Cartoon

Das ist die gefährlichste Südafrikanerin

Haushälterin Eva bringt Südafrika seit 17 Jahren zum Lachen - und Nachdenken über die Tagespolitik: Im Cartoon «Madam & Eve» dient die durchtriebene Schwarze ihrer etwas dummen aber lernfähigen weissen Herrin. Immer mal wieder schrecken sie durch ihre träfen Sprüche Politiker auf.

Er kam nach Südafrika, als er gerade mal zwei Jahre alt war. Der gebürtige Österreicher Rico Schacherl ist einer der drei Erfinder von «Madam & Eve» und kommentiert täglich das Leben im Regenbogenstaat. Selbst Politiker kommen nicht darum herum, die dreiteiligen Strips zu lesen.

Der Comic verdankt seine Existenz einer persönlichen Katastrophe: Dessen Macher Schacherl, der Amerikaner Stephen Francis und Harry Dugmore standen 1992 plötzlich auf der Strasse, als ihr damaliger Verlag Konkurs ging.

Diener-Herr-Prinzip als Spiegel der Gesellschaft

Danach trafen sich die drei in regelmässigen Abständen und tüftelten an ihrem Traum, einem politischen Cartoon. Wohl nicht durch Zufall hatte der Amerikaner Stephen Francis die beste Idee. Als Ausländer machte er durch die Heirat mit einer Südafrikanerin Bekanntschaft mit vielen fremden Gepflogenheiten.

Eine davon waren die allgegenwärtigen Dienstboten in Haushalten der Oberschicht. Diese Konstellation war ihm völlig fremd - und eigneten sich bestens dafür, gesellschaftliche Umbrüche zu thematisieren.

Täglich vier Millionen Leser

1993 hatten sie ihre ersten Comic-Strips zusammen und besuchten diverse Redaktionen. In jener Zeit, wo alles möglich war, aber nichts so richtig gewiss, sprach die linke Wochenzeitung «Daily Mail & Guardian» sofort aufs Comic-Duo an. Seither kennt «Madam & Eve» - die eigentlich Gwen Anderson und Eve Sisulu heissen - im Regenbogenstaat jedes Kind: Der Strip erscheint in 13 Zeitungen und wird täglich von vier Millionen Menschen gelesen.

Auch ANC bietet viel Stoff für beissende Kritik

Als 1994 der Afrikanische Nationalkongress (ANC) an die Macht kam und die Apartheid endlich vorüber war, hatten einige Satiriker Angst, dass ihnen nun die Themen ausgehen könnten. Das sollte sich schnell als Irrtum erweisen, denn der ANC bietet genug Stoff für beissende Kritik. Auch hat er immer wieder Politiker in seinen Reihen, die durch Korruption auffallen oder die über eigenartige Einsichten verfügen, etwa wenn es um das Thema Aids geht.

Dazu kommt der wirtschaftliche Druck, dem ein grosser Teil der Bevölkerung ausgesetzt ist. Die Dienstmagd Eve kommentiert dies täglich mit scharfer Zunge und dürfte damit für die Politiker zur gefährlichsten Südafrikanerin geworden sein.

TV-Show zu Hause, Erfolg in Frankreich

Auch «Madam & Eve» hat sich seit dem Start weiterentwickelt: Hinzu kam die rassistische Mutter der Madam, Mutter Anderson, der politisch immer korrekte Sohn Eric, ein notorischer Verlierer. Und dessen schwarze Freundin Lizenca sowie der Kleine Tandi.

Der Erfolg des Strips führte dazu, dass im Comic-Land Nummer Eins Frankreich eine Übersetzung gedruckt wird. 2001 entstand zudem eine gleichnamige Sitcom fürs Fernsehen in Südafrika.

Grosse Satiriker-Szene

«Madam & Eve» sind nicht die einzigen satirischen Werke in Südafrika. Durch das Ende der Apartheid entstand dort eine grosse Szene von Karikaturisten. Das passt vielen Politikern nicht. Besonders jenen, welche die spitze Feder spüren. So beklagte sich die ANC-Pressechefin etwa, dass Eve immer die Hausangestellte bleibe und ihre Position in der Gesellschaft nicht verbessere.

Dazu meinte Rico Schacherl gegenüber «All Africa»: «Es ist eine Tatsache, dass Hausangestellte immer da sein werden und immer wieder ausgenützt werden. Das wird sich in naher Zukunft nicht ändern, wegen den wirtschaftlichen Realitäten in Südafrika.»

Staatspräsident: Vor Aids mit Dusche schützen

In letzter Zeit kamen auch andere Satiriker unter Druck. Der ANC wählte den Zulu Jacob Zuma Ende 2007 zu seinem Vorsitzenden. Heute ist er Staatspräsident des Landes. 2009 machte er mit Aussagen zu HIV/AIDS von sich reden und behauptete, vor der Seuche könne man sich schützen, indem man nach dem Geschlechtsverkehr eine Dusche nehme. Zudem kam der Ploygamist Zuma (Polygamie ist bei Zulus akzeptiert) immer wieder wegen Frauenaffären und Korruptionsvorwürfen ins Gerede. Das war natürlich ein Steilpass für Karikaturisten.

Jonathan Shapiro karikierte ihn in der «Sunday Times» mit der HIV-Aussage. Darauf wurde er und ein Kolumnist der Zeitung von Zuma verklagt. Er wollte von ihnen wegen Persönlichkeitsverletzung eine hohe Summe kassieren. Zudem geisterte im ANC der Wunsch herum, ein Mediengericht zu installieren.

Rico Schacherl nimmt zu diesem Thema kein Blatt vor den Mund. Zu Zumas Aktion meint er gegenüber «All Africa»: «Wenn ein Cartoonist mit einer Millionenklage konfrontiert wird, ist das Machtmissbrauch. Es ist letztlich eine Einschüchterungstaktik.»

Wer «Madam & Eve» regelmässig gratis im Internet anschaut, erfährt über Südafrika viel über den Alltag und das Tagesgeschehen, ohne jemals dort gewesen zu sein.

Mehr: Website Madam & Eve

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