Plötzlich wird aus der letzten Hoffnung die pure Wut. Zwei, drei abschätzige Bemerkungen von Edinson Cavani in Interviews haben gereicht, damit die Stimmung kippte. Wer so über ihre innigste Liebe spricht, den wollen die Fans aus der Stadt vertreiben. «Viel Spass mit den zwei Fans, die dich in Paris abholen – du weisst die Liebe einer ganzen Stadt nicht zu schätzen», stand auf einem Transparent. Dann war er weg, Cavani, der zuverlässige Torschütze und Star der Società Sportiva Calcio Napoli, für 64,5 Millionen Euro zu Paris St. Germain transferiert – bisheriger Rekord in diesem Sommer.

Wenn Blerim Dzemaili diese Episode erzählt, blickt er trotzdem gelassen und optimistisch in die nahe Zukunft. Für den Schweizer, gegen Brasilien im Nationalteam famos wie selten zuvor, gibt es keinen Grund zur Sorge. Im Gegenteil. Dzemaili kennt 80 Millionen Gründe dafür. So viel Geld gab Napoli nämlich aus, um Cavani zu ersetzen und das Kader zu verbreitern. «So investieren – das tun nur sehr wenige Vereine auf der Welt.» Die klingendsten Namen der Neuen: Gonzalo Higuain, Raúl Albiol, José Maria Callejón (alle von Real Madrid) und Dries Mertens (Eindhoven).

Dzemailis Fazit lautet: «Wir nähern uns dem Weg eines Erfolgsteams. Denn wer etwas gewinnen will, der braucht mehr als 13 valable Spieler.» Zumal Napoli diese Saison wieder in der Champions League engagiert ist.

Wie im Nationalteam

Die einschneidendste Veränderung erfuhr die Mannschaft indes auf der Trainerposition. Walter Mazzarri entschied sich nach knapp vier Saisons für einen Wechsel zu Inter Mailand. Es übernahm Raphael Benitez, bei Chelsea nur geduldet, nie gemocht. «Er lässt mehr mit dem Ball trainieren», sagt Dzemaili. Neu ist auch das System. Die Dreierkette ist Geschichte, Napoli spielt jetzt im 4-2-3-1, wie das Schweizer Nationalteam, «mit sehr offensiven Flügeln», sagt Dzemaili.

Das Herz im defensiven Mittelfeld bilden wie schon letzte Saison Dzemaili, Valon Behrami und Gökhan Inler. Die drei Schweizer, die auch unter Ottmar Hitzfeld um die Startpositionen kämpfen. «Wir sind drei für zwei», pflegt Dzemaili zu sagen. Und klar sei das speziell. Aber im Verein birgt die Konstellation weniger Konfliktpotenzial als im Nationalteam, weil die Belastung so hoch ist, dass sowieso alle drei zu genügend Einsätzen kommen. Am Sonntag gegen Bologna ist Dzemaili noch gesperrt, «das ist ziemlich doof». Er würde nur allzu gerne an die starke Schlussphase der letzten Saison anknüpfen, als ihm sechs Tore in den letzten neun Spielen gelangen.

Ein Aufstieg wie im Film

Für das finanzielle Wohl von Napoli sorgt Aurelio De Laurentiis. Der Filmproduzent aus Rom übernahm den Verein im August 2004, als er nach dem Konkurs wegen über 70 Millionen Euro Schulden am Boden lag. Unter De Laurentiis erholte sich Napoli aber rasch, 2006 gelang der Aufstieg in die Serie B, 2007 gleich die Rückkehr in die Serie A. Vier Saisons später folgte der Einzug in die Champions League. Im Mai 2012 der erste Cupsieg seit 25 Jahren. Eines ist überdies erstaunlich: So gross der Druck in Neapel auch ist, Benitez ist in der zehnten Saison mit De Laurentiis als Präsident erst der vierte Trainer.

Die Sehnsucht des Volks nach dem ersten Scudetto seit 1990 ist riesig. «Nach dem zweiten Platz in der letzten Saison denken viele: Nun ist der Titel fällig», sagt Valon Behrami. Unter der Regie des legendären Diego Armando Maradona gelangen 1987 und 1990 die einzigen Meistertitel der Vereinsgeschichte. Nun grassiert die Überzeugung, dass die Zeit reif ist, Juventus Turin zu entthronen.

Für die Profis hat die bedingungslose Liebe der Fans zur Folge, dass sie abgeschottet leben müssen. «Ein Privatleben hast du fast nicht mehr», sagt Dzemaili. Es stört ihn nicht. Schmunzeln muss er manchmal trotzdem. Dann, wenn er nach Hause kommt und die Immobilien-Aufsicht erst das Bedürfnis stillen muss, ihm die taktischen Fehler des Trainers zu erklären.