WM 2018
«Dann rauscht es im Kopf»: Ex-Nati-Spieler Huggel und Comisetti über den Schweden-Knüller

Sie sind beide ehemalige Nationalspieler. Nun begleiten sie den Schweizer Tross an der WM 2018 als Fernsehexperten. Benjamin Huggel (SRF) und Alexandre Comisetti (RTS) sprechen über das Nationalteam und Unterschiede in der Wahrnehmung.

Etienne Wuillemin und Christian Brägger aus Togliatti
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Alexandre Comisetti und Benjamin Huggel
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Alexandre Comisetti spielte hier im Nati-Trikot gegen den Oman (2000).
Benjamin Huggel, hier in einem Spiel gegen Norwegen (2009).

Alexandre Comisetti und Benjamin Huggel

Keystone

Welche Mannschaft hat Sie an der WM am meisten überrascht?

Alexandre Comisetti: Belgien. Es hat bestätigt, was wir von dieser Generation erwarten können.

Benjamin Huggel: Die negative Überraschung war Deutschland, klar. Dafür haben mich die Kroaten sehr überzeugt. Und auch die Schweiz könnte eine Überraschung werden.

Benjamin Huggel

Die 40-jährige FCB-Legende gewann mit Basel sechs Meistertitel und drei Mal den Cup. Zwischen den Jahren beim FCB spielte er zwei Jahre bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga.

Für die Schweiz hat er 41 Länderspiele bestritten (2 Tore) und war an drei Endrunden dabei. Der gelernte Landschaftsgärtner hat zwei Kinder und führt eine eigene Beratungsfirma. Zudem wirkt er als Experte beim Deutschschweizer Fernsehen SRF.

Oder Schweden?

Huggel: Ja, die Schweden könnten das auch sein. Sie mussten sich nach dem Abgang von Zlatan Ibrahimovic neu finden, spielen sehr defensiv, wie die Isländer fast. Und sie haben keine Probleme damit, wenn der Gegner mehrheitlich den Ball hat.

Ist die Schweiz reif für den Viertelfinal?

Comisetti: Die Schweiz hat in den vergangenen zwei Jahren in 25 Spielen nur einmal verloren. Sie ist für alle ein schwieriger Gegner.

Huggel: Die Achtelfinalqualifikation ohne Niederlage, das Unentschieden gegen Brasilien, das spricht für sie. Dazu kommt die grosse Turniererfahrung. Zudem hat sie mit Vladimir Petkovic einen Trainer, der konsequent seinen Weg geht und wenig Wechsel im Team vornimmt. Er hält die Gruppe sehr homogen.

Comisetti: Die Leader im Team sind sehr präsent. Lichtsteiner, Behrami, Xhaka, Sommer, Shaqiri, Rodriguez. Sie reissen die anderen mit.

Huggel: Und ich sehe niemanden, der die Gruppe stört. Die Leader sorgen dafür, dass niemand ausschert.

Alexandre Comisetti

Der 44-Jährige spielte als Aktiver unter anderem für Lausanne, Yverdon, die Grasshoppers, Auxerre oder Servette. Er kam zu insgesamt 30 Einsätzen für das Nationalteam (4 Tore) und war dabei an der EM 1996.

Der Romand arbeitet heute als Marketingfachmann, zudem trainiert er das Erstliga-Team von Echallens. Der zweifache Familienvater ist seit elf Jahren Experte beim Westschweizer Fernsehen RTS.

Darf man Vladimir Petkovic als Glücksfall bezeichnen?

Comisetti: Ich glaube, Petkovic will sich nicht so sehen. Er macht seinen Job sehr gut, hat eine tolle Persönlichkeit. Er geht einen gesunden Weg und sucht das Gespräch, ist immer positiv. Das gibt eine gute Dynamik zwischen den Spielern und dem Trainer. Dieser Weg dauert aber schon lange, seit Hitzfeld. Petkovic führt und entwickelt ihn weiter. Er macht sehr vieles richtig.

Was darf die Schweiz gegen Schweden nicht machen?

