WM 2018
Bernstein, Dünen, Kirchen und viele gute Leute - Eine Reportage aus Kaliningrad

Wenn die Schweiz am Freitag gegen Serbien spielt, ist das für die Fans eine gute Gelegenheit, eine ganz spezielle Stadt mit einer besonderen Geschichte kennen zu lernen. Eine Reportage mit der abschliessenden Meinung: Ein Besuch der russischen Exklave lohnt sich.

Markus Brütsch
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Wo gibt es ein Bier? Drei russische Fussballfans lassen die jüdische Synagoge hinter sich und spazieren über die Honigbrücke in Richtung Dom.

Wo gibt es ein Bier? Drei russische Fussballfans lassen die jüdische Synagoge hinter sich und spazieren über die Honigbrücke in Richtung Dom.

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Der Überfall kommt aus dem Nichts. Mitten in Kaliningrad stürzt sich johlend eine Horde junger Russen aus Chabarowsk auf den friedlich auf einer Parkbank sitzenden William. Bewaffnet sind die Männer indes nur mit einem Handy. Das Ziel: ein Selfie mit dem Nigerianer. Dieser trägt stolz eine WM-Fan-ID um den Hals und ist deshalb für die Touristen aus dem Fernen Osten eine Attraktion.

Das aber ist auch schon der einzige Aufreger in den Tagen vor dem Kaliningrader WM-Auftakt. Das Spiel zwischen Nigeria und Kroatien ist noch weit weg und wir nützen die Zeit, ein Wunder der Natur zu besuchen. Früh am Morgen verlassen wir mit dem Auto die Stadt, erreichen nach knapp einer Stunde die Küste und befinden uns wenig später auf der Kurischen Nehrung. Die 98 Kilometer lange und maximal 3,8 Kilometer breite Landzunge reicht fast bis zum litauischen Festland und trennt die Ostsee von der Süsswasserlagune «Kurisches Haff». Auf dem russischen Teil gibt es 3 Fischerdörfer und 13 Elche. Eine zweite Halbinsel, die Frische Nehrung, verläuft entgegengesetzt Richtung Danzig.

Die Unesco hat das Gebiet 2000 zum Weltkulturerbe erklärt. Gewaltige Dünen türmen sich bis auf eine Höhe von 50 Metern über dem Meeresspiegel auf. An einigen Stellen wähnt man sich in der Sahara und vergisst, dass im Rücken ein kräftiger Wald aus Bergkiefern steht. Hier wurden schon ganze Dörfer unter den Sandmassen begraben.

Unbenannt

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Vielleicht ein Bernsteinsouvenir

Das alles wird die Schweizer Fussballer natürlich herzlich wenig interessieren, wenn sie heute Mittwoch in Kaliningrad einfliegen, wo sie am Freitag gegen Serbien antreten. Das Ziel ihres Trips in den äussersten Westen Russlands sind einzig die drei Punkte. Vielleicht schaffen sie es ja wenigstens, für ihre Liebsten im Souvenirshop ihres Hotels ein Schmuckstück aus Bernstein zu erwerben. Das fossile Harz ist nämlich der grosse Stolz der Kaliningrader. 98 Prozent der weltweiten Bernsteinreserven liegen hier. «Er wird auch für die Kosmetik und in der Medizin für Salben verwendet», sagt Reisebegleiterin Irina Spizyna. «Der Bernstein ist auch ein Heilstein.» In Jantarnyi kann man aus der Ferne beobachten, wie sich im Tagebau Baggerschaufeln in den Boden fressen. Nach einem Sturm kann am Strand jedermann selber kleine Klumpen auflesen.

Dass Xhaka, Shaqiri und Co. nicht viel mehr als den Flughafen, das Hotel und das Stadion zu sehen bekommen und nichts von den herben Schönheiten dieser Exklave, ist schon ein bisschen schade. Zumal es sich um eine Destination handelt, die kaum mehr so schnell auf dem Radar erscheint. 2017 wurde sie von einer Million Touristen besucht; in diesem Jahr sollen es dank der WM anderthalb Millionen werden.

Der Zufall hatte es gewollt, dass unser erster Tag in Kaliningrad auf den 12. Juni und somit auf den Nationalfeiertag fiel. Die ganze Stadt schien zu schlafen: kaum Verkehr auf den Strassen und keine Spur von Feierlichkeiten, Festansprachen oder einem Feuerwerk.

Irina Spizyna, Rentnerin, sagt: «Man kann hier unglücklich sein, man kann bei euch unglücklich sein.»

