Porträt Chile

Bielsa setzt auf neue Image-Träger

Jorgé Valdivia belebt die Offensive Chiles

Jorgé Valdivia belebt die Offensive Chiles

Zwölf Jahre lang stand Chile im Fussball-Business abseits. Hausgemachte Skandale und egozentrische Stars verhinderten eine Rückkehr in die Top 32. Ausgerechnet ein Argentinier führte den stolzen Verband aus der Misere.

Nicht qualifiziert, disqualifiziert oder verbannt -- die chilenische Bilanz der letzten 24 Jahre ist kein Ruhmesblatt. Die Ausnahme bildet die WM-Teilnahme 1998 (Out im Achtelfinal). Während Jahren verpasste das Team aus den Anden das wichtigste Rendez-vous konsequent.

Ein Vorfall in Rio im Herbst 1989 Jahren warf Chiles Fussball-Bewegung um Jahre zurück: Der Keeper Roberto Rojas simulierte in einer entscheidenden WM-Qualifikationspartie eine Gesichtsverletzung, worauf Chile mit einer Forfaitniederlage bestraft und für die Ausscheidung zur Endrunde 1994 gesperrt wurde.

Davon erholte sich die "Federación de Fútbol de Chile" lange nicht mehr. Dem Achtelfinal-Vorstoss an der WM in Frankreich (1998) folgte ein weiterer Tauchgang. An der Copa America 2007, nach einem 1:6-Debakel gegen Brasilien, griff die halbe Mannschaft zur Flasche und verwüstete die Hotellobby.

Der Verband reagierte mit langen Sperren (20 Spiele) auf den Alkohol-Exzess. Die Leitung des Nationalteams wurde komplett erneuert. Marcelo Bielsa löste den glücklosen "Uru" Nelson Acosta ab. Unter dem feurigen Argentinier veränderte sich das Klima schlagartig. Der frühere Coach der "Albiceleste" und Olympiasieger (2004) gruppierte das Team neu -- auf und neben dem Rasen.

Zudem bewirkte Bielsa eine Halbierung der von der Verbandsjustiz verhängten Strafen. Valdivia, Contreras und Tello kehrten in die Mannschaft zurück. Vor allem Jorgé Valdivia, der sein Geld in den Vereinigten Arabischen Emiraten verdient, belebte die Offensive. Im entscheidenden Spiel in Kolumbien (4:2) brillierte der 26-Jährige wie kein anderer im Team.

Bielsa hat für den Umschwung eine mutige Strategie gewählt. Zum einen stattete er ausgerechnet jene Spieler mit Verantwortung aus, die den Ruf der Landesauswahl mit ihren Eskapaden erheblich ramponiert hatten, andererseits setzte der Gaucho auf eine beherzte Offensive. Drei Stürmer nominiere er immer -- wahlweise mit drei oder vier Verteidigern und einem entsprechend bestückten Mittelfeld.

Die taktischen Veränderungen haben sich doppelt und dreifach gelohnt. Frühzeitig und als Nummer 2 qualifizierte sich Chile nach zwölfjähriger Abwesenheit wieder für die WM-Endrunde. Ottmar Hitzfeld fiel an der WM-Auslosung zu Bielsa wenig bis gar nichts ein. "Ich kenne ihn nicht", entgegnete der Schweizer Trainer am Tag der Auslosung in Kapstadt einem chilenischen Journalisten.

Der Reporter aus Santiago de Chile staunte und glaubte, der renommierte Deutsche habe sich einen Scherz erlaubt. In Südamerika ist "Loco" Bielsa bekannt wie ein bunter Hund. Der ehemalige Verteidiger der Newell's Old Boys und Bruder des ehemaligen argentinischen Aussenministers Rafael Bielsa geniesst eine hohe Kreditwürde.

Nach seinem sechsjährigen Engagement als Coach der Argentinier und einer mehrjährigen Pause setzte Bielsa der chilenischen Lethargie ein Ende. Er setzte vermehrt auf Spieler der Bronze-Generation, die 2007 an der U20-WM mitten in die internationale Elite vorgestossen war. Arturo Vidal (Leverkusen), Mauricio Isla und Alexis Sanchez (beide Udinese), sind die jungen und neuen Image-Träger -- Förderer Bielsa, von seinen südamerikanischen Amtskollegen zum besten Coach gewählt, verkürzte ihren Weg ins Rampenlicht.

Chile. Gründung Verband: 1895. -- FIFA-Beitritt: 1913. -- FIFA-Ranking: 15. -- WM-Teilnahmen (7): 1930 (Vorrunde), 1950 (Vorrunde), 1962 (3. Platz), 1966 (Vorrunde), 1974 (Vorrunde), 1982 (Vorrunde), 1998 (Achtelfinal). -- Qualifikation: 2. Platz in Südamerika. -- Bester Torschütze der Qualifikation: Humberto Suazo (10 Tore). -- Nationalcoach: Marcelo Bielsa. -- Bilanz der Schweiz gegen Chile: 3 Spiele/2 Siege/0 Unentschieden/1 Niederlage. -- Letztes Spiel: Schweiz - Chile 2:1 (in Wien, Testspiel am 7. September 2007).

Meistgesehen

Artboard 1