Champions League
Das grosse Champions-League-Final: Die Matratzenmänner und die Königlichen

Heute kommt es im Final in der Champions League zum Stadtderby zwischen Real Madrid und Atlético Madrid. Schriftsteller Pedro Lenz über die spezielle Beziehung der beiden Finalisten.

Pedro Lenz*
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Ich war noch ein Schulbub, als mich mein spanischer Götti zum ersten Mal an ein Real-Madrid-Spiel mitnahm. Das Versprechen hatte ewig lange in der Luft gelegen. Der Götti wohnte ganz nahe am Estadio Vicente Calderón, der Heimstätte des Stadtrivalen Atlético Madrid, aber von den Rot-Weissen wollte er nichts hören. «Meinetwegen können wir sonst hier einmal ein Spiel schauen gehen», hatte ich zuvor einmal vorgeschlagen, als wir zum wiederholten Mal vor dem Atlético-Stadion am Fluss Manzanares vorbeigekommen waren. Der Götti hatte mich sehr streng angesehen: «Schlag dir aus dem Kopf, mit den Colchoneros haben wir nichts zu schaffen!»

Wie mein Götti denken heute noch fast alle Real-Madrid-Fans im ganzen Land. Sie nennen die Spieler des Stadtrivalen Atlético abschätzig Matratzenmänner. Das kommt daher, dass in Madrid früher die Matratzenmänner einmal im Jahr bei den Leuten vorbeikamen, um die Matratzen auf den Dachterrassen richtig auszuklopfen. Colchonero war kein angesehener Beruf. Und weil die Matratzen rot-weiss gestreift waren, drängte es sich für die Anhänger von Real Madrid fast auf, die ungeliebten Feinde Colchoneros zu nennen. Dass im Selbstverständnis von Real Madrid nur der eigene Klub etwas zählt, zeigt sich schon daran, dass sie ihren Verein schlicht «El Madrid» nennen, als gäbe es nur einen Fussballklub in der Stadt. Die Fans von Atlético dagegen haben den einstigen Schimpfnamen längst zu ihrem Ehrennamen gemacht. Voller Stolz tragen sie das Schicksal, als ewiger Underdog in der Stadt zu gelten.

Es war an einem Herbstferientag im Jahr 1978, als ich erstmals das eindrückliche Estadio Santiago Bernabeu betrat. Wer an jenem Tag der Gegner von Real Madrid war, weiss ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen diskussionslosen Sieg des Weissen Balletts, bei dem so illustre Namen wie Juanito, Pirri, Uli Stielike und Vicente del Bosque spielten. Manche Zuschauer rauchten Zigarren und tranken Brandy aus ledernen Trinkbeuteln. Bei jedem Vorstoss von Real zitterten die Ränge, als wütete ein Erdbeben. Gegen Ende des Spiels wurde jedes geglückte Zuspiel mit einem lang gezogenen «Olé» gefeiert. Doch was mir am meisten imponierte, war die Langhaarfrisur des beinharten Real-Verteidigers Antonio Camacho, der die Socken weit heruntergerollt hatte und seine Tacklings ohne Schienbeinschoner ausführte.

Spätestens seit jenem Spiel fiebere ich, wie alle männlichen Mitglieder meiner spanischen Verwandtschaft, für die Königlichen. Der Klub, der bei seiner Gründung 1902 noch Madrid Football-Club hiess, erhielt den Ehrentitel «Real» im Jahr 1920 von König Alphons XIII. Nach dem Sturz des Königs 1931 entfiel der Zusatz im Klubnamen erneut. Erst zehn Jahre später ordnete der damalige Diktator Franco an, dass sich der Verein wieder königlich nennen darf.