Irina Spizyna, Rentnerin, sagt: «Man kann hier unglücklich sein, man kann bei euch unglücklich sein.»

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Eine pulsierende Stadt

Doch der erste Eindruck täuschte. Schon am nächsten Tag erleben wir Kaliningrad, wie es lebt und pulsiert. Die Stadt wächst stetig und hat schon über eine halbe Million Einwohner. Der russische Präsident Wladimir Putin hat mit Anton Alichanow einen erst 31-Jährigen als Gouverneur nach Kaliningrad geschickt. «Er leistet viel für die Stadt, baut die Infrastruktur aus und setzt sich für Schulen und Kindergärten ein», lobt Spizyna.

Die 65-Jährige ist eigentlich Rentnerin, begleitet aber weiterhin mit Begeisterung Touristen durch eine Stadt voller spannender Geschichten und in dünn besiedelte Landschaften, die wie geschaffen für Naturfreunde sind. «Das Durchschnittseinkommen liegt hier bei 30 000 Rubeln (470 Franken), die Rente beträgt 13 000 Rubel (200 Franken). Damit kann ich keine grossen Sprünge machen», sagt Spizyna. «Viele Rentner verlängern daher ihr Berufsleben.» Und sonst, Irina, wie ist so das Leben in Kaliningrad? «Man kann hier unglücklich sein, man kann bei euch unglücklich sein. Nicht immer entscheidet das Geld darüber.»

Vor dem Fussballstadion treffen wir einen jungen Volunteer. Er wird uns zwar in die falsche Richtung schicken, ist aber freundlich und erfreut, «helfen» zu können. «Ich bin Iwan, komme aus Sibirien und lebe in der Nähe des Baikalsees», sagt der 21-Jährige. Puh, dort ist es im Winter saukalt, nicht wahr? «Stimmt! Im Januar hatten wir 50 Grad minus», sagt Iwan und klaubt einen Pin von der Jacke: «Hier, nehmen Sie. Er ist aus meiner Heimatstadt.» 1:0 für die russische Gastfreundschaft.

Iwan spricht sehr passabel englisch. Überhaupt: Unsere Befürchtungen, ohne russische Sprachkenntnisse auf verlorenem Posten zu stehen, lösen sich in Luft auf. Viele Junge wollen nicht, dass sie in der Schule für die Katze Englisch gebüffelt haben, und sind bemüht, mit den Ausländern kommunizieren.

So auch Sergej, obwohl er im Unterricht wohl einen Fensterplatz besetzt hatte. Er bringt keinen zusammenhängenden Satz zustande, doch mithilfe einer App übersetzt er Wort für Wort. Unser Eindruck ist: Die Russen sind keine schwermütigen Schweiger, sondern mitteilsam und neugierig.

Ein Blick in die Geschichte

Am nächsten Morgen sind wir zu Gast auf der kleinen Redaktion des «Königsberger Expresses» (koenigsberger-express.com). Die seit 1993 erscheinende deutschsprachige Zeitung hat eine Auflage von gegen 5000 Stück, einen Online-Auftritt und wird in alle Welt verschickt. Die Gründerin Elena Lebedewa erzählt: «Nach der Öffnung Kaliningrads für Ausländer wollten wir eine kleine Infoquelle für deutsche Touristen sein, die in Massen in ihre alte Heimat reisten. Längst berichtet unser Blatt aber ganz allgemein über den Kaliningrader Alltag.» Erhältlich ist es hier in Reisebüros und zwei Hotels.

Um zu verstehen, weshalb viele Deutsche zu Beginn der Neunzigerjahre auf Besuch kamen, ist ein Blick in die Geschichte wichtig. Bis zum 2. Weltkrieg war Königsberg, so hiess der Ort damals, eine prosperierende deutsche Stadt in Ostpreussen. Viele Fotografien und Bilder in Kaliningrad und Hotels zeugen davon. Doch 1944 zerstörten britische Bomber einen grossen Teil der Stadt. Beim Exodus der Deutschen gab es dramatische Szenen, als russische Flieger das gefrorene Haff bombardierten, das Eis brach und die flüchtenden Menschen mit Ross und Wagen jämmerlich im Meer versanken.

Der «Königsberger Express»: Viktor Tschernyschov und Elena Lebedewa.

Der «Königsberger Express»: Viktor Tschernyschov und Elena Lebedewa.