Comisetti: Die Stärke der Schweiz ist es, sich auch im Vorwärtsspiel zu organisieren. Gegen Brasilien und Serbien klappte das gut, bei eigenen Ballverlusten war sie sofort da. Gegen Costa Rica nicht mehr, die Sicherheit war nicht gegeben. Hier muss die Schweiz aufpassen gegen Schweden. Das Spiel der Schweiz ist sehr komplex. Behrami hat dabei eine so wichtige Rolle.

Huggel: Behrami muss beim eigenen Ballbesitz schon antizipieren, wo der Ballverlust passieren könnte. Damit er sofort eingreifen kann.

Comisetti: Dafür brauchst du viel Spielintelligenz. Wenn du weniger konzentriert bist und die anderen das Umschalten nicht so machen, wie du es willst, dann fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus.

Huggel: Und es braucht einmal einen guten Start. Gegen Polen an der EM war dieser nicht gut, jetzt wieder zweimal nicht. Woran das liegt, weiss ich nicht. Als Spieler habe ich das oft erlebt: Du nimmst dir so viel vor, und dann klappt es nicht. Zum Schluss: Die Schweiz sollte nicht das Gefühl haben, gegen Schweden Favorit zu sein. Es braucht viel Handwerk und grosse Konzentration. Auch Standards könnten entscheiden.

Nach dem Spiel gegen Serbien kam es zur Diskussion über den Doppeladler. Michael Lang erzählt, im Team dominierte das Gefühl «wir gegen die Welt». Wie viel Energie schöpft die Mannschaft daraus?

Comisetti: Weniger, als die Journalisten denken.

Huggel: Sehr gute Antwort.

Comisetti: 80 Prozent der Zeit haben die Schweizer an Fussball gedacht. 20 Prozent an die Geschichte. Aber daraus werden sie nicht so viel ziehen.

Huggel: Für die Spieler war der Adlergruss kurz nach dem Spiel ein Thema. Aber danach war es schnell vorbei.

War die Diskussion um die Jubelgesten übertrieben?

Huggel: Was ich sagen muss zu dieser Affäre: Man hätte im Vorfeld die möglichen Emotionen mehr thematisieren können. Dass die Öffentlichkeit gewusst hätte: Doch, das ist ein schwieriges Spiel für die albanischstämmigen Spieler. Das wurde nicht gemacht. Nachher war der Bumerang etwas stark. Aber: Viele Spieler hatten gar nichts damit zu tun. Die denken, ja das geht wieder vorbei, das hat ja nichts mit Fussball zu tun.

Beurteilen die Welschen solche Dinge in der Nationalmannschaft anders als die Deutschschweizer?

Comisetti: Die Romands haben momentan eine riesige Euphorie für das Nationalteam. Vor ein paar Jahren gab es vielleicht Missverständnisse. Aber mit der Zeit lernten die Leute, sich zu verstehen. Für uns im Welschland war der Jubel mehr ein Fakt als eine grosse Diskussion. Aber die Euphorie hat es nie weggenommen. Ich glaube, die Leute sind sich bewusst, dass wir ein grosses Glück haben, zusammenzuleben. Das ist auch die Rolle der Schweiz. Wir leben zusammen!

Sind wir Deutschschweizer verkrampft?

Huggel: Das kann ich nicht abschliessend beurteilen. Aber für uns Fussballer ist das viel weniger ein Thema. Wenn vom Verband offensiver kommuniziert worden wäre, hätte diese Diskussion nicht so lange stattgefunden.

Comisetti: Wenn du ein wichtiges Tor geschossen hast, dann folgen sehr spezielle Sekunden. Du kriegst einen Adrenalinschub, die schönen Gefühle rauschen aus dir raus. Du weisst manchmal nicht genau, was mit dir passiert.

Huggel: Aber es ist sehr gut formuliert von dir. Das Gefühl, ein wichtiges Tor zu schiessen, das kann nicht ersetzt werden. Und das werden wir auch das ganze Leben vermissen. Wenn du ein wichtiges Tor schiesst, kommt meistens etwas raus, das du nicht immer kontrollieren kannst. Weil du genau für diese Momente als kleiner Junge mit Fussballspielen beginnst.

