Super League
Christian Constantin – präsent, als sei nichts gewesen

Skandal-Präsident Christian Constantin sieht eine 0:1-Niederlage von Sion gegen YB.

Markus Brütsch
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Christian Constantin verfolgt die Niederlage seines FC Sion gegen YB live im Stadion.

Christian Constantin verfolgt die Niederlage seines FC Sion gegen YB live im Stadion.

Keystone

«Unser Präsident ist ein Arschloch.» Wer nun glaubt, es handle sich hier um ein taufrisches Zitat aus Sion, liegt völlig daneben. Zumindest in der Öffentlichkeit hat sich gestern Nachmittag im Tourbillon niemand so oder ähnlich geäussert.

Nein, der wüste, aber aktuelle Satz stammt von LeSean McCoy, einem Football-Spieler aus Buffalo. Getwittert, um seinem Unmut über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump Luft zu machen. Dieser ist auch im Sport durch rassistische Aussagen aufgefallen.

In Sion wird der Präsident des lokalen Fussballklubs trotz des gewaltigen Fauxpas nicht in diesem Stil angegangen, als er sich am Sonntagnachmittag auf die Tribüne setzt.

Vorgefahren im Ferrari, lässt sich Christian Constantin das Super-League-Spiel zwischen seinem FC Sion und dem Tabellenführer Young Boys nicht entgehen, versteckt seine Augen aber hinter einer dunklen Sonnenbrille.

Am Ende, als die 0:1-Niederlage trotz eines leidenschaftlichen Aufbäumens der Sittener feststeht, nimmt Constantin die Brille dann doch noch ab. Sein Blick ist leer, der Präsident müde. Die letzten Tage seit seinem tätlichen Angriff auf den Teleclub-Experten Rolf Fringer in Lugano scheinen selbst ihm, dem sonst so toughen Mann, zugesetzt zu haben.

Am Morgen vor dem Spiel hat der «SonntagsBlick» neue Fakten zum Vorfall im Cornaredo enthüllt. Er hat dabei Fringers Teleclub-Kollegen Chris Augsburger zitiert, der direkt neben Fringer stand, als dieser zuerst von Constantins Sohn angepöbelt wurde, bevor der Papa wenig später zuschlug.

Augsburger sagt: «Barthélémy hat Rolf am Kragen gepackt und geschrien: ‹Wenn du nochmals etwas gegen meine Familie sagst, dann schwöre ich dir, ich töte dich!» Barthélémy ist 22 Jahre alt, Sportchef des FC Sion und Sohn von Beruf. Auch gegen ihn wird die Liga nun vorgehen müssen. Und möglicherweise auch ein Zivilgericht.

Fast ein Spiel wie jedes andere

Wer befürchtet hat, im Wallis sei beim YB-Gastspiel der Teufel los, das Tourbillon wie in früheren Zeiten aufgeheizt und ein Kessel, der jederzeit explodieren könnte, wird eines Besseren belehrt. Es scheint, als sei Sion gegen YB ein Spiel wie jedes andere.

«Wir sind Profis und konzentrieren uns ganz auf den Fussball. Wenn man keine Zeitungen liest, ist das nicht so schwierig», bestreitet Aufbauer Burim Kukeli, der Skandal habe Auswirkungen auf die Leistungen des FC Sion.

10 500 Zuschauer sind gekommen und die Sitten-Fans feuern ihre Mannschaft an, wie sie das immer tun. Die grossen Protestaktionen, ob gegen Constantin oder Fringer, bleiben aus. Was nicht bedeutet, den Anhängern sei egal, was passiert ist.

«Wer sich umhört, merkt schnell, dass die Leute der Meinung sind, Constantin habe einen Fehler gemacht», sagt Christian Rieder, der ehemalige Fanverantwortliche des FC Sion und Mitglied des Fanklubs Lötschental. «Gewalt im Stadion ist nicht zu tolerieren.» Rieder betont, keinen Einzigen zu kennen, der Gewalt im Stadion befürworte. «Aber ich kenne schon auch einige, die der Meinung sind, Fringer habe es mit seinen Aussagen über CC auf die Spitze getrieben.»

Am Abend wird dann der Fall im TV-Studio des Teleclubs diskutiert. Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League, ist auch da und erklärt, weshalb die Liga keine superprovisorische Verfügung erlassen habe, um Constantin vom Besuch des Spiels fernzuhalten.

«Die Rechtslage ist extrem heikel. Wir wollten keine Basis für ein unschönes Verfahren legen», sagt Schifferle und wird gefragt, welche Lehre er aus diesem Fall ziehe. «Wenn man merkt, dass etwas in die falsche Richtung läuft, muss man dies in einem Gespräch korrigieren», sagt Schifferle. «Aber es gibt Leute, die sind nicht therapierbar, das wurde vorhin gesagt, und in diese Richtung geht es hier leider.» Über Sanktionen gegen Constantin mag Schifferle indes nicht spekulieren.

So geht ein Wochenende zur Neige, das ganz im Zeichen eines der grössten Skandale des Schweizer Fussballs stand. Untergegangen ist dabei, dass die Young Boys nun offenbar in der Lage sind, auch mal zu gewinnen, wenn sie nicht sehr gut spielen. Roger Assalés Treffer (47.) jedenfalls hat zu einem 1:0-Sieg über den FC Sion gereicht. Bei diesem dürfte Paolo Tramezzani nun hoffen, Constantin habe sich um Wichtigeres zu kümmern, als um eine Trainerentlassung.