Endlich darf er lächeln! Endlich sind die Kameras auf ihn gerichtet. Endlich füllen sich die Notizblöcke mit seinen Kommentaren. Endlich!

Josip Drmic steht da, mit Engelsgeduld, mit dem Schalk eines 21-jährigen Lausbuben im Gesicht. Seine Augen blinken mehr als jene der Kandidatinnen bei der TV-Erfolgsserie «Der Bachelor».

Wann immer sich die Schweizer Nationalspieler zu ihren Zusammenzügen getroffen haben, standen andere im Mittelpunkt. Er nie. Mal war er dabei, unbeachtet. Mal war er nicht dabei, und kaum einer vermisste ihn. Jetzt ist Josip Drmic gekommen, um zu bleiben.

(Quelle: Youtube.com)

Drmic: Seine Goals 2013/14

Gekommen mit dem Ziel, von Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld die letzte Rose zu erhalten - also den Platz im Schweizer WM-Sturm. «Ich bin bereit, die Türe aufzumachen, wenn das Nati-Glück anklopft», sagt er.

Das fussballerische Zuhause von Josip Drmic heisst Nürnberg. Der «Club», wie die Franken genannt werden, hat eine schwierige Zeit hinter sich. In den 17 Spielen der Vorrunde gelang kein einziger Sieg. Einer überzeugte trotzdem: Drmic. In den sechs Spielen 2014 gab es nun bereits vier Nürnberg-Siege. Drmic schoss dabei fünf Tore. «Er ist förmlich explodiert», sagt Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. 11 Tore hat er nun insgesamt schon erzielt. Die Quote ist herausragend. In Anbetracht der ersten Bundesliga-Saison sowieso.

Drmic? «Ein Rotzlöffel!»

Rückblick. Heute vor einer Woche. Ein sonniger Mittwoch in Nürnberg. Wir machen uns auf die Suche nach dem Erfolgsgeheimnis von Drmic. Das Trainingsgelände des 1. FC Nürnberg befindet sich zehn Minuten vom «Frankenstadion», der Heimstätte, entfernt. Auf einem Transparent steht: «FCN 9 - Gäste 0». Die sympathische Verkäuferin im Fanshop empfängt uns mit den Worten: «Josip ist perfekt. Gott sei Dank haben wir den!»

Kein Trikot ist derzeit gefragter als jenes von Drmic mit der Nummer 18. Wenige Minuten später fährt Drmic vor. Am Steuer eines Audi RS5. Neben ihm sitzt Timo Gebhart. Dieser ist im Moment aus gesetzlichen Gründen auf die Fahrdienste von Drmic angewiesen. Die beiden verbringen viel Zeit zusammen. Leidenschaften verbinden.

Drmic betritt das Klubmuseum. Posiert für Fotos. Und sieht sich die «Torjägerkanone» an, die Auszeichnung für den besten Torschützen einer Bundesliga-Saison. Marek Mintal hat diese als einziger Nürnberg-Spieler bereits gewonnen. «Wenn Josip so weitermacht, dann wird er sie irgendwann auch gewinnen», sagt Trainer Gertjan Verbeek.

Der Niederländer hat mit seinem gepflegten, offensiven Fussball viel dazu beigetragen, dass die Stimmung in Nürnberg derzeit so prächtig ist. Auch Mintal gehört zum Trainerteam. Seine Erfahrung teilt er natürlich insbesondere mit den Stürmern. «Josip hört gerne zu, saugt alles auf», sagt Mintal, «wenn er seine Form bis zur WM konserviert, dann wünsche ich den Gegnern der Schweiz viel Spass!»

Bei Penne, Schnitzel und Apfelschorle blickt Drmic auf seinen Start in Nürnberg zurück. «Es dauerte eine Weile, bis ich mich heimisch fühlte. Die Leute lachen über andere Dinge als wir. Die Mentalität ist anders, statt Cola trinken sie Spezi. Und ich musste mir den Deutschen-Slang antrainieren.»

Auch fussballerisch kam Drmic auf die Welt. «Die Trainings waren für meinen Körper am Anfang so intensiv, dass ich fast schon magersüchtig aussah.» Nun ist alles wieder im grünen Bereich. «Drei Kilo Muskelmasse konnte ich über die Winterpause aufbauen und halten.»

Aufgewachsen ist Josip Drmic in Bäch, Kanton Schwyz, direkt am Zürichsee. Die Eltern sind bosnische Kroaten. Mittlerweile wohnen sie in Split, haben ein Haus gebaut an der wunderschönen Adria-Küste. Mit 17 Jahren wurde Drmic eingebürgert. Im dritten Anlauf. Darum gehörte er nicht zum U17-Weltmeister-Team - obwohl er in der Hierarchie vor Ben Khalifa und Seferovic stand.

