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Ciriaco Sforza: zwischen Che Guevara und Pfarrer Sieber

Ciriaco Sforza verliert bei seinem Einstand als Trainer des FC Thun gegen seinen Ex-Klub GC mit 3:5

François Schmid-Bechtel, Thun
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Ciriaco Sforza erlebt eine bittere Ligapremiere als Trainer des FC Thun

Ciriaco Sforza erlebt eine bittere Ligapremiere als Trainer des FC Thun

KEYSTONE

Vielleicht dirigiert er auch im Schlaf. Was wir aber wissen: 90 Minuten reichen Ciriaco Sforza nicht. Das Spiel ist aus. 1:5 lag seine Mannschaft zur Pause zurück. Schliesslich verliert sie 3:5. Kein schöner Einstand für Sforza als Trainer beim FC Thun. Aber für den 45-Jährigen kein Grund, sich zu verkriechen. Im Gegenteil. Sforza dirigiert weiter. Und zwar seine Mannschaft Richtung Fans.

Der grosse Ciriaco Sforza, Champions-League-Sieger, zweimal deutscher Meister, langjähriger Captain des Schweizer Nationalteams und der kleine FC Thun – passt das? Es kann passen.

Rückblende: 2006 beendete Sforza in Kaiserslautern seine Spielerkarriere. Was tun? Für Sforza stellte sich diese Frage nicht. Denn er verhielt sich schon als Spieler wie ein Trainer. Schliesslich wurden ihm grosse strategische Fähigkeiten nachgesagt. Dass er diese auch mal für öffentlichkeitswirksame Machtspiele nutzte, trug ihm bei Kritikern die Bezeichnung Stinkstiefel ein.

Sforza wechselte also ins Trainerbusiness. Ohne Punkt und Komma. Aber nicht bei den Junioren oder einem unterklassigen Klub. Nein, nein, er musste gleich ziemlich weit oben einsteigen. Schliesslich reden wir hier von Sforza, dem Grossen. Und die Diplome? Kein Problem, die kann man sich auch nebenbei abholen.

Wer Sforza als Trainer in Luzern gesehen hat, sah nicht den abgehobenen Fussball-Snob, als der er in der Öffentlichkeit häufig gezeichnet wurde. Im ersten Training standen dem Wohler nicht mal elf Spieler zur Verfügung. Aber Sforza nörgelte nicht. Sondern arbeitete mit diesen Spielern, die da waren. Und das mit einer Empathie, die man ihm nie zugetraut hätte.

Zu viel auf einmal

Er offenbarte schon damals, dass er einen Privat-Coach engagiert hatte. Nachdem er in Luzern und später bei seinem Herzensklub GC entlassen wurde, sprach er offen über seine Überforderung. Er habe kaum mehr ruhig geschlafen. Sich in einem Tunnel ohne Ausgang gewähnt. Scheinbar grundlos geweint. Und sich psychologische Hilfe genommen. «Ich erlebte ein innerliches Donnerwetter», sagt er. Denn da waren starke Kräfte wie Zorn, Enttäuschung und Scham, die sein Fundament beben liessen.

Warum ist Sforza so tief gefallen? Sicher, weil er sich keine Zeit liess, den Trainerjob von der Pike auf zu lernen. Andererseits aber auch, weil er weder in Luzern noch bei GC einen Sportchef hatte, der ihn hätte führen können. Sforza war schon in Luzern der Jongleur mit zu vielen Tellern. Von Montag bis Mittwoch in Köln für das Trainerdiplom.

Und dann noch die ganze sportliche Verantwortung auf den jungen Trainerschultern. Das war zu viel. Doch Sforza kam erst zu dieser Erkenntnis, nachdem er auch bei GC gescheitert war, weil die Mannschaft unter ihm immer mehr von diesem bisschen Struktur verlor, das sie mal hatte. Erst das Engagement in seiner Heimat Wohlen brachte die Versöhnung zwischen Sforza und dem Trainerjob.

Und jetzt Thun. Auch das eine Nummer, die Sforza vor drei Jahren noch als zu klein eingestuft hätte. Aber heute sagt er: «Gott hat mir einen neuen Weg gezeigt. Dafür bin ich dankbar. Ich bin nicht mehr der gleiche Mensch. Ich bin ruhiger, gelassener, klarer und offener.» Und seit letztem Dienstag zum dritten Mal Vater.

Noch hat Sforza aber keinen Vertrag unterschrieben. Früher wäre das undenkbar gewesen. Heute sagt er: «Das kommt schon gut. Wir haben uns ja mündlich geeinigt.»

Sowieso kommt alles gut, wenn man sich in Thun umhört. Daran ändert auch die 3:5-Niederlage gegen GC nichts. Wobei es «schon krass ist, wenn du nach 1 Minute und 51 Sekunden den ersten Gegentreffer kassierst und in der Pause 1:5 hinten liegst», wie Sportchef Andres Gerber sagt. «So etwas sind wir uns nicht gewohnt. Denn wir waren in den letzten Jahren immer sehr stabil.»

Wobei er diese Worte nicht als Kritik an seinem Trainer verstanden haben will. «Ich habe ein sehr gutes Gefühl, was Sforza betrifft. Er hat keine überzogene Erwartungshaltung, gibt sich mit den gegebenen Umständen zufrieden, ist geduldig, macht die jungen Spieler besser und ist mutig.»

Den Paradigmenwechsel vom eher auf Sicherheit bedachten Spiel des Urs Fischer hin zum mutigen Stil des Ciriaco Sforza haben noch nicht alle verinnerlicht. Insbesondere die Aussenverteidiger tun sich schwer damit. «Das braucht noch Zeit», sagt Sforza. «Aber ich habe auch in der ersten Halbzeit einige gute Aktionen gesehen. Schliesslich muss man auch erwähnen, dass die Effizienz der Grasshoppers sensationell war.»

Eine letzte Frage: «Einen Vertrag haben Sie noch nicht. Hat Thun wenigstens Ihre Kontonummer, um den Lohn zu überweisen?» Sforza lächelt milde wie Pfarrer Sieber, verabschiedet sich höflich und geht. Der Mann scheint mit sich und der Welt im Reinen. Was er mit seinem dichten, zerzausten Haar und dem spriessenden Bart, diesem rebellischen Touch à la Che Guevara, untermauert.

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