Selten hat man über ein 0:3 so viel Positives gehört wie letzten Dienstag. Klar und deutlich verlor der FC Basel gegen Manchester United.

Doch Sportchef Marco Streller sagte danach: «Wir haben einen guten Auftritt gezeigt und vor allem einen, auf dem wir aufbauen können.» Und Trainer Raphael Wicky betonte, dass die Mannschaft «Charakter gezeigt» habe.

Mit dieser Aussage verband er die Hoffnung, dass die Mannschaft «diesen Spirit jedes Wochenende in der Schweiz, ob Cup oder Meisterschaft, auf den Platz» bringen könne.

Aber Champions League ist nur ein paar wenige Male im Jahr. Champions League ist Ausnahmesituation. Champions League zählt heute nicht mehr.

Der Charaktertest erwartet das Team von Wicky am Sonntag, 17.09.2017 im Stadio Comunale Riva IV in Chiasso. Cup-Achtelfinal gegen den Vierten der Challenge League.

Ambitionierter, junger Trainer

Ein junges Team, Durchschnittsalter 22,7 Jahre, mit einem genauso ambitionierten wie jungen Trainer. Guillermo Abascal Perez (28) stiess diesen Sommer aus dem Nachwuchs von Sevilla zu den Tessinern.

Der Mann mag in der Schweiz ein unbeschriebenes Blatt sein. Seine Vita aber beeindruckt: Mit 13 Jahren trainiert er in La Masia, der Talentschmiede des FC Barcelona.

Er teilt sich die Kabine mit Spielern wie Jordi Alba, Giovanni Dos Santos oder Bojan Krkic, um nur die bekanntesten zu nennen. Später wechselt er in den Nachwuchs von Sevilla.

Gerade 19-jährig entscheidet er sich für einen anderen Weg, er schreibt sich an der «Universidad Pablo de Olavide de Sevilla» ein und macht einen Master mit Schwerpunkt «Konditionstraining und Rehabilitation im Fussball».

Im Nachwuchs der Südspanier ist er zwei Saisons in engem Kontakt mit Victor Mañas, heute Analyst von Unai Emery, Trainer von Paris St. Germain.

Abascal hat die Spielkultur von Chiasso auf ein neues Niveau gehievt. «Das ist eine sehr gute Mannschaft, die einen sehr gepflegten Fussball spielt», lobt Wicky. Der Respekt ist gross. Und Wicky macht kein Geheimnis daraus, dass er «keine Experimente» machen werde.

So schickt er dieses Wochenende beispielsweise Spieler wie Neftali Manzambi und Pedro Pacheco in den Nachwuchs. Ein Durchrotieren wie gegen Erstrundengegner Wettswil kommt nicht infrage. Zu viel steht auf dem Spiel, zu stark ist der Gegner, zu sehr stehen Wicky und sein Team schon unter Druck.

Reden, reden, reden

Man wollte nach dem Auftritt gegen United den Geist von Manchester konservieren. Den Teamgeist, wohlverstanden. Wie man das macht? «Mit viel reden.

Denn Umstellung von Manchester auf Chiasso ist eine reine Kopfsache. Und der Kopf entscheidet letztlich alles», so Wicky. Er verlangt von seinen Spielern den gleichen Biss, die gleiche Kampfbereitschaft und Leidenschaft wie in England am Dienstag.

Doch am Sonntag ertönt nicht Tony Brittens Champions-League-Hymne. Die Sterne der Königsklasse sind dann weit weg. Dreckfressen ist angesagt.

Wicky: «Die Leute wollen sehen, dass sie kämpfen, rennen, sich zerreissen. Dann verzeihen sie auch Fehler.»

Genau dieser Spirit aber kam dem Team gegen Lausanne in der Schlussphase und insbesondere beim Siegtor für die Lausanner durch Geissmann abhanden. Und nun hofft man, dass er nach dem 0:3 gegen United wieder zurück ist. Nicht mehr auf dem strahlenden internationalen Parkett, sondern in der Anonymität des Cups. Ein Charaktertest.

Vielleicht könnte man auch einer Niederlage in Chiasso etwas Positives abgewinnen. Fakt aber bleibt, dass Basel letztmals vor sechs Jahren an einem Unterklassigen scheiterte. Am FC Biel und zwar im Viertelfinal.

Es ist nicht damit zu rechnen, dass Raphael Wicky dann schon den Hut nehmen müsste. Aber spätestens dann würden Streller & Co. anfangen, sich nach einer Alternative umzuschauen.

Es braucht den Geist von Manchester. Und vielleicht hilft ein bisschen «grosse-weite-Fussballwelt». Dann könnte Wicky seinen Spielern kurz den Werdegang seines Gegenparts bei Chiasso unter die Nase halten. Ein Unbekannter im Niemandsland. Aber einer mit Geschichte. Einer mit Hunger. Dem Hunger, den auch sie haben müssen.