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Blatter wusste über Schmiergeldzahlungen Bescheid

Der Weltfussballverband hat ein Korruptionsproblem – und Joseph Blatter wusste davon.

Der Weltfussballverband hat ein Korruptionsproblem – und Joseph Blatter wusste davon.

Jetzt ist es aktenkundig: Fifa-Präsident Joseph Blatter wusste von den Schmiergeldzahlungen an Fifa-Funktionäre. Das Fifa-Exekutivkomitee wird sich nächste Woche mit seinem Korruptionsproblem auseinandersetzen.

Joseph Blatter ist P1 in der Einstellungsverfügung der Zuger Staatsanwaltschaft. Diesen Sachverhalt bestätigte Blatter gestern auf der Fifa-Internetseite. Damit ist bewiesen, worüber schon längst spekuliert wurde: Der Fifa-Präsident wusste Bescheid über Zahlungen der Vermarktungsfirma ISL an Fifa-Funktionäre. In der Verfügung heisst es: «Nicht in Frage gestellt werden kann die Feststellung, dass die Fifa Kenntnis von Schmiergeldzahlungen an Personen ihrer Organe hatte.» Unter anderem auch deshalb, weil eine für den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joao Havelange bestimmte Zahlung von einer Million Franken der ISL irrtümlicherweise auf einem Fifa-Konto eingegangen war, «... wovon unter anderen auch P1 Kenntnis gehabt habe».

Aus dem Dokument der Zuger Staatsanwaltschaft – dessen Veröffentlichung hatten fünf Journalisten vor dem Bundesgericht erwirkt – geht hervor, dass Joao Havelange 1997 eine Provisionszahlung von 1,5 Millionen Franken erhalten hat. Sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Tera Texeira bezog zwischen 1992 und 1997 mindestens 12,7 Millionen Franken von ISL. Im Gegenzug sorgten die beiden dafür, dass die Zuger Firma lukrative Marketing- und Fernsehrechte an Fussballweltmeisterschaften zugeschanzt bekam. Pikant dabei: Joao Havelange ist nach wie vor Fifa-Ehrenpräsident. Und Texeira trat erst im März dieses Jahres als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees zurück.

Ein Ablasshandel?

Die Zuger Staatsanwaltschaft hatte mehrere Jahre gegen die Fifa, Havelange und Texeira wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Veruntreuung ermittelt. Unrechtmässige Bereicherung lautete der Vorwurf gegenüber Texeira und Havelange. Dem Fussballverband warf die Staatsanwaltschaft eine «mangelhafte Organisation» vor, die verhinderte, dass verbotene Zahlungen offengelegt wurden. Das Verfahren wurde jedoch im Mai 2010 eingestellt, nachdem die Parteien eine Wiedergutmachung in der Höhe von 5,5 Millionen Franken bezahlt hatten. Je 2,5 Millionen Franken entfielen auf die Fifa und Texeira.

Artikel 53 des Strafgesetzbuches ermöglicht die Einstellung eines Verfahrens unter gewissen Bedingungen. Eine davon ist, dass das Interesse der Öffentlichkeit an der Strafverfolgung gering ist. Nationalrat Daniel Vischer, der auf parlamentarischem Weg für eine Präzisierung des sogenannten «Wiedergutmachungsartikels» kämpft, hält die Einstellung des Verfahrens gegen Fifa&Co. für skandalös.

«Es besteht ein öffentliches Interesse an der Ahndung solcher Wirtschaftsdelikte, vor allem wenn es um grosse Player wie die Fifa geht», argumentiert Vischer. Seiner Meinung nach hatte der Staatsanwalt hinreichend Beweise, um eine Anklage zu erheben. Für Vischer handelt es sich um einen Fall von Ablasshandel. «Das hat nichts mit Wiedergutmachung zu tun.»

Fifa tagt nächste Woche

Blatter verneinte gestern auf der Fifa-Website nicht, dass er Kenntnisse über das korrupte Gebaren von Fifa-Funktionären hatte. Er rechtfertigt sich: «Damals konnte man solche Zahlungen als Geschäftsaufwand sogar von den Steuern abziehen. Heute wäre dies strafbar.» Man könne die Vergangenheit nicht mit den Massstäben von heuten messen: «Sonst endet man bei der Moraljustiz», sagte Blatter.

Das Fifa-Exekutivkomitee wird sich bereis nächste Woche mit seinem Korruptionsproblem auseinandersetzen. Bereits entschieden ist, dass die Ethikkommission künftig aus zwei Kammern, einem Ankläger und einem Richter, besteht. Am Dienstag sollen die Vorsitzenden der Kammern gewählt werden. Dann wird auch festgelegt, wie weit zurück in der Vergangenheit noch Verdachtsfälle untersucht werden dürfen. Also auch, ob Blatters Rolle im ISL-Fall oder seine erste, korruptionsumwitterte Wahl von 1998 zum Fifa-Präsidenten noch durchleuchtet werden kann.

Publikation im richtigen Moment

Der von der Fifa eingesetzte Korruptionsexperte, Strafrechtsprofessor Mark Pieth, sagt, die Publikation der Einstellungsverfügung komme genau zum richtigen Zeitpunkt: «Das Exekutivkomitee wird aufgerüttelt.» Seiner Meinung nach ist Blatter kein Problem für die Reform des Fussballverbandes: «Blatter hat zwar eine Vergangenheit, doch ohne ihn gäbe es keine Reform», sagt Pieth. Das sei zwar paradox, doch es gebe viele Kräfte innerhalb der Fifa, die keine Reformen wollen.

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