Wenn Thun-Trainer Marc Schneider am Morgen um 9 Uhr in die Kabine kommt, dann sind Handys tabu. Dann spricht er über die kommenden Übungen, erklärt den Spielern, welche Rolle sie haben, was er erwartet. Taktische Details. Um 10 Uhr gehts los. Hoch konzentriert. «Die Einstellung ist nicht verhandelbar», sagt Dennis Hediger. Während dieser zwei Stunden, da zählt nur Fussball, nur der Job, nur das Hier und Jetzt. Nichts sonst.

Hediger (32) ist heute Captain. Im Sommer 2010 kam er zeitgleich wie Schneider zum FC Thun. «Ich schaute zu ihm auf, er hat doch einiges erreicht als Spieler», sagt Hediger. Zweimal Meister und einmal Cupsieger wurde Schneider mit dem FC Zürich. «Ich sagte schon damals zu meinen Kollegen, dass ich als Trainer besser sein werde denn als Spieler. Das ist auch nicht schwer», sagt Schneider und lacht.

«Analytisch ist er extrem stark»

2012 beendete er seine Karriere als Fussballer. Fünf Jahre später stand er als Cheftrainer des FC Thun an der Seitenlinie. Gerade einmal 36-jährig. Die NZZ schrieb vom «Thuner Trainer-Experiment». Es drohte zu scheitern. März 2018, Thun taucht im Wallis mit 2:7, die fünfte Pleite in Serie, letzter Platz für die Oberländer. Der Kopf des Trainers wird gefordert. «Bei vielen anderen Vereinen wäre das das Ende gewesen», sagt Sportchef Andres Gerber. Nicht im Berner Oberland. «Die Resultate stimmten zwar nicht, aber wir sahen, dass nicht viel fehlt. Und die Mannschaft hörte auf ihn», erinnert sich Gerber. Ein Risiko war es trotzdem.

Es zahlte sich aus. Thun fand Tritt, verhinderte den Abstieg und kam in der aktuellen Saison so richtig ins Fliegen. Heute reist man als Tabellen-Zweiter zum Derby ins Stade de Suisse. Zwar trennen die Thuner 18 Punkte von Leader YB, trotzdem war seit dem Aufstieg 2010 kein Trainer erfolgreicher als Schneider – weder Yakin noch Challandes noch Fischer. Das müssen unterdessen auch die Kritiker von einst anerkennen. Captain Hediger sagt: «Marc Schneider ist ein Trainer mit einem Riesenpotenzial. Er weiss nicht nur, was ein Spieler besser machen kann, er kann es ihm auch vermitteln.» Er sehe Dinge, die er nicht sehe, sagt Gerber: «Analytisch ist er extrem stark, sieht sofort, welches System für welchen Gegner passt, welche Vorteile es hat. Zudem kommuniziert er gut.»

Von Favre beeinflusst

Das kommt nicht von ungefähr. Schneider konnte als Spieler und später als Assistent von einigen der Besten des Fachs lernen. Von Hanspeter Latour über Lucien Favre bis zu Urs Fischer. Am prägendsten war für ihn Letzterer. «Ich habe viel mitgenommen von ihm, auch wenn ich nicht 100 000 Listen habe und manche Dinge vielleicht ein bisschen lockerer sehe als er», sagt Schneider mit einem Schmunzeln. Fischers Vorstellungen von Disziplin, Arbeitsethos und Teamorganisation aber haben Schneider geprägt.

Sein Fussball-Verständnis («Ich will viele Tore schiessen, offensiv spielen.») ist stark von Favre beeinflusst. Latour schliesslich verdankt Schneider eine gewisse Gelassenheit – im Erfolg wie in der Niederlage. Er hebt nicht ab. Auch bei einem allfälligen Sieg gegen YB nicht. Zum einen, weil er weiss, wie man den Meister bezwingt. Thun hatte letzte Saison als einziges Team eine positive Bilanz gegen den Meister. Zum anderen, weil er Realist genug ist, um zu wissen, dass zwischen YB und Thun Welten liegen. Sicher aber ist, dass Schneider das Zeug dazu hat, neue Welten zu erobern.