Belgien

Danijel Milicevic: Der vergessene Emigrant

Danijel Milicevic hebt im Trainingslager ab.

Danijel Milicevic hebt im Trainingslager ab.

Danijel Milicevic hat sich über unorthodoxe Wege in die Champions League gespielt. In Gent wird er geliebt, das Nationalteam ist für den Schweizer aber kein Thema.

Dieser Tag im Mai 2015 ist für die Fussballfans in der Provinz Ostflandern die langersehnte Zäsur. Landeskampioen. Landesmeister. Endlich. Erstmals nach 115 Jahren. Gent im Ausnahmezustand. 120 000 Fans suhlen im Kanal, der sich elegant durch die Stadt schlängelt. Auf Booten lassen sich die Spieler durch die Menge treiben. Es ist dieser eine Moment, der Danjiel Milicevic bestätigt, dass es richtig war, vor sieben Jahren die Schweiz für ein Abenteuer zu verlassen. Doch dem magischen Moment weicht auch immer wieder diese Hoffnung auf Anerkennung einer einzigen Person. Diese Person, die Milicevic einst das Tor zum Profifussball aufschob, ist Vladimir Petkovic, Trainer der Schweizer Nationalmannschaft.

Zeitsprung. Im Sommer 2004 erhält der 17-jährige Milicevic in Lugano erstmals die Möglichkeit, mit den Grossen zu trainieren. Einer sah im Auftreten des jungen Tessiners etwas Besonderes. Sein Förderer heisst Petkovic, seit kurzem neuer Trainer bei Lugano. Ein Übungsleiter ohne Meriten. Petkovic pflanzt Milicevic seine Maxime ein: Glaube an deine Träume und gib niemals auf. Nach nur einem Jahr ist Mentor Petkovic aber schon wieder weg. Milicevic bleibt zurück. Im Winter 2005 beginnt das Buhlen um den Schweizer Nachwuchs-Nationalspieler. Der 20-Jährige verlässt seine Heimat für die grössere Bühne in Yverdon. Beim Super-League-Klub heisst die Realität Abstiegskampf. Milicevic spielt, kann Yverdons Abstieg aber nicht abwenden. Zwei weitere Jahre Challenge League. Petkovics Maxime verliert an Zauber.

Auch wegen der Hiobsbotschaft im Sommer 2008: «Danijel, dein Vertrag wird nicht verlängert.» Sechs Worte der Klubvertreter, die den Tessiner in die Vereinslosigkeit schicken. Keine Angebote. Sechs Monate Ungewissheit. Ein 22-Jähriger verfolgt von Zweifeln. Die Familie spendet Halt. Fit hält er sich bei seinem Stammverein Lugano, ein erneutes Engagement wird aber nicht forciert. Im Winter 2009 folgt endlich die Erlösung: Wohlen, Schaffhausen und Concordia Basel wollen das in Bellinzona geborene Talent. Doch da ist diese eine Offerte aus der zweiten belgischen Liga, die Milicevic beschäftigt. Eupen, eine überschaubare Stadt mit knapp 20 000 Einwohnern. Das Unbekannte reizt. Standard Lüttich und RSC Anderlecht, diese beiden Vereine assoziiert Milicevic mit dem Staat in Westeuropa. Zu wenig für ihn. Die Abenteuerlust überfällt ihn. Letztlich ist es sein Bauchgefühl, das ihn dazu verleitet, den unorthodoxen Weg in die Ungewissheit einzuschlagen. Er will entdecken, etwas Neues in seinem Leben. Also setzt er seine Unterschrift unter jenen Kontrakt mit dem belgischen Absender. Milicevic wird zum Emigrant. In seinem Heimatland nehmen die wenigsten davon Kenntnis.

Stammplatz in der zweiten Liga

Milicevics Empfang ist herzlich, sein Stammplatz ist unumstritten. Das Niveau der zweiten belgischen Liga entspricht jenem der Challenge League. Nur die Liebe zum Fussball ist grösser. Im Jahr darauf steigt der Schweizer mit Eupen auf. Im Sommer 2011 wechselt Milicevic nach Charleroi, auch der Stadt 50 Kilometer südlich von Brüssel verhilft er zum Aufstieg. Die Etablierung in Belgien gelingt, über Charleroi findet Milicevic im Januar 2014 den Weg nach Gent. «Eine Stadt, die ein wenig an Amsterdam erinnert», wie er es beschreibt. Belgien ist längst seine zweite Heimat, die Ruhe um seine Person behagt ihm. In Gent erhält Milicevic die notwendige Zeit zur Akklimatisierung. Der Sommer 2014 ist der Anfang eines unverhofften Märchens. Weil arrivierte Charaktere in Gent rar sind, gehört der damals 28-jährige Milicevic zu den Führungsspielern. Die Jungspunde aus Ostflandern verblüffen trotzdem Spieltag für Spieltag, Milicevic verkörpert den ungeahnten Aufstieg. Mit neun Tore und neun Assists ist der Schweizer Spielmacher einer der Lichtgestalten auf dem Weg zum ersten Meistertitel in Gents Klubhistorie. Ein Traum wird im Mai 2015 Realität. Spätestens jetzt ist Danijel Milicevic angekommen, auf der grossen Bühne. Es ist die Befriedigung im höheren Fussballeralter.

Heute Champions League

Der Triumph legitimiert zur Teilnahme an der Champions League. Lyon, Valencia und St. Petersburg sind die Kontrahenten. Milicevic zaubert, erzielt in der Gruppenphase drei Treffer und zieht mit seinen «Büffeln» in die Achtelfinals ein. Dort muss heute eine weitere magische Nacht folgen, das Hinspiel ging mit 3:2 an Wolfsburg. Längst feiert die Schweiz den vergessenen Emigranten. Auch Petkovic gratulierte schon per SMS. «Filmreif, nicht?», fragt Milicevic rhetorisch. Gewiss, doch etwas fehlt, um dem Drehbuch eines Hollywood-Streifens gerecht zu werden: ein Happy End. Sprich die Nominierung für die A-Nationalmannschaft.

Dass sich das auch Danijel Milicevic wünscht, ist kein Geheimnis. «Klar gibt es viele gute Spieler auf meiner Position, aber wenn man in Form ist, ist es nie zu spät. Ich bin ja nicht 45, sondern 30», sagt der seit Januar 30-Jährige und schiebt nach: «Aber Petkovic hat seine Entscheidung gefasst.» Glaube an deine Träume und gebe nie auf, lernte Petkovic einst seinem Schützling. Nun ist es ausgerechnet der eigene Mentor, der Milicevics Maxime zu Makulatur verkommen lässt.

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