EM 2016
Daniel Sturridge, Englands Held wider Erwarten

Nach seinem späten Tor im Spiel gegen Wales ruhen jetzt plötzlich alle Hoffnungen bei den «Three Lions» auf dem 26-jährigen Liverpool-Stürmer Daniel Sturridge.

Raphael Honigstein, Paris
Merken
Drucken
Teilen
Daniel Sturridge trifft gegen Wales in der Nachspielzeit zum 2-1 für England.

Daniel Sturridge trifft gegen Wales in der Nachspielzeit zum 2-1 für England.

Keystone

Späte Siege nach Rückstand sind die schönsten. Da macht es auch nichts, wenn der Falsche trifft. Wunderknabe Harry Kane (22), Spätzünder Jamie Vardy (28) oder auch der als Mittelfeldregisseur auferstandene Captain Wayne Rooney (30) waren für die Heldenrolle vorgesehen, doch Englands Hoffnung hört seit dem 2:1-Erfolg gegen Wales urplötzlich auf den Namen eines Mannes, der ausser Nationaltrainer Roy Hodgson vor dem Turnier kaum Freunde auf der Insel hatte.

45 starke Minuten voller Tempo und Zielstrebigkeit nach seiner Einwechslung und dazu sein sehenswertes Last-Minute-Tor im britischen EM-Derby in Lille haben Daniel Sturridge urplötzlich zum Retter der Nation gemacht. «Sturridge save the Queen» hiess es im französischen Fernsehen, grammatikalisch nicht ganz korrekt. Das Wohl Ihrer Majestät soll der in Birmingham geborene Sohn jamaikanischer Einwanderer nun auch gegen die Slowakei im letzten Gruppenspiel vertreten, Hodgson hat ihm eine Startgarantie neben Vardy beschert.
Damit hat vorher kaum jemand gerechnet, Sturridge war nur als Ergänzungsspieler zum Turnier gereist. Hodgson hatte den 26-Jährigen als «Englands versiertesten, abschlussstärksten Stürmer» gepriesen, ihm war im Europa-League-Final (1:3 gegen Sevilla) für Liverpool ein Traumtor gelungen, die Saison hatte er in starker Form beendet. Trotzdem galt seine Berücksichtigung aus unterschiedlichen Gründen als Risiko.

Da war zum einen seine immense Verletzungsanfälligkeit. Seit 2013 hat er wegen 18 verschiedenen Blessuren, die von den Ärzten nicht immer zweifelsfrei zu diagnostizieren waren, mehr als anderthalb Jahre verpasst. Klopp unterstellte ihm indirekt Wehleidigkeit, an der Mersey kam das Gerücht auf, der streng-gläubige Christ würde dem Platz aus religiösen Gründen fernbleiben. «Ich wüsste nicht, was das eine mit dem anderen zu tun haben soll», wehrte er sich.

Doch es gab auch andere Bedenken. Als der hoch talentierte Spieler zunächst bei Manchester City und dann beim FC Chelsea den Durchbruch verpasste, verwiesen Trainer und Mitspieler hinter vorgehaltener Hand auf ein zu gross geratenes Ego. Schnelle Autos, mit Diamanten besetzte Platinketten in den Stutzen und eine Vorliebe für Underground-Klubs im Londoner East-End waren dabei weniger das Problem als seine eigensinnige Spielweise. Sturridge schoss gerne aus den unmöglichsten Lagen, hielt keine Position, missachtete taktische Anweisungen. Liverpool wusste zu Beginn auch nicht, wo man ihn aufstellen sollte. Für die Sturmmitte fehlte ihm die Leidensfähigkeit, für die Spielmacherrolle die Feinheit, für den Flügel die Disziplin. «Er ist ein Einzelgänger, er lässt sich gerne treiben», sagt Ex-Nationalspieler Rio Ferdinand.

An der Seite von Luis Suárez entdeckte Sturridge 2013/14 erstmals Freude an der Effizienz. Mit seinen 22 Toren gewannen die Reds um ein Haar die Meisterschaft. Ohne Suárez, der vor zwei Jahren zum FC Barcelona wechselte, konnte Sturridge aber das Niveau nicht halten – wenn er überhaupt auf dem Platz stand. Ein Liebling der Fans wurde er so nie. Dauerverletzte kommen in England schnell in Verruf.

Der Spieler fühlte sich lange vom Publikum missverstanden. Er sei eben «etwas anders», erklärte er der «Daily Mail» und erzählte, dass er Rosenkranzperlen trüge, die nachts leuchteten, weil er sich als kleines Kind vor der Dunkelheit gefürchtet habe. Ein langjähriger Weggefährte bezeichnet ihn als komplexen Charakter, der introvertiert und selbstbewusst zugleich sei. Sturridge sitzt im Teamhotel gerne alleine, ihn umgebe eine gewisse Distanz, will der «Guardian» erkannt haben. Als Marcus Rashford in einem Testspiel sein erstes Tor für England erzielte, sass Sturridge angeschlagen auf der Bank und spielte mit seinem Telefon.

Dafür wird heute Abend aber keine Zeit sein. Er wird wieder als Held gebraucht.