«Früher habe ich mich darüber genervt, jetzt nicht mehr. Was mit 17 war, interessiert niemanden mehr. Es zählen nur die ‹Grossen›.»

Drmic saugt die Bundesliga-Welt richtiggehend auf. Ein klein wenig stolz ist er schon, dass er so durchgestartet ist. «Eigentlich wusste ich ja: Es gibt so viele Beispiele, die es nicht auf Anhieb schafften - also könnte mir das auch passieren.» Er nennt keine Namen. Das ist nicht nötig, die Spieler sind bekannt.

Ben Khalifa: gescheitert. Nikci: gescheitert. Gavranovic: wieder beim FCZ. Mehmedi: über den Umweg Kiew nach Freiburg. Seferovic: Die Schlagzeilen drehen sich selten um den Fussball.

Drmic sagt: «Ich wollte mir das nicht erlauben.» Dass er Nürnberg als erste Station im Ausland wählte, ist clever. Der Druck und die Konkurrenz sind kleiner als anderswo.
Monika Rutz steht hinter der Bar der «Stuhlfauth Stuben». Das FCN-Vereinslokal liegt direkt neben dem Trainingsgelände. Die Wirtin hat Drmic als sympathischen «Rotzlöffel» kennen gelernt. Sie meint das ausschliesslich positiv.

Ihre Kürbis-Ingwer-Suppe hat es Drmic besonders angetan. Als sie die Suppe eine Zeit lang nicht mehr kochte, wünschte sie sich Drmic mit Hundeaugen zurück, berichtet Rutz. Gesagt, getan. «Mit grossem Schalk in den Augen rief er mir zu: ‹Schön, dass meine Wünsche so gewissenhaft erfüllt werden.›»

Es ist Nachmittag. Mittlerweile hat das Training in Nürnberg begonnen. Gut 150 Zuschauer stehen am Rand. Viele Rentner. Aber auch einige Jugendliche, die den freien Nachmittag bei ihren Idolen verbringen. Der 21-jährige Felix Mahler ist extra wegen Drmic zum Training gekommen. «Ich hoffe, dass ich am Ende des Trainings ein gemeinsames Bild machen kann.» Gerne nimmt sich Drmic dafür Zeit. Mahler sieht Drmic auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Fadi Keblawi schreibt für die «Nürnberger Nachrichten» über den Club. Er ist «überrascht und begeistert» von Drmics Leistungen. Der Schweizer sei ein netter, aufgeschlossener Mensch ohne Berührungsängste. «Seine Qualitäten vereinen ein Niveau, das man in Nürnberg nicht so häufig findet.»

Ob Wirtin Rutz, Fan Mahler oder Journalist Keblawi. Eines eint alle Beobachter. Niemals hätten sie erwartet, dass Drmic so schnell so viele Tore schiesst. «Der FCN ist eben immer für eine Überraschung gut», sagt Mahler.

WM ohne Drmic? Fast undenkbar

Als die meisten Spieler nach der Trainingseinheit schon in der Garderobe sind, übt Drmic immer noch Penaltys. Mit seiner Rolle im Team ist er natürlich zufrieden. Nur was die Position betrifft, gibts Differenzen. «Viele Trainer sagen mir: Josip, du bist auf der Seite am besten. Ich bin nicht einverstanden. Ich bin wie Samuel Eto'o damals bei Barcelona mit Messi. Der Tiki-Taka-Typ, der in die Tiefe geht - und die Kopfbälle trotzdem nicht scheut.»

Wirklich? Nicht nur, weil es auf der Seite, egal, ob links wie beim FCZ, oder rechts wie nun in Nürnberg, mehr Defensivarbeit anfällt? Drmic lacht. «Ja, ja, ein bisschen stimmt das schon. Ich bin nicht gerne in der eigenen Hälfte, da muss ich mich noch verbessern.»

Wo auch immer Drmic spielen wird für die Schweizer Nationalmannschaft, eines ist klar: Mit seiner Kreativität, seiner Schnelligkeit und seiner Flexibilität gibt er Ottmar Hitzfeld Möglichkeiten, auf die er eigentlich nicht verzichten kann bei der WM in Brasilien.

Es ist Abend geworden in Nürnberg. Einige Fans genehmigen sich in der «Stuhlfauth Stuben» ein Feierabend-Bier oder ein Glas Weisswein. Für den Besucher aus der Schweiz Zeit, zu gehen. «Viel Glück im vielleicht noch langen Abstiegskampf!»

Wirtin Monika Rutz lacht. Und entgegnet: «Ich bin da völlig entspannt - der Josip schiesst noch ein paar Kisten.» Neben ihr auf der Bar steht: eine rote Rose.