Als Peter Zeidler vor neun Jahren als Assistenztrainer für Hoffenheim arbeitete, sagte er: «Tranquillo Barnetta ist der beste Mittelfeldspieler der Bundesliga. Ihn müssen wir holen.» Heute ist der Deutsche Chefcoach des FC St. Gallen. Zwei Tage vor dem Cupspiel gegen Ueberstorf sagt er: «Barnetta wird eher nicht im Aufgebot stehen.»

Stunden später entscheidet sich Zeidler um. Er nimmt den Mittelfeldakteur mit ans Auswärtsspiel gegen den Unterklassigen. Erstmals in dieser Saison steht Barnetta in einem Pflichtspiel auf dem Matchblatt, wird nach der Pause eingewechselt. Die Episode zeigt in Ansätzen, wie schwer sich der FC St. Gallen im Moment tut im Umgang mit seinem prominentesten Spieler, für den Zeidler eine Rolle sucht. Das tut auch Barnetta.

Vom Verein herumgereicht

Barnetta (33) ist nicht irgendwer. Er ist eine Identifikationsfigur, ein Sehnsuchtsstiller. Er ist der Bub aus den eigenen Reihen, der es geschafft hat in die grosse, weite Fussballwelt. Der zeitweise einen Marktwert von 10 Millionen Euro hatte. Und er ist der, der nach Jahren im Ausland Ende 2016 mit dem Palmarès von 75 Länder- und 260 Bundesligaspielen, mit Auftritten in der Champions League im Gepäck, nach St. Gallen heimgekehrt war.

Barnetta ist Kult, volksnah, umgänglich. Das macht sich St. Gallen zunutze. Besonders in den Anfangsmonaten reicht der Klub das Eigengewächs auf dem Präsentierteller herum, vereinnahmt es: Barnetta geht immer! Er ist ein probates Mittel in sportlich wie auch wirtschaftlich ungünstigen Zeiten.

Aber Barnetta ist nicht mehr der Fussballer, der er einmal war. Zudem zollt der Körper den 16 Profijahren Tribut. Vor allem das rechte Knie macht ihm zu schaffen. Weil er in den vergangenen Wochen und Monaten oft untätig bleiben muss, wird die Diskussion nach dem Zeitpunkt für den Abschied lauter.

Viele staunten, dass er weitermachte nach der vergangenen Saison. Dass er sich alles noch antut. Also trainieren, trainieren, trainieren, um es überhaupt in das 18-Mann-Aufgebot zu schaffen.

Ein ungewöhnliches Gespräch

Die Klubführung will keine Fehler machen, weil sie den Status von Barnetta in der Region kennt. Vielleicht deshalb teilen ihm zum Saisonstart in einem ungewöhnlichen Gespräch unter acht Augen Präsident Matthias Hüppi, Sportchef Alain Sutter und der Trainer mit, dass er vorerst und bis auf weiteres nicht im Aufgebot stehe.

Normalerweise reicht dafür der Trainer. Doch die Klubleitung weiss, wie heikel das Thema ist. Barnetta sagt: «Das war hart, ich war enttäuscht, aber es war nachvollziehbar.»

Für Barnetta gibt es drei Möglichkeiten. Die Saison, wie sie begonnen hat, als Ersatz bis zum bitteren Ende durchziehen. In der Winterpause oder schon früher alles nüchtern beurteilen und sich sagen: das wars.

Oder nochmals durchzustarten zu versuchen, nochmals das Können aufblitzen lassen, vielleicht sogar die Mannschaft tragen. Barnetta sagt: «Im Fussball ist alles möglich, nichts ausgeschlossen. Vielleicht mache ich über das Vertragsende hinaus weiter. Es kann schnell in jede Richtung gehen.»

Mit sich selbst im Reinen

Ausgeschlossen ist, dass Barnetta nach Vertragsende nochmals den Verein wechselt. Ausgeschlossen ist auch, dass andere bestimmen, wann Schluss sein soll: «Ich entscheide, wann ich zurücktrete. Die Zeit dafür ist noch nicht reif. Verträge habe ich noch immer erfüllt.»

Gewiss haben sich die Fans mehr erhofft vom früheren Bundesligaprofi, weshalb schnell Kritik laut wurde, die Rückkehr nach dem Abstecher in die USA sei zu spät erfolgt. «Die Erwartungen waren teilweise überhöht und fast nicht zu erfüllen», sagt Barnetta. Er selbst hatte realistischere Ziele. Weil er wusste und akzeptierte, welcher Barnetta er in St. Gallen nach all den Jahren noch sein würde. «Ich bin mit mir im Reinen und muss mir nichts beweisen.»