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Nach dem Krieg kam Königsberg unter sowjetische Verwaltung. Die deutsche Bevölkerung wurde durch eine russische ersetzt und Königsberg in Kaliningrad umbenannt. Die Stadt war nun ein streng bewachtes militärisches Sperrgebiet und für Ausländer bis zum Zusammenbruch der UdSSR ein Tabu. «Ein Mythos fast wie Atlantis», steht in einem Reiseführer. Eine «Terra incognita», unerreichbar, unbesuchbar, nichts über sie drang in den Westen.

Der WM sei Dank

Elena Lebedewa interessiert sich zwar nicht für Fussball, sagt aber: «Die WM ist für die nachhaltige Entwicklung von Kaliningrad von grosser Bedeutung. Es wurde viel in die Infrastruktur investiert und selbst die Krankenhäuser wurden mit moderner medizinischer Technik ausgestattet. Mit der Begründung, die ausländischen Gäste bräuchten die bestmögliche Betreuung.»

Viktor Tschernyschov, der als Übersetzer beim «Königsberger Express» arbeitet, sagt: «Was viele Kaliningrader aber umtreibt, ist das neue Stadion. Es ist mit 34 000 Plätzen für unseren lokalen Klub FC Baltika viel zu gross.» Zu dessen Spielen in der 2. Liga kommen gut 3000 Zuschauer, und nun wird befürchtet, der mit 3,1 Millionen Franken teure Unterhalt der Arena werde für die Stadt zum Desaster.» Immerhin hat die russische Regierung zugesichert, während zweier Jahre dafür aufzukommen. Das vom Staat für fast 300 Millionen Franken finanzierte und auf Pfählen stehende Stadion ist um knapp die Hälfte teurer als budgetiert geworden, weil die sumpfige Unterlage auf der Oktoberinsel aufwendig entwässert werden musste. Schön aber ist die neue Arena, da sind sich alle einig.

Das gilt auch für viele Ecken der Stadt. Ausländische Besucher mögen beim Anblick der verwitterten Plattenbauten aus den 70er-Jahren die Nase rümpfen, doch Kaliningrad hat mit seinem rauen Charme einiges zu bieten. Der mit Geschmack konzipierte Siegesplatz lädt zum Verweilen ein, der Dom wurde wieder so aufgebaut, wie er vor dem Krieg ausgesehen hatte, und am Fluss Pregel entstand das schmucke Fischerdorf nach der Vorlage von alten Speicherhäusern und einem Leuchtturm. Hier gibt es vorzüglichen frischen Fisch. Daneben laden unzählige Museen zum Besuch ein.

Auch Fussbälle aus Bernstein dürfen während der WM nicht im Angebot fehlen.

Auch Fussbälle aus Bernstein dürfen während der WM nicht im Angebot fehlen.

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Der psychologische Druck

«Das Leben in der Exklave ist kompliziert. Es hat Vor- und Nachteile. Wir sind zwar näher bei Europa und haben die Ostsee, aber Flugtickets nach Moskau und überhaupt die Transportkosten aus Russland verteuern das Leben», sagt Lebedewa. Tschernyschov erwähnt den psychologischen Druck, dem sich in Kaliningrad vor allem die älteren Leute und solche aus Schichten mit wenig Bildung ausgesetzt sähen. «Sie werden stark von der Propaganda beeinflusst und haben in dieser spannungsgeladenen Zeit Angst, Kaliningrad werde das erste Opfer sein, das von der Nato überrollt wird», sagt Tschernyschov. «Sie fühlen sich wie Kinder, die sich zu weit von der Mutter entfernt haben.» Die Mehrheit der Bevölkerung stehe zwar hinter Putin, sei aber politisch desinteressiert. Der 69-Jährige sagt aber auch: «Der grösste Teil der Kaliningrader Bevölkerung ist gegen die Propaganda gefeit.» Und: «Die Sanktionen der EU und der USA sind für uns nicht besonders spürbar.»

Tschernyschov hält es für falsch, dass die isländischen und englischen Spitzenpolitiker die WM und die sogenannten Putin-Spiele boykottieren. «Das kommt uns Russen in den falschen Hals. Man sollte seinen Ärger über Putin nicht auf uns, das Volk, übertragen. Aber eigentlich ist es mir ja egal, ob Frau Merkel kommt.» Er sei schon sauer darüber, wie viel Übles im Westen über Russland erzählt werde, wolle dies den Gästen aber nicht unter die Nase reiben. «Ich sage mir dann: Viktor, wir wollen uns der Welt doch von der freundlichen und friedfertigen Seite zeigen.»