WM-Serie
Brasiliens Goalie Barbosa kassierte Höchststrafe für diesen einen Fehler

Moacyr Barbosa ist in seinem Leben zweimal gestorben. Ein einziges Gegentor hat dem brasilianischen Goalie ein Leben voller Verachtung und Elend beschert. Dabei war er zu seiner Zeit einer der besten Goalies der Welt.

Janine Müller
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Moacyr Barbosa: Litt sein Leben lang an seinem Fehlgriff.

Moacyr Barbosa: Litt sein Leben lang an seinem Fehlgriff.

Keystone

Der dunkelhäutige Brasilianer wurde gar zum besten Torhüter der Weltmeisterschaft 1950 ausgezeichnet. Doch es war auch jene WM, an der er gleichzeitig den Zorn und die Verachtung seiner Landsleute auf sich zog.

WM-Serie

«Die Nordwestschweiz» stellt in einer WM-Serie je eine spezielle Geschichte der bisherigen Weltmeisterschaften vor. Heute die WM 1950 in Brasilien.
Weltmeister: Uruguay

Brasilien spielt im neuen Maracanã-Stadion den WM-Final gegen Uruguay. Es steht 1:1, die 79. Minute läuft. Jene Minute, die Barbosa nie im Leben vergessen wird.

Ghiggia, der uruguayische Rechtsaussenstürmer, tritt an, versucht aus spitzem Winkel zu schiessen - und stolpert. Der Ball rollt langsam auf den näheren Torpfosten zu. Barbosa hat eine Flanke erwartet, steht zu weit vor dem Tor. Obwohl er rückwärts springt und den Ball noch leicht berührt, ist er zu spät. Der Ball rollt unaufhaltsam ins Tor. Es ist der Stich in das brasilianische Fussballherz und gleichsam der Todesstoss für Barbosa. Uruguay siegt mit 2:1.

Barbosa blieb in den Fünfzigerjahren trotzdem noch die Nummer 1 in seinem Land, holte mit seinem Klub Vasco da Gama mehrere Titel. Er beherrschte den Strafraum. Hohe Bälle holte er mit einer Hand herunter. Immer ohne Handschuhe. Er glaubte an seine magischen Hände. Geld verdiente er auch. Er wurde zum Autonarren. Fotos zeigen einen gut aussehenden, glücklichen Mann.

Ein Beinbruch hinderte ihn an der Teilnahme der WM 1954 in der Schweiz. Der Erfolg der Seleção in Schweden besiegelte Barbosas Schicksal. Die Medien holten die Ereignisse von 1950 wieder hoch, erinnerten an den Fehler Barbosas. Rassistische Untertöne gehörten dazu. In seiner Heimat wurde Barbosa ausgegrenzt, angepöbelt, gemieden.

Barbosa, der Sündenbock. Er starb seinen ersten Tod. In Brasilien ist das Wort «Barbosa» heute Synonym für «Verlierer». Eine Verletzung zwang ihn 1961 zum Karriereende.
Am 7. April 2000 starb der Goalie 79-jährig in Santos. Völlig verarmt. Das wenige Geld, das er damals noch hatte, ging für die Medikamente und für die Spitalaufenthalte seiner an Krebs erkrankten Frau drauf. Doch Clotilde starb. Barbosa war allein. Ein gebrochener, alter Mann. Zeitweise gar obdachlos.

Kurz vor seinem Tod sagte er in einem Interview: «Die höchste Strafe in Brasilien sind dreissig Jahre Haft. Ich erhielt fünfzig Jahre, weil ich einen Ball nicht gehalten habe.»