Fussball
Birkir Bjarnasons unverhoffte Landung in Basel

Birkir Bjarnason ist nach wenigen Wochen bereits Publikumsliebling beim FCB. Und das obwohl der Isländer, der erstaunliche Ähnlichkeiten mit Alain Sutter aufweist, eigentlich in Italien hätte bleiben wollen.

Sebastian Wendel
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«Meine Zeit als Wandervogel ist hoffentlich vorbei.» Birkir Bjarnason will beim FC Basel länger als nur eine Saison bleiben.

«Meine Zeit als Wandervogel ist hoffentlich vorbei.» Birkir Bjarnason will beim FC Basel länger als nur eine Saison bleiben.

Steffen Schmidt/freshfocus

Als das Flugzeug Kurs auf Basel nimmt, fragt sich Birkir Bjarnason: «Was tue ich hier eigentlich? Ich möchte doch in Italien bleiben!» Er fährt dann doch zur Geschäftsstelle des FC Basel – und ändert nach dem zehnminütigen Gespräch mit Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz komplett seine Meinung: «Ciao Italia, Grüezi Schwiz.»

Das war am 6. Juli. Einen Monat später lässt sich festhalten: Zum Glück hat Bjarnason seine Meinung geändert. Der Isländer ist nicht nur für den FCB, sondern für die ganze Fussball-Schweiz eine Attraktion. Eine, die an den früheren Alain Sutter erinnert: Es beginnt mit dem blonden, wehenden Haar. Geht weiter mit der Eleganz, mit der Bjarnason scheinbar über den Platz schwebt. Und endet bei der Härte, mit der er keinem Duell aus dem Weg geht, gleichzeitig aber auch hart im Nehmen ist. Sutter wurde zur Legende, als er an der WM 1994 mit gebrochenem Zeh ein Tor erzielte. Bjarnason sagt: «Ich spiele immer wieder mit kleinen Verletzungen, kein Problem. Genauso wenig halte ich davon, nach Fouls lange am Boden zu liegen. Schmerzen gehören dazu.»

Nervosität kennt er nicht

Bjarnason erinnert nicht nur an Sutter, er ist das perfekte Abbild des Isländers, wie wir ihn im Kopf haben. «Die Klischees stimmen schon», sagt er. «Wir Isländer sind hart im Nehmen und sind gelassene Typen.» Ob im Frühling Serie B mit Pescara, heute Champions-League-Qualifikation gegen Posen oder bald das Länderspiel vor fanatischen Fans in der Türkei, Bjarnason sagt: «Nervös bin ich nie, dafür habe ich zu viel erlebt.»

Geboren wird Bjarnason am 27. Mai 1988 im Norden Islands, in der Kleinstadt Akureyri. Bis nach Reykjavík, Hauptstadt und einziger Hotspot der Insel, sind es viereinhalb Autostunden. Für Bjarnason ist Akureyri mit seinen ewigen Weiten «der schönste Ort der Welt». Den er im Alter von elf Jahren verlassen muss, weil die Mutter im norwegischen Stavanger einen Job findet. Die Akklimatisation gelingt schnell, nur im Fussball haperts: Statt wie in Island fünfmal, wird in Norwegen nur zweimal in der Woche trainiert. Also macht Bjarnason, besessen vom Traum Fussballprofi, bei mehreren Klubs mit. Mit 13 der Schlüsselmoment: An einem Sichtungstag in der Schule sprechen ihn die Trainer des Topklubs Viking Stavanger an. Fortan geht es blitzschnell: Mit 14 wird er in die dritte Liga verliehen, wo er sich die Härte für den Erwachsenenfussball holt. Mit 15 kommt er zurück zu Viking, mit 16 zu den Profis.

In Italien glücklich geworden

Bjarnason gilt fortan als Riesentalent, das aus der goldenen Generation Islands (Jahrgänge 1988–92) heraussticht. Den Sprung ins Ausland aber wagt er erst 2012. Keine Topliga, sondern Standard Lüttich in Belgien. «Ich wollte keinen zu grossen Schritt machen und dann als Gescheiterter zurückgehen.» Tönt vernünftig, aber glücklich wird Bjarnason in Belgien nicht. Sondern erst in Italien, wohin er im Sommer 2012 wechselt. Als Objekt eines 50:50-Deals zwischen Pescara und Sampdoria Genua. Bjarnason wird in den letzten drei Jahren zwar hin- und hergeschoben zwischen den Klubs, doch er sagt: «Italien und ich, das passt. Obwohl wir von der Mentalität wohl nicht unterschiedlicher sein könnten.» Einzig an Sinisa Mihajlovic, den serbischen Trainervulkan, der Bjarnason in Genua aussortiert, hat er schlechte Erinnerungen: «Würde ich die Wahrheit über ihn erzählen, bekäme ich wohl Probleme.»

Nach dem verpassten Aufstieg mit Pescara in die Serie A war für Bjarnason im Juni klar: «Ich muss weg.» Dass die Angebote kommen, darauf vertraute er, schliesslich «sind meine Qualitäten gut genug». Eine Handvoll Klubs aus der Serie A wollte ihn, er wollte in Italien bleiben. Bis das Angebot aus Basel kam und mit ihm die Chance, Champions League zu spielen. Und die Aussicht auf die ersten Titel der Karriere. Er sagt: «Mit diesem Team müssen wir Meister werden.» Und noch eines will Bjarnason nach der unverhofften Landung in der Schweiz: «Zur Ruhe kommen. Meine Zeit als Wandervogel ist hoffentlich vorbei.»