Peter Zeidler zu Barnetta: «Barnetta ist ein spezieller Fall und ein grosses Thema. Ihn kennt hier jedes Kind. Bei ihm sieht man immer seine grosse Karriere.»

Peter Zeidler zu Barnetta: «Barnetta ist ein spezieller Fall und ein grosses Thema. Ihn kennt hier jedes Kind. Bei ihm sieht man immer seine grosse Karriere.»

Barnetta hat mit den Jahren ein gutes Gefühl für seinen Körper entwickelt. In Philadelphia war er der Star aus der Bundesliga, der einfach am Spieltag fit sein musste und den Körper unter der Woche schonen durfte. Das kam Barnetta entgegen, zumal er als Wettkampfspieler und nicht als Trainingsweltmeister gilt.

Doch Barnetta musste umdenken, weil unter Zeidler ein anderer Fussball, ein schneller und mit hohem Pressing, gespielt wird. Und das ist trainingsintensiv. Seit vier Wochen macht er jedes Training mit, etwas, das er lange nicht mehr tat.

Der Coach sagt: «Barnetta ist ein spezieller Fall und ein grosses Thema. Ihn kennt hier jedes Kind. Bei ihm sieht man immer seine grosse Karriere.» Trotzdem müsse er sich für Spieler entscheiden, für eine Hierarchie im 4-3-3-System.

Barnetta sagt: «Der Umgang eines Coaches mit den Ersatzspielern ist schwierig. Ich verlange einfach Ehrlichkeit.» Diese bekommt er. Die Zusammenarbeit funktioniert. Zeidler sagt: «Barnetta trainiert gut, aber es gibt aktuell keinen Druck, ihn zu bringen.»

Locker ans Thema gehen

Zeidlers Standpunkt ist klar, er will abwarten und beobachten. Er gibt zu bedenken, dass Barnetta in der letzten Phase der Karriere nicht mehr schneller wird, im besten Fall das Niveau halten könne.

Er habe vor der Klublegende den «allergrössten Respekt», trotzdem sehe er ihn derzeit auf der Achter-Position nur als Nummer 5 – hinter Majeed Ashimeru, Vincent Sierro, Dereck Kutesa und Stjepan Kukuruzovic.

Zeidler sagt auch, dass das Thema Barnetta zum Energiefresser werden könne, falls ihm zu viel Gewicht gegeben würde. «Ziel muss es sein, dass wir alle zusammen das Thema locker angehen. Ohne zurückzuschauen und ohne Sentimentalitäten.»

Barnetta hat seinen Auftritt im Cup als gut gesehen, seine Augen funkeln, als er von der Partie erzählt. Beobachter sagen, er habe durchaus überzeugt, das St. Galler Spiel sei aber minim langsamer geworden. «Zeidlers Fussball ist gewiss nicht zu schnell für mich», entgegnet Barnetta. Bis jetzt hat er die Chance, das zu beweisen, nicht oft erhalten. Seine Trümpfe sind die Erfahrung, die stehenden Bälle, seine Übersicht und Technik.

Es sind alles Dinge, die dem FC St. Gallen eigentlich guttun würden. «Ich bin nach wie vor überzeugt von meinen Qualitäten. Sobald ich das Gefühl habe, es reicht nicht mehr, höre ich auf», sagt Barnetta. Sein Körper habe zwar nicht mehr die Energie für drei Spiele in Serie über die volle Distanz. Trotzdem ist er überzeugt, dass er dem Team helfen und eine tragende Rolle einnehmen könne.

Die neue Rolle als Vater

Zeidler sagt, dass der Rücktritt eines Spitzensportlers ein sensibles Thema sei. Weil es um Gefühle gehe. Aber es könne als Trainer nicht seine erste Motivation sein, dem Spieler einen schönen Abgang zu bescheren. Es gehe in erster Linie darum, mit dem FC St. Gallen Erfolg zu haben. «Es wäre für uns alle das Beste, wenn Tranquillo immer spielte, den Unterschied ausmachte und mein verlängerter Arm wäre.» Nur das ist er bisher nicht.

Eine neue Rolle hat Barnetta seit sechs Wochen ohnehin schon gefunden, jene des Vaters. «Ich bin gelassener geworden. Vieles hat sich relativiert.» Es ist ein neues Kapitel in seinem Leben, das eben begonnen hat. Das letzte Kapitel als Fussballer schreibt sich gerade jetzt.