Der Mann gehörte zur Fifa wie der Fussball. Marco Villiger, 43-jährig, gebürtiger Aargauer. 16 Jahre lang arbeitete Villiger beim Weltverband, ab 2007 als Chefjurist, seit 2016 zusätzlich als stellvertretender Generalsekretär. Ein hohes Tier in einer Organisation, die in jüngster Zeit immer wieder in die Negativschlagzeilen geriet.

Seit knapp vier Monaten findet man das Markenzeichen MV im Fifa-Hauptsitz am Zürichberg nicht mehr. Der einzige hochrangige Mitarbeiter, der aus der Zeit von Sepp Blatter übrig geblieben war, hat die Fifa im August verlassen. Die Medien haben ausführlich über die Gründe spekuliert. Wie meistens, wenn es um die Fifa geht, zirkulierten verschiedene Versionen, die sich teilweise diametral unterschieden.

Der Verlässliche

Spätherbst 2018, Marco Villiger öffnet die Tür seines neues Geschäftssitzes. MV Sports Consulting AG steht auf dem bescheidenen Schild an der Haustür. Dass man auf dem Weg von der Tramstation zum Firmensitz am Fifa-Museum vorbeimarschiert, ist ein neckischer Zufall. Fürs Museum ist der 43-Jährige im Gegensatz zu seinem Ex-Boss Sepp Blatter definitiv zu jung.

Villiger wirkt entspannt und locker. Das war in den letzten Jahren nicht immer so. «Wenn man sich für eine juristische Tätigkeit bei der Fifa entscheidet, rechnet man nicht zwangsläufig damit, mit dem amerikanischen Justizdepartement und der Schweizer Bundesanwaltschaft zusammenzuarbeiten», sagt Villiger. Der zweifache Familienvater galt in den stürmischen Jahren, die mit den Bestechungsvorwürfen rund um die WM-Doppelvergabe an Russland und Katar im Jahr 2010 begannen, stets als der verlässliche Mann bei der Fifa. Während rund um ihn herum mächtige Funktionäre in der Organisation reihenweise ihren Ruf und ihren Job verloren, blieb Villiger für die ermittelnden Behörden die kompetente Ansprechperson.

Der Vorsichtige

Marco Villiger ist ein ruhiger, besonnener Zeitgenosse. Laute Sprüche sind nicht seine Welt, grosse Auftritte meidet er, seine Worte wägt er vorsichtig ab. Doch die belastende Situation in der eigenen Organisation hinterliess jenseits der Fassade des ausgeglichenen, smarten Juristen ihre Spuren. «Ich geniesse es heute, Herr über die eigene Agenda zu sein und nicht mehr gehetzt von der Agenda anderer zu agieren», sagt er.

Zu den Gründen seines Abgangs will sich der Aargauer nicht äussern. Villiger verweist auf das Fifa-Communiqué, in welchem von einer Trennung im gegenseitigen Einvernehmen die Rede ist und Villiger von seiner Chefin, Generalsekretärin Fatma Samoura in den höchsten Tönen gelobt wird: «In all diesen Jahren war Marco eine Säule dieser Organisation.»

Die treibende Kraft

Dass er weit mehr als sein halbes Arbeitsleben für die Fifa verbracht hat, bedauert Villiger mit keinem Wort. «Die Organisation war es wert, für sie zu kämpfen», sagt er und verweist auf die Wichtigkeit der Fifa. «Gerade in ärmeren Ländern sieht man gut, wie viel man mit Entwicklungsarbeit und Fussball bewirken kann.» Villiger glaubt, dass die Fifa durch die verschiedenen Reformen ungleich besser aufgestellt ist als noch vor acht Jahren. Viele Abläufe wurden durchleuchtet und neu definiert, das Vergabe-Verfahren für die WM von Grund auf erneuert. Es sei in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass die Reformen im Gegensatz zu anderem in den Medien nicht kritisiert wurden.

Bei den Reformprozessen war Villiger stets eine treibende Kraft. Ein langjähriger Fifa-Mann hat einmal zur Wichtigkeit des 43-Jährigen gesagt: «Bei der Fifa gibt es kein Dokument, das nicht den Weg über Marco Villigers Pult findet.» Villiger hofft, dass es rund um die Fifa bald ruhiger wird, damit man sich dort auf die eigentliche Arbeit konzentrieren kann. «Krisenmanagement kostet so viel Energie und Zeit. Das ist letztlich für niemanden gut.»

Highlights: Türkei, Zidane, Suarez

Wenn der Aargauer auf die Highlights seines Wirkens zurückblickt, kommt ihm spontan die juristische Aufarbeitung dreier Ereignisse in den Sinn, die für Schlagzeilen auf der ganzen Welt sorgten und alle auf dem Fussballplatz ihren Ursprung hatten. Villiger war als Sekretär der Disziplinarkommission beschäftigt mit den wilden Jagdszenen nach dem damaligen WM-Barragespiel Türkei - Schweiz im November 2005, dem Kopfstoss von Zinédine Zidane im WM-Final 2006 gegen den italienischen Provokateur Marco Materazzi sowie der Beissattacke von Luis Suarez an der WM 2014 gegen Giorgio Chiellini.

Wer weiss, ob Marco Villiger nicht auch in Zukunft mit spektakulären Vorfällen in Berührung kommt. Mit seiner eigenen Kanzlei will er Sportverbände beraten – bei Sponsoringdeals, TV-Verträgen, Rechtsdiensten und Good Governance. Die Kombination seines Angebots sei konkurrenzlos: Anwalt mit langjähriger Erfahrung als Chefjurist eines der grössten Sportverbände. Er habe sich in den vergangenen Jahren ein einzigartiges Netzwerk geschaffen, von dem er nun profitieren könne. Marco Villiger fasst seine Geschäftsidee, wie er das enorme Know-how einbringen kann, passend zusammen: «Fussball ist den meisten anderen Sportarten fünf bis zehn Jahre voraus – mit guten wie mit schlechten Erfahrungen.»