WM-Final
Burruchaga: «Die Deutschen muss man ‹kaltstellen›»

Jorge Burruchaga schoss an der WM 1986 gegen Deutschland den Siegtreffer. Er erinnert sich, wie man die Deutschen schlagen kann.

Kai Behrmann, Buenos Aires
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Jorge Burrachaga schoss an der WM 1986 den Siegtreffer gegen Deutschland

Jorge Burrachaga schoss an der WM 1986 den Siegtreffer gegen Deutschland

Keystone

Nein, den heissen Atem von HansPeter Briegel spüre er nicht mehr im Nacken, sagt Jorge Burruchaga und lacht.

«Er hat damals im WM-Final 1986 in Mexiko wirklich alles versucht, mich am entscheidenden Tor zum 3:2 zu hindern. Aus deutscher Sicht leider vergeblich», so Argentiniens damaliger Matchwinner.

Die Erinnerungen an jene 88. Minute im Aztekenstadion sind immer noch lebendig. Am Mittelkreis von Maradona auf die Reise geschickt, lief Burruchaga alleine auf das deutsche Tor zu.

Viel Zeit zum Nachdenken. «Doch ich erlebte die Sekunden wie in einem Tunnel. Mein einziger Gedanke war, dass ich das deutsche Tor so schnell wie möglich erreichen musste, ehe mich noch jemand stoppt», erzählt er.

Als Orientierung diente dem Angreifer allein das knallgelbe Trikot von Toni Schumacher. «Alles andere um mich herum nahm ich nicht wahr. Auch die Schreie des herannahenden Briegel in meinem Rücken blendete ich komplett aus», berichtet Burruchaga.

Fast wäre er kurz vor dem Ziel doch noch gescheitert. «Der Ball sprang mir etwas weit vom Schienbein zum Fuss. Maradona wäre das wohl nicht passiert», so Burruchaga.

Zum Glück sei Schumacher aber nicht aus seinem Tor gekommen. «Eigentlich wollte ich hoch an ihm vorbeischiessen. So schob ich den Ball am Ende durch seine Beine», sagt Burruchaga. Es war der Schlusspunkt in einem Final, der beim zwischenzeitlichen Stand von 2:0 eigentlich schon zugunsten der Südamerikaner entschieden schien.

Im Gefühl des sicheren Sieges wurden die Argentinier um Superstar Diego Maradona aber leichtsinnig, gibt Burruchaga zu: «Wir hatten alles im Griff und plötzlich ging alles wieder von vorne los.» Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler brachten die Elf von Bundestrainer Franz Beckenbauer durch zwei Treffer jeweils im Anschluss an eine Standardsituation wieder zurück in die Partie. «So ist das gegen die Deutschen. Bildlich gesprochen muss man sie «kaltstellen». Man darf sie nie abschreiben», sagt Burruchaga.

Am glücklichen Ausgang habe man dennoch nie gezweifelt. Statt in Hektik zu verfallen, reagierten die Argentinier gelassen. Burruchaga: «Ich stand mit Maradona und Jorge Valdano am Mittelkreis und sagte nur: ‹Wir werden trotzdem gewinnen›.» Von gegenseitigen Schuldzuweisungen keine Spur. «Andere Mannschaften hätten sich in dieser Situation angeschrien. Wir fühlten uns an diesem Nachmittag aber einfach sicher. Das war der Geist dieser Mannschaft, die aus aussergewöhnlichen Charakteren bestand», schwärmt Burruchaga.

Als Maradona mit dem Pokal in der Hand zur Ehrenrunde aufbrach, war Trainer Carlos Bilardo bereits stocksauer in die Katakomben verschwunden. «Er ist ein Verrückter, ein absoluter Perfektionist. Ihn ärgerte es wahnsinnig, dass die beiden deutschen Tore jeweils im Anschluss an einen Eckstoss fielen», erklärt Burruchaga. Immer wieder hatte Bilardo seine Schützlinge im Vorfeld eindringlich vor der deutschen Stärke bei ruhenden Bällen gewarnt. «Statt uns zu gratulieren, hielt er uns diese Fehler vor, als er nach der Siegerehrung in die Kabine trat. Wir liessen uns die Laune aber nicht verderben und ignorierten ihn einfach», sagt Burruchaga.

Vier Jahre später trafen sich beide Mannschaften erneut im WM-Finale. Im Olympiastadion von Rom hatten dieses Mal die Deutschen das bessere Ende für sich. Dass der knappe 1:0-Sieg verdient war, daran lässt Burruchaga keinen Zweifel: «Deutschland ist in Italien verdient Weltmeister geworden, genauso wie wir 1986.» Die Art und Weise stösst Burruchaga jedoch immer noch bitter auf. «Für mich war das kein Elfmeter. Sensini spielte den Ball und Völler blieb an seinem Bein hängen», ärgert er sich über die entscheidende Szene in der 85. Minute, als Schiedsrichter Edgardo Codesal aus Mexiko auf den Punkt zeigte. Andreas Brehme war es egal. Sicher verwandelte er den Penalty zum 1:0-Siegtreffer.