Comisetti: Ich sehe nichts Böses in so einem Jubel. Mich persönlich hat mehr berührt, wie Shaqiri und Xhaka nach dem Spiel vor den Zuschauern ihre Hand auf das Schweizer Kreuz gelegt haben. Sie haben für mich ziemlich stark gezeigt, wie stolz sie auf die Schweiz sind. Es sollte die Kulturen zusammenschweissen, nicht auseinanderreissen!

Was passiert mit einem Spieler in den letzten Stunden vor einem Spiel wie gegen Schweden?

Comisetti: Hauptsache, du verlierst so wenig Energie wie möglich. Es ist nicht immer einfach, das Handy auf die Seite zu legen. Ich habe das zu meinen Zeiten noch nicht so extrem erlebt. Aber ich kann mir gut vorstellen, was jetzt los ist. Jeder will wissen, wie es geht. Das Wichtigste aber ist, dass du das Spiel im Kopf nicht schon vorher spielst.

Huggel: Ich habe mir immer Szenen visualisiert. Vor jedem wichtigen Spiel habe ich mir vorgestellt, so ein Tor zu schiessen wie Xhaka gegen Serbien. Dass der Ball schön auf den rechten Fuss kommt. Oft auch am Nachmittag vor dem Spiel.

Comisetti: Wenn du dich zu stark freust, gibt es das Risiko, dass du das Spiel vor dem Spiel spielst – und viel Energie verlierst. Wenn du aber eine gewisse Angst hast, mit einem komischen Gefühl im Bauch auf den Platz gehst, dann kann das wiederum hemmen.

Wie meinen Sie das?

Comisetti: Wenn du gegen Brasilien spielst, hast du eine Nebenrolle. Du bist klarer Aussenseiter, das ist einfach zu spielen. Gegen Serbien ist es 50 zu 50, du darfst nicht verlieren. Das ist mental sehr schwierig. Nichts von aussen wird dir helfen. Gegen Costa Rica ist es nochmals anders, da kommen Fragen ins Spiel wie: Bist du qualifiziert oder nicht? Musst du alles geben oder nicht? Hast du eine gelbe Karte oder nicht? Lassen wir die Stammmannschaft spielen oder nicht?

Huggel: Ich fand Serbien aus mentaler Sicht nicht so schwierig. Du weisst: Es ist ein Final, es gibt nur eines: Du musst gewinnen. Costa Rica war für mich die heikelste Partie. Du bist fast qualifiziert – aber noch nicht ganz. Du weisst, der Gegner ist schon draussen, musst aber trotzdem mindestens einen Punkt holen. Und wenn du das nicht schaffst, lachen dich alle aus, sagen: «Seid ihr eigentlich doof?!» Gegen Schweden ist es wieder einfacher: Ein Final, 50 zu 50, Vollgas, hopp!

Comisetti: Was ich beeindruckend fand: Die Schweiz hätte gegen Serbien auch unentschieden spielen dürfen. Das wäre für sie das bessere Resultat gewesen als für Serbien. Und trotzdem hat die Schweiz in den letzten 30 Minuten immer Druck gemacht, ohne jede Angst vor der Niederlage. Als der Ball einmal ins Aus ging, holte ihn Schär sofort und warf ihn Lichtsteiner zu. Solche Dinge sind ein riesiges Zeichen für die Mitspieler, den Gegner, den Schiedsrichter, das Publikum. Das beeinflusst alle. Und am Ende ist im Fussball eben fast nie etwas Zufall.

Bedeutet: Mit dem Willen kannst du fast alles erreichen.

Huggel: Ja, vor allem an einer Weltmeisterschaft. Für Klubtrainer ist es einfacher, Mannschaften einzustellen, ihr einen Spielstil zu geben, als für Nationaltrainer, weil sie mehr Zeit haben. Das heisst: Die mentale Bereitschaft, der Willen, die gute Gruppe ist bei Länderturnieren sehr wichtig. Fast wichtiger als in einer Liga, wo die Spieler immer zusammen sind.

