein Absturz folgen, braucht der FC Wohlen einen Sportchef.

Lucien Tschachtli spricht von einem Dreijahresplan

Allen Unkenrufen zum Trotz; dass der Freiämter Challenge Ligist nach den Abgängen der beiden Alpha-Tiere René Meier und Andy Wyder so erfolgreich wie nie zuvor ist, erstaunt. Es zeigt, wie schnell es im Fussball gehen kann.

Finanzchef Lucien Tschachtli hat es innert drei Monaten geschafft, aus dem Schatten der zwei vermeintlich Unersetzbaren zu treten. Das ist eine grossartige Leistung. Und Tschachtli will mehr. Er begnügt sich nicht mit dem kurzfristigen Erfolg.

Der 66-Jährige spricht von einem Dreijahresplan. Finanziell kann Tschachtlis Rechnung aufgehen. Er ist viel zu bodenständig und zu seriös, um den Klub diesbezüglich einem Risiko auszusetzen. Sportlich siehts da schon anders aus.

Sportlich ist es unmöglich, über Jahre zu planen. Einfach deshalb, weil der Fussball viel zu unberechenbar ist. Wers nicht glaubt, kann Urs Bächer fragen. Jenen Mann, der beim FC Wohlen als Geschäftsführer im Sommer 2013 neue Massstäbe setzten wollte, kläglich gescheitert ist und den Platz räumen musste.