Wie erlebt ein Fussball-Kommentator einen Fussball-Abend, wenn er nur zuschaut und nicht kommentiert? Wir treffen Bernard Thurnheer in einer Zürcher Sportsbar. Es ist der Abend der Viertelfinal-Rückspiele in der Champions League. Es werden kurzweilige vier Stunden. Mal schwelgt «Beni National» in vergangenen Zeiten, im 4:1 der Schweiz an der WM 1994, dem «besten Spiel, das ich je kommentierte». Mal blickt er in die Zukunft, prophezeit Atletico Madrid den Gewinn der Champions League – noch vor dem Sieg über Barcelona. 

Bald beginnt die Europameisterschaft. Aber eine EM ohne Bernard Thurnheer am TV – das ist unvorstellbar. Besteht doch noch Hoffnung?

Bernard Thurnheer: Nein, nein, nein, diese Zeiten sind vorbei. Der WM-Final in Rio de Janeiro, im legendären Maracanã – einen besseren Schluss hätte es nicht geben können.

Eine EM ohne zu kommentieren, kommt Wehmut auf?

Auch da: Nein. Das ist der Lauf der Zeit. Ich wusste schon lange, dass es einmal so weit ist. Es ist eher anders. Ich kann den Fussball befreit geniessen. Und habe keine Ahnung, ob der VfL Wolfsburg mit drei oder vier Mittelfeldspielern spielt und wie die alle heissen und was für eine Geschichte hinter jedem steckt. Es tut gut, das alles nicht mehr wissen zu müssen.

Das führt zu Entspannung.

Eindeutig. Aber auch dazu, dass mich der Fussball nicht mehr zu 100 Prozent vereinnahmt. War früher alles besser? Nein, natürlich nicht. Aber mittlerweile wird so vieles so breitgetreten. Wir leiden an einer Fussball-Übersättigung. Manche meiner Freunde, die schauen am Montag sicher das Spiel der 2. Bundesliga live am Fernsehen, aber ob sie dann auch Champions League schauen, ist ungewiss.

Wenn Sie den EM-Final schauen, so befreit und entspannt, denken Sie dann manchmal: «Das hätte ich jetzt anders gesagt»?

Selten. Weil ich ja nicht vorbereitet bin. Es ist eher anders rum. Ich denke: «Das ist jetzt ein gelungener Spruch, warum ist der mir nicht schon früher in den Sinn gekommen?»

So ganz aufgehört haben Sie ja nicht. Wie ist Ihr aktuelles Anstellungsverhältnis beim SRF?

Ich bin freier Mitarbeiter. Und praktiziere die Ein-Tages-Woche. Am Sonntag fasse ich ein Super-League-Spiel zusammen. Zudem werde ich an die Olympischen Spiele gehen, die Eröffnungs- und Schlussfeier kommentieren sowie die Kunstturn-Wettbewerbe. Aber es ist eigentlich wie früher. Ich war ja gar nie richtig angestellt, hatte immer Tagesprämien und nie eine Garantie, dass ich eingesetzt werde. Wenn ich viel gearbeitet habe, verdiente ich viel. Wenn ich wenig gearbeitet habe, verdiente ich wenig. Darum ist es für mich wie Weihnachten und Ostern zusammen, dass jetzt immer Geld kommt, AHV und Pensionskasse, ohne dass ich etwas dafür zu tun brauche.

Was vermissen Sie ohne Fussball?

Eigentlich nichts. Ich habe ja befürchtet, es entstünde eine grosse Leere. Aber ich habe immer noch zu viel um die Ohren. Von daher bin ich froh um alles, was ich nicht tun muss. Ich bin froh, dass ich nicht mehr viel reisen muss. Die Umstände sind viel schwieriger geworden. Die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen, die Staus auf den Strassen danach. Das ermüdet.

Wie geniessen Sie die gewonnene Freizeit?

Ich lasse alles auf mich zukommen, geniesse es, keinen Plan zu haben. Ich stehe am Morgen auf, wenn das Wetter schön ist, gehe ich raus und treibe Sport. Wenn nicht, dann eben nicht.