Hätten Sie gegen Costa Rica ohne jene Spieler mit gelber Karte gespielt?

Comisetti: Nie! Nie!

Huggel: Ich auch nicht.

Comisetti: Das ist eine Weltmeisterschaft. Und du bist zu jenem Zeitpunkt noch nicht im Achtelfinal. Da musst du mit den besten Spielern antreten.

Huggel: Und wenn du nicht nur an den Achtelfinal, sondern auch an den Viertelfinal denkst – dann holen sie sich die gelbe Karte im Achtelfinal und sind danach gesperrt.

Sie denken also bereits weiter?

Huggel: Als Trainer würde ich so denken, ja. Du weisst ja nicht im Voraus, ob jemand eine Verwarnung kassiert. Wenn es so ist, dann haben wir ein 23-Mann Kader. Wenn nicht, spielt er durch. Punkt.

Wie bringt es ein Spieler hin, dass der Druck nicht lähmt, vor 45 000 Zuschauern auf der WM-Bühne zu spielen?

Huggel: Für mich war das nie Druck. Je mehr Zuschauer, desto besser. Natürlich dachte ich: Hoffentlich passiert mir kein schlimmer Fehler, dass mich die Leute als Depp bezeichnen. Eines meiner ersten Länderspiele war das entscheidende Qualifikationsspiel für die EM 2004 in Basel gegen Irland (2:0-Sieg, d.Red.), ich war ziemlich nervös. Dann kam Murat Yakin und sagte mir: «Hey, es ist Fussball, du kennst das!» Und genauso ist es für die Jungs auch in diesem WM-Achtelfinal. Es ist, wie wenn du gut vorbereitet an eine Prüfung gehst, dann bist du auch nicht nervös.

Sind Sie, wenn Sie vor der Kamera stehen, immer noch nervös?

Comisetti: Es ist schon nicht zu vergleichen mit der Situation, wenn du auf dem Feld stehst. Mit der Nationalmannschaft musst du allerdings wirklich aufpassen, was du sagst. Du darfst nicht zu emotional sein, weil die Leute diese Mannschaft mögen! Das ist in der Romandie ziemlich speziell im Moment. Wenn ich irgendetwas Negatives sage – und sei es nur schon etwas, was die TV-Zuschauer auf ihrem Sofa selbst schon zehnmal sagten –, kriege ich Hunderte Mails. Die Leute lieben diese Mannschaft. Bei der Nati ist es fast wie bei deiner Mutter oder deiner Frau, du möchtest nichts Schlechtes über sie hören, sonst . . .

Huggel: Ich wäge auch genau ab, was ich sage. Was vielleicht ein bisschen anders ist: Ich denke, die Leute in der Deutschschweiz mögen das Team zwar, aber ich habe auch einige Kommentare erhalten, dass ich zu wenig bissig sei. Am Ende zählt immer das Resultat. Deshalb hüte ich mich, das Team vorschnell zu kritisieren. Das hat mich schon als Spieler genervt. Wenn es 0:0 oder 0:1 steht zur Pause und alle gepfiffen haben, dachte ich jeweils: ‹Was denkt ihr euch eigentlich?› Wenn es am Schluss 0:3 steht, dann könnt ihr pfeifen! Weil es dann ja auch nicht gut war. Aber seit ich die Schweiz begleite, seit dem Testspiel gegen Griechenland, hat diese Mannschaft ja noch nie verloren.

Also sind Sie ein Glücksbringer?

Huggel: Das müssen Sie schreiben! (Lacht laut) Es ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Wenn die Mannschaft liefern muss, liefert sie.

Comisetti: Ich bin jetzt seit elf Jahren Co-Kommentator. Und ich kann Ihnen sagen: Es war nicht immer so toll! Ich mag mich erinnern ans Spiel gegen Luxemburg. Die EM 2008 bei uns – vier Tage und wir sind draussen! Dann qualifizieren wir uns nicht für die EM 2012. Es war nicht immer schön.

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