Analyse

Das lange Leiden hat ein Ende

Kann sein Glück kaum fassen: Leonardo Bertone im Freudentaumel. PETER SCHNEIDER/Keystone

Kann sein Glück kaum fassen: Leonardo Bertone im Freudentaumel. PETER SCHNEIDER/Keystone

Es war, als wollte das Schicksal YB und seinen Fans doch noch etwas Drama zurückgeben. Der Meisterpokal, das war schon vor diesem Wochenende klar, würde am Ende frei von jeglicher Spannung in Bern landen. Zu überlegen waren die Young Boys, zu gross ihr Vorsprung fünf Runden vor Schluss auf Basel. Doch wie es zur emotionalen Explosion und dieser unvergesslichen Partynacht kam, das war an Spektakel und Drama nicht zu überbieten. Marco Wölfli, Berner Legende, aber viel zu häufig in seiner Karriere auch ein tragischer Held, hält einen Penalty. Und ebnet damit den Weg zur furiosen Schluss-Offensive seines Teams. Das goldene Tor fällt in der 89. Minute. Alle Dämme brechen. Das Stade de Suisse wird zur Festhütte. Erstmals seit 32 Jahren ist YB wieder Meister. Auch der letzte Titel (Cupsieg) ist 31 Jahre her. Bern hat endlich, wovon es jahrzehntelang nur träumen durfte. Der Tag der grossen Befreiung ist gekommen. Das lange Leiden hat ein Ende.

Zuerst einmal: Der YB-Titel ist völlig verdient. Die Berner waren über die ganze Saison viel stärker als ihre Konkurrenz. Die letzte Niederlage datiert vom 3. Dezember. Nach der Winterpause waren sie nicht mehr zu stoppen. Mit sieben Siegen in Serie schufen sie die entscheidende Differenz zum FCB, der nach acht Meistertiteln hintereinander nun entthront wird. Dass YB den Titel derart souverän und ungefährdet errungen hat, ist gleichwohl überraschend. Das Team wusste in fast jedem Spiel Antworten auf die Herausforderungen. Es war homogen, voller Selbstvertrauen – und auch noch ziemlich spektakulär. YB hatte viele Stärken, aber vor allem kaum Schwächen. YB war konstant, vor allem gegen die sogenannt «Kleinen» der Liga. Und YB war, anders als früher, nie von einem oder zwei Spielern abhängig.

Der YB-Baumeister und die schönen Aussichten

Sportchef Spycher hat es zudem geschafft, im Winter das Team zusammenzuhalten, weil er alle überzeugte von der Möglichkeit, gemeinsam Geschichte zu schreiben. Gleichzeitig erhielt er auch Zeit, um sich auf Abgänge im Sommer vorzubereiten. Und wer Spycher kennt, der weiss, dass der Weg für ihn nach einem oder zwei Titeln (der Cupfinal Ende Mai folgt) noch lange nicht zu Ende ist – schöne Aussichten für YB.

Auch für den Schweizer Fussball ist der Titel von YB gut. Es zeigt, dass vieles möglich ist, wenn in Ruhe und mit Bedacht gearbeitet werden kann. Das könnte sich nun manch ein Schweizer Verein zum Vorbild nehmen. Viel Geld war in Bern schon seit Jahren vorhanden. Nur wurde es nie so gut gemanagt wie jetzt mit Sportchef Christoph Spycher und Trainer Adi Hütter.

Im Optimalfall entsteht nun eine Rivalität zwischen YB und Basel, von welcher der gesamte Schweizer Fussball profitieren kann. In Bern sind jedenfalls viele Ingredienzien vorhanden, die an den FCB der vergangenen Jahre erinnern. Es ist sehr wahrscheinlich, dass YB trotz der sich anbahnenden Transfers von einigen Schlüsselspielern auch in der neuen Saison gut aufgestellt ins Rennen geht. Wenn sogar noch die erstmalige Teilnahme an der Champions League gelingt – nur eine Qualifikationsrunde wird YB überstehen müssen, die möglichen Gegner sind nicht übermächtig – werden die Aussichten noch besser.

Die FCB-Krise und die Schlüsse daraus

Die grosse Frage ist, wie schnell sich der FC Basel erholt. Gelingt es ihm und seinen Lehrlingen in den Führungspositionen, nach einem enttäuschenden Jahr die richtigen Schlüsse zu ziehen? Dass es Probleme geben könnte, wenn eine komplett unerfahrene Crew an der Spitze eines Vereins am Werk ist, kam nicht ganz überraschend. Präsident Burgener, Sportchef Streller und Trainer Wicky haben allesamt die Chance verdient, sich zu verbessern. Entscheidend wird, ob es ihnen gelingt, eine selbstkritische Analyse zu tätigen – und dabei als Team gemeinsam zu wachsen.

Der FCB sollte nicht als Unternehmen verstanden werden, sondern wieder mehr als Fussballverein. Das ist die Lehre für Burgener. Das Team selbst hat zu tiefgreifende Veränderungen hinter sich. Das muss sich Streller vorwerfen lassen. Und als es Ende Vorrunde ins Rollen kam, wurde es gleich wieder auseinandergerissen. Zudem haben sich mit den Transfers von Stocker und Frei auch die Hierarchien verschoben. Die grösste Krise seit Jahren folgte. Doch nun dürfte in Basel der Hunger auf eine schnelle Revanche umso grösser sein. Die Aufgabe für YB, den errungenen Titel zu verteidigen, wird herausfordernd genug. Seite 8–10

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