Fussball
Bei Aarau in Ungnade gefallen, bei YB zum Profi gereift

Für Renato Steffen ist das Spiel FC Aarau - YB von besonderem Reiz: Der bald 23-jährige Flügelstürmer aus Erlinsbach, der als FCA-Junior aufs Abstellgleis gestellt wurde, ist bei den Bernern der Mann der Stunde.

Ruedi Kuhn
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«Ich war kein einfacher Typ», sagt Steffen zu seiner Zeit beim FC Aarau.

«Ich war kein einfacher Typ», sagt Steffen zu seiner Zeit beim FC Aarau.

Sandra Ardizzone

Hobbykicker und Maler mit einer abgeschlossenen Lehre: Das Leben von Renato Steffen aus Erlinsbach verlief lange Zeit in geordneten Bahnen und zufriedenstellend, aber unspektakulär. Er war ein Handwerker. Ein Büezer, der seinen Job liebte. Hin und wieder träumte Steffen von einer Karriere als Profifussballer. Er sehnte sich danach, sein Hobby, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Schliesslich schwärmte er schon als Bub für den englischen Traditionsverein Manchester United und von extravaganten Spielern wie David Beckham und Wayne Rooney. Steffen malte sich aus, was für eine wundervolle Geschichte es wäre, wenn er Tag für Tag Fussball spielen könnte.

Von Erlinsbach zum FC Aarau

Alles nur Wunschdenken? Steffen zweifelte. Nicht ohne Grund. Blenden wir zurück: Als Vierjähriger kreuzte Klein-Renato erstmals im Sportplatz Breite in Erlinsbach auf. Der F-Junior schnappte sich die Nummer 10 und machte seinem Ruf als Ausnahmetalent alle Ehre. Während sechs Jahren war er der kleine Star des FC Erlinsbach. «Ich habe schon als Bub gerne Regie geführt und Verantwortung übernommen», erinnert sich Steffen. Nach dem Wechsel zum FC Aarau ging der Höhenflug weiter. Steffen schoss während zweier Saisons in der U14 ein Tor nach dem andern.

In der U16 war dann aber Schluss mit lustig. Steffen sah sich plötzlich auf der Ersatzbank. Der damalige FCA-Nachwuchschef Jürg Widmer und der Knirps aus Erlinsbach hatten das Heu nicht auf der gleichen Bühne. «Ich war kein einfacher Typ und nie bereit, zu allem Ja und Amen zu sagen», blickt Steffen zurück. «Weil Widmer ein Mann der alten Schule ist und viel Wert auf Disziplin legt, hat ihm meine aufmüpfige Art nicht gefallen.» Natürlich war der Chef am längeren Hebel. «Ich spürte schnell, dass ich unter der Führung von Widmer keine Chance habe. Also musste ich eine neue Herausforderung suchen», fügt Steffen hinzu. «Es tat weh, einfach abserviert zu werden. Ich war damals ziemlich am Boden.»

Von Aarau zum SC Schöftland

Die leidige Geschichte mit dem FC Aarau nagte am Selbstvertrauen. 2006 nahm Steffen beim SC Schöftland einen neuen Anlauf. Bei den B-Junioren hiess sein Übungsleiter Sven Christ. Jener Christ, der heute als Cheftrainer des FC Aarau tätig ist.

«Langsam, aber sicher ging es wieder aufwärts», sagt Steffen. Der Wechsel zum FC Solothurn war ein weiterer, vielleicht sogar der entscheidende Schritt in der Laufbahn. Beim 1.-Ligisten traf er nämlich auf Trainer Roland Hasler. «Hasler war mein grosser Förderer», sagt Steffen. «Er glaubte an mich und gab mir jenes Selbstvertrauen zurück, welches mir beim FC Aarau genommen wurde.»

Profivertrag in Thun

Am 5. November 2011 schlug dann Steffens grosse Stunde: Der Techniker erzielte beim 4:2-Sieg von Solothurn gegen Thun U21 zwei Treffer. Kurze Zeit später bot Thuns Sportchef Andres Gerber dem Flügelstürmer mit dem schnellen Antritt einen Profivertrag an.

Damit nicht genug: Vor der Saison 2013/14 geriet Steffen in den Fokus der Grossklubs FC Basel und YB. Die Young Boys boten Thun eine Ablösesumme von rund einer Million Franken und erhielten den Zuschlag.

Stammspieler bei YB

Nach eher harzigem Beginn hat sich Steffen in den vergangenen Wochen einen Stammplatz erkämpft, ja er wird je länger, je mehr zu einer Teamstütze. Trainer Uli Forte setzt auf den 1,7 Meter grossen und 68 Kilogramm schweren Offensivspieler. «Forte und ich sprechen die gleiche Sprache», sagt Steffen. «Das ist auch kein Wunder. Wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen.»

Sportlich ist Steffen ein Typ mit Ecken und Kanten. Ein Aggressivleader, der oft ans Limit geht, hin und wieder sogar darüber hinaus. Im privaten Bereich lässt es der im Sternzeichen des Skorpions geborene Steffen gerne ruhig angehen. «Ich bin ein liebevoller Mensch mit sanften Zügen», sagt Steffen. «Hat man mich mal als Freund, hat man mich als Freund fürs Leben.» Momentan lebt er mit seinen zwei Katzen Lou und Mimi in einer Wohnung in Bümpliz.

Steffens Markenzeichen sind zwei Tattoos. Am rechten Arm hat er sich den Namen Renato in arabischer Schrift tätowieren lassen. Nach dem Wechsel von Solothurn zu Thun gabs ein zweites Tatoo. Unter dem Hals steht der Satz «Nichts ist unmöglich». Wer weiss? Vielleicht wachsen die Bäume tatsächlich in den Himmel? Ein Angebot aus der englischen Premiere League oder aus der deutschen Bundesliga würde Steffen zumindest prüfen.