WM-Barrage

Das Geständnis 12 Jahre danach - Behrami hofft auf eine Wunderheilung

Breel Embolo und Valon Behrami sind bei der Ankunft in Nordirland gut gelaunt.

Breel Embolo und Valon Behrami sind bei der Ankunft in Nordirland gut gelaunt.

Vielleicht ist es die erstaunlichste Verwandlung, die der Schweizer Fussball je gesehen hat. Die Verwandlung von Valon Behrami. 12 Jahre dauert seine Karriere im Nationalteam mittlerweile. 12 Jahre, in denen er sich vom Einzelgänger zur Vaterfigur entwickelt hat.

So richtig beginnt die Geschichte von Behrami und dem Schweizer Nationalteam am 12. November 2005. Es ist der Tag des Barrage-Hinspiels Schweiz - Türkei. Sein zweiter Länderspiel-Einsatz. Nach 83 Minuten wird Behrami von Trainer Köbi Kuhn eingewechselt. Drei Minuten später schiesst er das 2:0. Vier Tage später ist die Schweiz dank der Auswärtstorregel für die WM in Deutschland qualifiziert. Nach der Skandal-Nacht von Istanbul.

Jetzt ist wieder Barrage. Und Behrami der einzige Schweizer, der nach 2005 erneut dabei ist. Gestern, kurz nach dem Training in Basel, noch vor dem Abflug nach Belfast, blickt er für die «Nordwestschweiz» zurück auf jene Tage. «Nach dem Rückspiel herrschte ein riesiges Chaos. Alle rannten plötzlich in die Garderobe, ich weiss bis heute nicht, warum eigentlich.» Und das Spiel zuvor? «Es war wohl mein schlechtestes Nati-Spiel der Karriere. Ich hatte etwa 50 Ballkontakte – und 51-mal den Ball verloren.»

Zu viel Aufmerksamkeit

Doch es ist nicht das Rückspiel, das haften bleibt. Sondern das Tor im Hinspiel. Behrami wird zum Helden für viele kosovarische Fussballfans in der Schweiz. Doch dieser Hype ist nicht nur hilfreich. «Zugegeben, es waren grosse Gefühle. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Dieses Tor hat zu viel ausgelöst. Plötzlich hatte ich so viel Aufmerksamkeit. Ich konnte nicht damit umgehen. Darum war dieses Tor nicht gut für meine Karriere.»

«Plötzlich hatte ich so viel Aufmerksamkeit.»

«Plötzlich hatte ich so viel Aufmerksamkeit.»

Das Geständnis des jetzt 32-Jährigen erinnert an Boris Becker. Dieser sagte einmal: «Ich habe als Kind geträumt davon, Wimbledon zu gewinnen. Aber ich habe nicht davon geträumt, Wimbledon als Kind zu gewinnen.» Behrami macht nach der Barrage schwierige Zeiten durch. Im Nationalteam ist er ein Einzelgänger, fühlt sich unverstanden. Einmal sagt er, die Nati-Trips erinnern ihn an ein «Schulreisli».

Es sind längst vergangene Zeiten. Aus dem Jüngling mit wilder Erscheinung ist eine Integrationsfigur geworden. Ein Liebling der Fans. Ein Mensch, der viel reflektiert und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass er der Schweiz etwas zurückgeben kann. Dafür, dass sie ihn und seine Familie nach der Flucht aus dem Kosovo aufgenommen haben.

Noch hat Behrami den Traum nicht aufgegeben, mit diesem Team Geschichte zu schreiben. Geschichte schreiben heisst: Einmal einen Viertelfinal erreichen an einem grossen Turnier. Wie sehr ihn die Niederlage im EM-Achtelfinal gegen Polen mitnahm, sah man an seinen Tränen kurz darauf.

Kein leiser Abschied

Nun geht es in dieser WM-Barrage auch darum, zu verhindern, dass es nicht plötzlich zu einem leisen Abschied Behramis aus dem Nationalteam kommt. Das wäre durchaus möglich, wenn die Schweizer von den Nordiren ins Tal der Tränen gestossen werden und die WM verpassen. Ob auch Behrami mithelfen kann, ist indes ungewiss. 

Die Nati bedeutet Behrami viel.

Die Nati bedeutet Behrami viel.

Weil er sich vor zehn Tagen am hinteren linken Oberschenkel eine Muskelverletzung zugezogen hat. Wie wichtig er für dieses Team ist, merkt man vor allem dann, wenn er fehlt. So geschehen in Portugal, bei diesem bitteren 0:2.

Sein Verein Udinese war nicht eben begeistert, als es darum ging, ihn in die Schweiz reisen zu lassen. Doch Behrami sagt: «In dieser Situation zu Hause bleiben? Nein, das würde nicht gehen! Ich habe in einem Gespräch meinem Trainer darlegen können, wie wichtig mir das Nationalteam ist.»

Das Playoff kann beginnen

Das Behrami-Playoff kann also beginnen. Dass er bereits am Donnerstag spielt, ist indes sehr unwahrscheinlich. Am Montag absolvierte er ein 20-minütiges Lauftraining. Gestern war er erstmals im Mannschaftstraining teilweise wieder dabei. Er sagt: «Ich bin 32, kenne meinen Körper mittlerweile gut genug. Ich übernehme die Verantwortung dafür, wenn ich auflaufe. Aber eines ist klar: Wenn ich nur 90 Prozent fit bin, dann überlasse ich den Platz einem Kollegen.»

Am Ende entscheidet nur einer, ob Valon Behrami spielt oder nicht: Behrami selbst.

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