Auch der Stadtrivale Atlético Madrid hat im Lauf der Vereinsgeschichte seinen Klubnamen schon mehrmals gewechselt. Der Klub ist eine Abspaltung des 1903 im Baskenland gegründeten Athletic Bilbao, der bis heute die gleichen Vereinsfarben hat. Die Madrilenen spalteten sich erst 1907 von Bilbao ab. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg stand der Verein vor dem finanziellen Abgrund. Nur eine Fusion mit dem Fussballklub von Francos Luftwaffe rettete die Mannschaft vor dem Bankrott. So spielten die RotWeissen von 1939 bis 1947 unter dem Namen Atlético de Aviación. Diktator Franco selbst interessierte sich zu Beginn seiner Diktatur kaum für Fussball und soll keine besondere Affinität zu «seinen» Luftwaffenkickern gehabt haben. Mehr noch, als Real Madrid von 1956 bis 1960 fünf Mal hintereinander den Europacup der Meister gewann, begann Franco sich im Erfolg der Weissen zu sonnen und den ärmlichen Stadtrivalen links liegen zu lassen.

Aus diesen Jahren rührt bis heute der verbreitete Irrtum, Atlético Madrid sei immer ein Arbeiterklub gewesen, während Real Madrid als Klub der Rechten und Mehrbesseren angesehen werden könne. So einfach war es nie. Heute verteilt sich die Anhängerschaft zum einen oder anderen Verein durch alle politischen und sozialen Schichten. Die Klubliebe wird, wie in meinem Fall, in der Familie vererbt und ist kein politisches Statement.

Dass die Stadtrivalen nun im Final der Champions League aufeinandertreffen, gibt der Rivalität natürlich eine besondere Note. Dabei ist Atlético bei Real-Madrid-Fans weit weniger unbeliebt als der meist erfolgreichere FC Barcelona. Zumindest historisch sind die Kräfteverhältnisse zwischen den Stadtrivalen klar verteilt. Während Real Madrid im Lauf seiner Geschichte schon neun Mal die höchste Auszeichnung im europäischen Klubfussball gewann, versucht der frisch gekürte Landesmeister Atlético im Final von heute Abend seinen ersten Meistercup zu erobern. Nur zu gerne würden die Colchoneros ihre ungeliebten Stadtrivalen im direkten Duell demütigen. Bedeutsamer als der Triumph über den Erzfeind dürfte für Atlético allerdings noch etwas ganz anderes sein: 1974 hatte Atlético Madrid den Final des Europacups der Meister, wie die Champions League damals noch hiess, bereits einmal erreicht.

Das Endspiel gegen Bayern München im Heysel-Stadion in Brüssel stand lange Zeit 0:0. Fünf Minuten vor Ablauf der Verlängerung traf der spätere spanische Nationaltrainer Luis Aragonés per Freistoss zum vermeintlichen Siegtreffer. Auf der Ersatzbank von Atlético wurden schon die Champagnerflaschen gerichtet, als Klatsche Schwarzenbeck, Ausputzer der Bayern, mit einem Verzweiflungsschuss aus fast 30 Metern der Ausgleich gelang. Da der Sieger damals noch nicht im Penaltyschiessen ermittelt wurde, kam es eine Woche später zum Wiederholungsspiel. Bayern gewann diesmal diskussionslos mit 4:0. Seither gehört Schwarzenbeck zu den beliebtesten Deutschen bei uns Real-Fans. Seit vierzig Jahren träumen die Atlético-Anhänger nun schon davon, das Schwarzenbeck-Trauma von Brüssel zu überwinden. Sollte es ihnen ausgerechnet gegen das Weisse Starensemble gelingen, wäre es für die Colchoneros umso schöner.

Spätestens seit dem verlorenen Meistertitel vor wenigen Tagen wissen wir Real-Fans, wie stark die Truppe von Trainer Simeone zurzeit ist. Auf Schwarzenbeck als AtléticoBezwinger können wir diesmal nicht zählen. Trotzdem zweifeln wir keinen Augenblick daran, dass die Erfolgsbilanz gegen die Matratzenmänner in grossen Kübeln ausgedrückt nach dem heutigen Final 10:0 lauten wird. Meine Götti ist heute ein alter Mann. Er wird weinen vor Freude.

*Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten.