EM 2016
Berti Vogts: «Ich habe den letzten Willen vermisst»

Mit der EM verbindet Berti Vogts viel, seit er Deutschland 1996 gegen Tschechien zum Titel geführt hat. Die Copa América hat ihm bedeutend besser gefallen als die EM. Im Interview erklärt Vogts, warum.

Markus Brütsch, Paris
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KEYSTONE

Herr Vogts, Sie haben Deutschland vor zwanzig Jahren als letzter Trainer zu einem EM-Titel geführt. Wir dachten, dass Sie am Sonntag abgelöst würden.

Berti Vogts: Auch ich war überzeugt davon, dass Jogi Löw mein Nachfolger wird. Aber in den entscheidenden Situationen hat Frankreich gezeigt, wie vorteilhaft in einem solchen Spiel das Heimrecht ist.

Es ist legitim, dies zu nützen.

Natürlich. Frankreich war die klar bessere Mannschaft, die in verschiedenen Situationen die richtigen Ideen gehabt und die entscheidenden Tore erzielt hat.

Dann sehen Sie es sicher anders als Toni Kroos, der nach dem Spiel gegen Frankreich von einem sehr guten Spiel der Deutschen gesprochen hat.

Man sucht natürlich immer nach etwas Gutem. Kroos hat recht: Deutschland spielte phasenweise gut. Das Wichtigste aber ist, Tore zu erzielen, und das Zweitwichtigste ist, Tore zu verhindern. Beides wurde nicht geschafft. Wir hatten ja kaum eine richtige Tormöglichkeit. Wenn wir die Chancen zählen, war es ein 4:2-Sieg für Frankreich. Mir hat im Gegensatz zu den Franzosen bei uns das Durchsetzungsvermögen gefehlt. Deshalb haben sie verdient gewonnen.

Wogen die Ausfälle von Hummels, Khedira, Gomez und, während des Spiels, von Boateng, zu schwer?

Wir sollten nicht anfangen, die Ausfälle als Erklärung zu nehmen. Jede Mannschaft hat damit zu rechnen und Deutschland ist eine starke Fussballnation. Ich habe 1996 im Final auf acht Stammspieler verzichten müssen. Wir hatten so grosse Probleme, dass wir mit der Einwilligung der Uefa noch einen Spieler nachnominieren durften. Wir hatten gerade mal zehn gesunde Spieler. Aber die Willenskraft hat Berge versetzt. Diese habe ich jetzt in Frankreich vermisst.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Boateng gegen Italien und Schweinsteiger gegen Frankreich solch «dumme» Handspiele begingen?

Es tut mir leid für den tollen Kerl «Schweini» und den besten EM-Abwehrspieler Boateng. Aber warum und weshalb ihnen das passierte, sie auf diese Art zum Ball gingen, das weiss ich wirklich nicht.

Ein anderes Rätsel ist die Bilanz von Thomas Müller. In 13 WM-Spielen schoss er zehn Tore, nach elf EMPartien steht er ohne ein einziges da.

Bei der WM vor zwei Jahren war die Vorbereitungszeit um eine Woche länger. Das kann ein Grund sein. Aber schauen Sie sich einmal an, was die Spieler von Bayern München inzwischen leisten müssen, wie unglaublich viele Partien sie bestreiten. Selbst in Freundschaftsspielen müssen die Weltmeister aus finanziellen Gründen auflaufen. Dazu kommen die Spiele der Nationalmannschaft. Irgendwann ist dann auch bei Müller der Akku leer.

Sie haben durchblicken lassen, dass Sie die legendäre deutsche Willenskraft vermisst haben.

Ja, doch es gibt es eine Erklärung dafür. Als Weltmeister kann man nicht die hundertprozentige Leistungsbereitschaft abrufen. Man möchte es, aber es geht einfach nicht. Man denkt: Ach, komm! Das reicht schon. Und auf einmal steht es 0:1. Dann will man mehr tun, schaut auf die Uhr, und dann läuft die Uhr schneller als normal und die Zeit davon. Ich hoffe, dass daraus die Lehren gezogen werden. Es wäre jedenfalls falsch, zum Schluss zu kommen, eine tolle EM gespielt zu haben. Sogar völlig falsch.

