Ob der Ball auch dann ins Tor geflogen wäre, hätte Tomislav Puljic ihn nicht entscheidend abgefälscht, war Caio egal. Er steckte sich einen Teil des GC-Shirts in den Mund und liess sich feiern. Zuvor hatte ihn Trainer Pierluigi Tami erstmals in dieser Saison auf die Ersatzbank versetzt. Doch der Brasilianer hatte dann im Spiel gegen Luzern nur 17 Minuten gebraucht, um nach seiner Einwechslung das 1:1 zu erzielen und den Hoppers einen Punkt zu retten. Es war erst sein zweiter Treffer in diesem Jahr. Den ersten hatte er beim 4:2 im Derby gegen den FCZ erzielt; ein Abstauber aus wenigen Metern.

Es ist aber nicht die Statistik allein, die Caio ein Formtief nachweist. Seit der Winterpause ist der Offensivspieler nur noch ein Schatten der Vorrunde. In dieser hatte er es auf neun Tore und fünf Assists gebracht. Jetzt gibt es sogar Partien, da spielt Caio so diskret, dass man sich hinterher fragt: Hat er überhaupt gespielt? Ob es daran liegt, dass Yoric Ravet, sein Pendant auf der anderen Seite des GC-Angriffs, im Winter zu YB gegangen ist? Oder an der mässigen Verfassung seiner im Herbst noch so glänzenden Mitspieler Munas Dabbur und Shani Tarashaj?

Auch wenn die meisten GC-Spieler nicht mehr das Rendement der Vorrunde erreichen, so ist Caio das Symbol des markanten Abwärtstrends beim Rekordmeister. «Wir brauchen Caio», hat Tami nach dem Luzern-Spiel gesagt, «aber wir brauchen den besten Caio. Zuletzt war er nicht mehr in einer besonders guten Form, sodass ich ihm eine Pause verordnet habe.»

Caio César Alves Dos Santos hat schon anderen Trainern Rätsel aufgegeben. Als 21-Jähriger hatte er für den brasilianischen Spitzenklub Palmeiras in 28 Spielen neun Tore geschossen und war im Januar 2008 für eine Ablösesumme von 3,8 Millionen Euro von Eintracht Frankfurt übernommen worden. Es ist bis heute der Rekordtransfer der Hessen. Doch Caio war schlecht vorbereitet, fühlte sich in der Kälte nicht wohl, und die Eintracht wie auch er selber taten nichts, die Integration voranzutreiben. Obwohl seine Freundin und der vierjährige Sohn mit nach Deutschland gekommen waren, titelte der «kicker»: Caio – allein zu Haus. Trainer wie Friedhelm Funkel, Christoph Daum und Armin Veh («ein feiner Kerl, aber die Bundesliga ist zu schwer für ihn») konnten Caios Potenzial nicht abrufen. Mal brachte er aus dem Urlaub sechs Kilo Übergewicht mit, mal musste er Fitnesstests wegen Erschöpfung abbrechen, und als ihn Manager Heribert Bruchhagen fragte, ob ihm in Frankfurt etwas fehle, antwortete Caio mit Nein. Er traute sich nicht, den Leuten, die ihm den Sprung nach Europa ermöglicht hatten, zu sagen, wie schwer ihm das Leben hier falle.

Die Skepsis schnell abgebaut

Einzig unter Trainer Michael Skibbe zeigte Caio ansprechende Leistungen. Doch dieser wurde entlassen, und im Juni 2012 war nach 80 Bundesligaspielen (mit acht Toren) auch Caios Zeit bei der Eintracht abgelaufen. Es folgte ein Jahr zum Vergessen in der zweiten brasilianischen Liga. Es war für Caio daher eine Erlösung, als sich Skibbe im Sommer 2013 an den Südamerikaner erinnerte und diesen für 200 000 Euro zu GC lotste. Caios erste Wochen waren von Skepsis begleitet, doch dann wurde er fitter und besser und besser. In der ersten Saison schoss er dreizehn Ligatore, in der zweiten elf, obwohl er wochenlang mit einer Knochenhautentzündung zu kämpfen hatte.

Die laufende Spielzeit schien die bisher beste des 29-Jährigen bei GC zu werden. Doch davon ist der Mann mit dem vielleicht besten Schuss der Liga (Luzern-Goalie David Zibung: «Es gibt auf der Welt nur wenige, welche eine solche Schusstechnik haben») momentan weit entfernt. Dennoch dürfen Tami und GC auf heute Abend hoffen. Gegen keinen anderen Klub, ob Porto Alegre, Bayern oder Thun, hat Caio so viele Tore geschossen wie gegen den FCZ: neun in elf Ligaspielen.