Von einem solchen Debüt träumen alle: Nach 101 Sekunden gibt Eden Hazard den magistralen Pass zum 1:0, und nach sieben Minuten holt er den Penalty zum 2:0 heraus. Dabei bleibt es, Chelsea besiegt Wigan.

Die Premiere des 21-jährigen Belgiers in der Premier League im August 2012 hätte kaum eindrucksvoller sein können. Sie war so etwas wie der Startschuss zur Renaissance des belgischen Fussballs. Denn das Nationalteam schaffte es 2014 erstmals nach 12 Jahren wieder an eine WM und erreichte den Viertelfinal. Um nach einer enttäuschend verlaufenen EM 2016 bei der WM im vergangenen Sommer bis in den Halbfinal vorzustossen – und heute in der Fifa-Weltrangliste Rang 1 zu belegen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Belgien nicht mal mehr unter den besten 50 figurierte.

Eine Schmach für eine Fussballnation, die 1980 noch im EM-Final und 1986 im WM-Halbfinal gestanden hatte. Spätestens das sang- und klanglose Ausscheiden bei der WM 1998 und der Heim-EM 2000 führte dann jedoch zu einem Paradigmenwechsel. Wie aber hat dieses kleine Land mit 11,4 Millionen Einwohnern diesen derart grandios hingekriegt, dass heute eine goldene Generation vom Weltmeistertitel träumen kann?

Früher gab es nur die Defensive

Recherchen zeigen, dass die Wiege des Aufschwungs in Lüttich liegt, wo im Jahr 2004 die Académie Robert Louis-Dreyfus mit einer Top-Infrastruktur eröffnet wurde. Heutige Stars wie Axel Witsel, Nacer Chadli, Marouane Fellaini und Steven Defour wurden hier ausgebildet. Gent und Genk zogen nach, wie Brügge und Anderlecht. Auch die Politik steckte viele Fördergelder in die Jugendarbeit. Zuvor hatten die Klubs allzu sehr auf Ausländer gesetzt. Der KSK Beveren hatte einmal gleichzeitig 18 Spieler aus der Elfenbeinküste im Kader.

Einer der grossen belgischen Stars: Axel Witsel (mitte) im Dress von Borussia Dortmund.

    

«In Belgien ist tatsächlich eine Menge in den Jugendfussball investiert worden», bestätigt Mijat Maric. Der 34-Jährige hat neun Jahre lang in Belgien gespielt und eine Trainerausbildung begonnen, bevor er vor ein paar Monaten in die Heimat und zum FC Lugano zurückgekehrt ist. «Der Verband hat eine eigene Vision entwickelt. Entscheidend dabei ist, dass den Jungen ihre Freiheit gelassen wird und die Trainer nicht auf Taktik und Kondition fixiert sind. Es geht sogar in Richtung Strassenfussball und einem Spielen ohne Tabelle.» Früher gab es nur die Defensive.

«Heute hat Anderlecht die beste Akademie»

Die gezielte Nachwuchsförderung war die einzige Überlebenschance vieler Klubs: Ausbilden und dann teuer verkaufen. David Sesa war als Assistent von René Weiler beim RSC Anderlecht tätig und hatte Einblick in die Jugendakademie. Er sagt: «Die individuelle Ausbildung ist der eigentliche Hauptgrund, dass Belgien so viele Weltklassespieler hat. Und ebenfalls zentral: Die Spieler werden so geschult, dass sie im Spiel die Probleme selber lösen und nicht auf die Hilfe des Trainers warten.» Sesa sagt, dass man jetzt ernte, was vor vielen Jahren, auch in der Trainerausbildung, gesät worden sei.

«Heute hat Anderlecht die beste Akademie. Das Projekt ‹Purple Talents› hat Romelu Lukaku (ManUnited), Leander Dendoncker (Wolverhampton) und Youri Thielemans (Moncao) hervorgebracht», sagt Sesa. «Fünf Personen kümmern sich um die Jugendspieler. Die sogenannte ‹soziale Zelle› beschäftigt sich mit Problemen in der Schule und in den Familien», sagt Sesa. Und erzählt von Tielemans. «Er war schon mit 20 Jahren ein Leader. Perfekt ausgebildet und charakterlich top.» Monaco bezahlte 30 Millionen Franken.

David Sesa war als Assistent von René Weiler beim RSC Anderlecht tätig und hatte Einblick in die Jugendakademie.

  

Neben dem Faktor Ausbildung spielen – wie in der Schweiz – die Migranten eine wesentliche Rolle bei der Wiedererstarkung des Nationalteams. Lukaku, Chadli und Vincent Kompany sind wichtige Leistungsträger. Weil der Kongo einmal eine belgische Kolonie war, leben viele Menschen mit afrikanischen Wurzeln in Belgien. 1986 war Enzo Scifo noch der Einzige mit Migrantenhintergrund im Team, bei der WM 2018 galt dies für die Hälfte des Kaders.

Auch Glück gehört dazu

Mijat Maric hat bei Lokeren jeden Tag zu spüren bekommen, wie hungrig die jungen Spieler sind. «Der Fussball ist ihre Chance im Leben. Sie geben in jedem Training alles. Manchmal sogar zu viel. Das ist ihre Mentalität», sagt Maric. «Die Lust darauf, Fussballer zu werden, ist in Belgien noch etwas grösser als in der Schweiz», sagt Sesa. Aber man müsse schon auch sehen, dass Belgien Glück habe, gleich so viele Riesentalente in dieser goldenen Generation zu haben, sagt Maric.

Dank den Secondos hat sich der einst dauerhafte Konflikt zwischen Flamen und Wallonen entschärft. «Die verschiedenen Mentalitäten wirken gar befruchtend», sagt Sesa.
Belgien ist heute so gut wie noch nie. Für Lukaku kassierte Everton 97 Millionen Franken. Dass gleich siebzehn Belgier in der Premier League auflaufen und weitere in Topklubs in Spanien (Courtois), Italien (Mertens), Deutschland (Witsel) und Frankreich (Meunier), sagt alles über das Potenzial.

Belgien scheint inzwischen auch stark genug, den vor einem Monat aufgedeckten Korruptionsskandal ohne die alten Streitigkeiten zwischen den Volksgruppen zu verarbeiten. Marc Wilmots, der Vorgänger des Nationaltrainers Roberto Martinez, hat grossen Anteil daran, dass die Roten Teufel eine Einheit bilden. Er hat sie gegen separatistische Kräfte zusammengeschweisst. «Das Nationalteam bringt die Menschen zueinander», sagt Wilmots.