Deutschland spielt nicht mehr so unbeschwert wie noch vor ein paar Jahren. Es legt viel mehr Wert auf Ballbesitz und führt in diesem Bereich die EM-Statistik überlegen an. Aber ist es auch die richtige Entwicklung?

Wenn ich mir im Fernsehen ein Spiel ansehe und dann eingeblendet wird, dass die eine Mannschaft 70 Prozent Ballbesitz habe und die andere 30, dann kann ich schon gar nicht mehr hinschauen, weil diese Ballbesitzwerte so unbedeutend sind. Ich kann mich nur wiederholen: Das Wichtigste ist, Tore zu erzielen. Klar muss der gute Torschuss gut vorbereitet sein. Sich aber an der Mittellinie den Ball über drei Meter hin und her zu spielen und nicht den entscheidenden Pass in die Tiefe zu suchen, hilft nicht weiter.

Deutschland spielt zu berechnend ...

So würde ich das nicht sagen. Es hat ja mit dieser Art viel Erfolg gehabt, wie die Spanier auch. Aber auch diese haben jetzt erleben müssen, dass es nicht mehr genügt, sich einfach nur auf das Passspiel zu verlassen. Passspiel ist die Voraussetzung zum Abschluss; das ist entscheidend.

Um die Zukunft der deutschen Mannschaft braucht man sich keine Sorgen zu machen: Mit Weigl, Kimmich, Sané, Tah und Brandt stehen Riesentalente in den Startlöchern.

Wir werden bei der WM in Russland eine sehr starke Mannschaft haben. Wichtig ist nun, diesen jungen Spielern schon in den Qualifikationsspielen eine Chance zu geben. Damit sie bei der WM nicht unerfahrene Neulinge sind.

Das EM-Teilnehmerfeld wurde auf 24 Teams ausgedehnt. Eine gute Idee?

Nein, das ist übertrieben. Das Turnier hat ja erst mit den K.-o.-Spielen begonnen. Gerade die grossen Nationen haben sich gesagt: Machen wir in den Gruppenspielen unsere vier Punkte und dann sind wir durch. Es wurde doch gar nicht richtig Fussball gespielt. Es war ein Taktieren. Es stand die Überlegung im Vordergrund, so wenig Energie wie möglich zu investieren, weil die EM noch lange dauert. Ich mag gar nicht daran denken, wenn in einigen Jahren eine WM mit 40 Nationen gespielt wird, wie schwierig das wird für Spieler wie Thomas Müller. Leider wird alles auf dem Rücken der Spieler ausgetragen.

War bei der Copa das Niveau besser?

Power und Willenskraft, das ist entscheidend für das moderne Fussballspiel. Dies habe ich bei der Copa América gesehen und ich sage Ihnen: Mannschaften wie Chile oder Argentinien habe ich bei dieser EM nicht erlebt. Bei der Copa wurde ein hohes Tempo angeschlagen und aus jeder Position heraus aggressiv nach vorne gespielt. Das war schon sehr beeindruckend. Die Europäer wären gut beraten, wenn sie sich Mannschaften wie Chile, Argentinien oder Kolumbien bei der WM-Qualifikation einmal genau anschauen würden. Es hat Freude gemacht, diese Spiele zu beobachten.

Dann hoffen wir, dass der EM-Final in diesem Stil ausgetragen wird. Für Frankreich ist der Weg zum Titel ja wohl geebnet.

Ich tippe auf ein 1:0 für Portugal. Torschütze: Cristiano Ronaldo. Aber ich gebe zu, es ist mehr ein Wunschdenken als eine wirkliche Erwartung. Einfach, weil ich diesen Typen seit seinem 17. Lebensjahr kenne und sehr gut mag.