Sind Sie nicht mehr derart verplant?

Leider schon noch ein bisschen. Als ich kürzlich für irgendeine Generalversammlung angefragt wurde, dachte ich: So, jetzt will ich wissen, wie vielen Leuten ich irgendetwas versprochen habe. Es sind 34 Termine. Das ist zu viel. Es geht von der Moderation eines Kunstturn-EM-Events in Bern über den Vortrag beim Rotary-Klub bis zu einem Anlass an einem kantonalen Schulsporttag in St. Gallen. Alles Sachen halt, wo ich einigermassen gut angezogen, rasiert und gut gelaunt sein muss. 

Und Sie möchten auch einmal schlecht gelaunt sein dürfen.

Gut, das habe ich schon manchmal. Es kommt tatsächlich vor, dass ich an einem wettertechnisch ganz hässlichen Morgen einkaufen gehe und plötzlich ein wildfremder Mensch zu mir sagt: «Herr Thurnheer, machen Sie nicht so ein Gesicht, geht es Ihnen nicht gut?»

Wie reagieren Sie darauf?

Ich lache. Und denke gleichzeitig: «Schau doch für dich selbst!»

Wie hat sich Ihre Weltanschauung verändert seit der Pension?

Fernsehmachen ist ja wie eine Droge. Das Leben besteht zu 100 Prozent aus dem Beruf. Alles andere kommt nachher. Und das ist eigentlich falsch.

Dann haben Sie diese Droge jetzt überwunden?

Ich habe vieles vernachlässigt. Und alle im Umfeld hatten immer Verständnis dafür. Weil ich es ja gut begründen konnte. Ich muss diesen Match besuchen und dann jenes «Benissimo» moderieren. Was ich auch unterschätzt habe: Ich bin immer davon ausgegangen, etwas, was ich gerne mache, bringe keinen Stress mit sich.

Das haben Sie sich eingeredet?

Nein, ich war felsenfest davon überzeugt. Ich bin am Morgen aufgewacht und dachte: «Wow, jetzt mache ich dies und jenes und hier noch etwas und manchmal alles gleichzeitig.» Aber es zehrt eben doch an der Substanz. Jetzt habe ich mehr Zeit fürs Privatleben. Aber immer noch zu wenig. All die Termine bestimmen mich immer noch.

Als Sportjournalist beim Fernsehen, da waren Sie gewissermassen ein Sozialfall. Wann immer Sie frei hatten, arbeiteten alle anderen – und umgekehrt.

Ja, und trotzdem mochte ich es, am Sonntag zu arbeiten und unter der Woche frei zu haben. Weniger Leute in der Badi und am Skilift. Die Läden sind länger offen. Für mich hat es gestimmt. Einfach für die Umwelt nicht.

Sie meinen: Für Ihre Ex-Frau. Bereuen Sie Ihre berufliche Karriere manchmal auch?

Nein, das kann man gar nicht. Man kann nicht ständig denken: Ich hätte doch dies und jenes anders machen müssen. Zugunsten der Familie, die aber auch ein nicht fassbares, ja sogar schwammiges Gebilde ist. Wie definiert man schon Familienglück? Und dann wäre man plötzlich aus anderen Gründen wieder unzufrieden. Irgendwo wirst du getrieben von etwas, und das ist dann deine Bestimmung.

Sie führen wieder eine Beziehung. Wie funktioniert sie jetzt?

Natürlich besser. Weil ich mehr Zeit habe. Jetzt habe ich eine normale Beziehung.

Mittlerweile stehen Sie nicht mehr so oft im Mittelpunkt. Ist das manchmal schwierig?

Es ist eben gar nicht so im Moment. Sondern so, als würde ich noch immer regelmässig kommentieren und moderieren. Es gibt eine Entwicklung in den letzten zehn Jahren, dass der Promi-Status enorm an Bedeutung gewonnen hat. Nicht meiner speziell. Sondern grundsätzlich. Jeder Mensch strebt offenbar danach, a) selbst prominent zu werden oder b) Prominente zu kennen oder mit ihnen zu reden oder zumindest ein Selfie mit ihnen zu machen. Das hat enorm zugenommen. Die Prominenz an sich löst ein höheres Echo aus.

Schweizerinnen und Schweizer definieren sich stark mit TV-Legenden. Erst kommt Roger Federer – dann fast schon Beni Thurnheer. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung?

Früher vielleicht schon. Es gab einmal eine Umfrage, wonach mein Bekanntheitsgrad grösser war als derjenige des beliebten Bundesrats Adolf Ogi. Früher kannte mich tatsächlich fast jeder. Heute wahrscheinlich die 40- bis 50-Jährigen auch noch, die Jungen aber nicht mehr. Wobei mir etwas auffällt: Für Ausländer in der Schweiz sind die Promis am TV unendlich viel berühmter als für einen Schweizer.

Warum?

Vielleicht haben sie dieses Denken von zu Hause mitgebracht. Dort heisst die Gleichung: Wer am Fernsehen auftritt, ist ein Superstar. Der Schweizer dagegen ist eher nüchtern. Die Meinung ist: Wer am Fernsehen auftritt, meint, er sei etwas Besseres. Am Ende von Veranstaltungen gibt es immer wieder Begegnungen mit Leuten, die sagen: «Sie sind ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe.» Das führt dann zu peinlichen Momenten mit eisernem Schweigen, wenn ich frage: «Wie haben Sie denn gedacht, dass ich sei?» Offenbar ist einer, der am Fernsehen kommt, per Definition arrogant, von sich selbst überzeugt und hat die Weisheit mit den Löffeln gefressen.

Kommen wir noch einmal zum Fussball zurück: Warum sollen wir uns trotz der jüngst schlechten Leistungen des Schweizer Nationalteams auf die EM freuen?

Weil die Schweizer dann vielleicht gut sind. Die Substanz ist da. Bei vielen anderen auch, klar. Aber Fussball ist ein Spiel. Und da weiss man nie, was passiert. Und von der Substanz her hat die Schweiz ein Team, bei dem es tatsächlich passieren kann, dass es jeden anderen Gegner schlägt. Im Schwimmen oder in der Leichtathletik ist es undenkbar, dass ein Schweizer Olympiasieger wird. Wie die Form im Juni ist, können wir jetzt ohnehin noch nicht wissen. Es ist sogar eher gut, dass wir jetzt schlecht sind.

Warum?

Weil nie eine Mannschaft ein ganzes Jahr lang gut ist. Und es ist selten eine Mannschaft Europameister oder Weltmeister geworden, die im Februar alle anderen weggeputzt hat.

Schön, dass jemand Optimismus verbreitet. Der ist gering gestreut im Moment.

Es reicht ein 3:0 gegen Albanien im ersten Spiel und die ganze Schweiz ist überzeugt davon, dass wir Europameister werden!

Und an dieses 3:0 gegen Albanien glauben Sie!

Möglich ist es. Vielleicht nicht gerade 3:0.

Was trauen Sie der Schweiz zu?

Eigentlich das Normale. Dass sie die Vorrunde übersteht – und dann rausfliegt. Aber ich hoffe schon, dass die Schweiz endlich mal ein K.-o.-Spiel gewinnt. Das gelang noch nie. Jetzt mal ehrlich, wer die Panini-Bildli einklebt, der begegnet vielen Mannschaften, die weniger Chancen haben als die Schweiz.

Der Abend geht zu Ende. Noch ein letzter Besucher bittet um ein Selfie mit «Beni National». Die Sympathiewerte sind ungebrochen. Sein grösster Wunsch des Abends bleibt aber unerfüllt. Der Aussenseiter Wolfsburg verliert gegen Real Madrid und scheidet aus. Cristiano Ronaldo erzielt drei Tore. Thurnheer sagt: «Wenigstens bleibt uns eines erspart: Dass Ronaldo vor die Kamera tritt und sagt: ‹Es ist völlig egal, wer die Tore geschossen hat, wichtig ist nur die Mannschaft.›»