Die Umarmung ist herzlich. Es ist Donnerstagnachmittag, die Spätsommersonne brennt noch einmal, als sich Silvan Widmer (25) und Loris Benito (26) an der Raststätte Würenlos treffen. Es ist der Tag nach der Champions- League-Premiere der Young Boys.

Gleichzeitig naht der Spitzenkampf der Super League, YB gegen Basel, und damit auch das Duell Benito gegen Widmer. Als sie für das Foto posieren und gebeten werden, sich ein bisschen grimmig anzuschauen, bekunden beide grösste Mühe. Ein Lachanfall folgt dem nächsten.

Silvan Widmer und Loris Benito haben Schwierigkeiten sich grimmig anzuschauen.

  

Das hat natürlich einen Grund. Die beiden Aargauer kennen sich seit gut zehn Jahren. Beide haben sie ihre fussballerische Ausbildung beim FC Aarau absolviert. Widmer ab der U15, Benito von klein an. Ein halbes Jahr haben sie noch zusammen beim FCA gespielt. 2011 war das, René Weiler war der Trainer.

Benito sagt: «Ich erinnere mich, wie du in deinem ersten Sommer-Trainingslager gleich den internen Triathlon gewonnen hast.» Widmer lacht. «Echt? Aber da muss man doch schwimmen, das kann nicht sein!» Benito: «Doch, doch, die Schwimmstrecke war überschaubar, nur einmal um einen Pfosten.»

Erstes Treffen in der Super League

Gut sieben Jahre sind seither vergangen. Beide sind weitergezogen. Widmer hat lange Jahre in der Serie A bei Udinese verbracht, bevor er im Sommer zum FCB wechselte. Benito ist via den FCZ und Benfica Lissabon 2015 bei YB gelandet. Und feierte vergangene Saison mit dem Meistertitel den grössten Erfolg der Karriere. Nun folgt am Sonntag das erste Aufeinandertreffen der beiden in der Super League.

Bei Kaffee und Tee sprechen Silvan Widmer und Loris Benito erst mal über den Champions-League-Abend. Das 0:3 von YB gegen Manchester war resultatmässig zu hart. «Ich habe etwa schon tausend Mal das Wort ‹schade!› gehört», sagt Benito, «aber am Ende setzt sich Qualität eben durch. Manchester hat mit einer Ruhe und Sicherheit gespielt, als würden sie genau wissen: irgendwann kommt dann das Tor. Und so war es.»

Silvan Widmer erinnert sich an das Spiel gegen Apollon Limassol: «Das Europa-Aus war ein Schock für alle beim FCB. Aber ich denke nicht, dass er nachhallt.»

Silvan Widmer erinnert sich an das Spiel gegen Apollon Limassol: «Das Europa-Aus war ein Schock für alle beim FCB. Aber ich denke nicht, dass er nachhallt.»

Widmer hat den Abend vor dem TV verbracht. «Ich musste Loris analysieren, für den Fall, dass er am Sonntag zum Einsatz kommt», sagt er mit einem Augenzwinkern. «Ich fand YB ziemlich stark. Vor allem in der ersten halben Stunde. Da dachte ich: Wenn sie so weiterspielen, gewinnen sie das Spiel.»

Angetan sind die beiden vorab von einem Namen: Paul Pogba. Die Wucht und das Selbstverständnis des Weltmeisters sind beeindruckend. Das kam am Mittwoch im Stade de Suisse deutlich zum Ausdruck. Widmer hat in der Serie A gegen ihn gespielt, als er noch bei Juventus Turin unter Vertrag war. «Damals war er noch nicht so dominant wie heute», sagt er. «Wenn er richtig Lust hat, dann: wow!», sagt Benito.

Die Gefahr des Gewinnens

Widmer wie Benito fiebern dem Spitzenkampf entgegen. Könnte er vorentscheidend sein? Widmer sagt: «Wenn YB gewinnt, wird am Montag überall stehen: Das Titelrennen ist vorbei! Aber so ist das nicht. Es bleiben noch 29 weitere Spiele, die Saison dauert noch eine Ewigkeit. Und trotzdem ist klar: Wir wollen und dürfen den Anschluss nicht verlieren. Darum ist dieses Spiel sehr wichtig.»

Benito hat in seiner Zeit bei YB miterlebt, wie die Berner dem ewigen und übermächtigen Rivalen Schritt für Schritt näher gekommen sind. Bis es im April für den lang ersehnten Titel gereicht hat. Nun sagt er: «Vielleicht ist die Niederlage gegen Manchester gerade zur richtigen Zeit gekommen. Denn es ist gefährlich, sich ans Gewinnen zu gewöhnen. Plötzlich macht man hier einen Meter weniger und gibt da nur noch 95  Prozent.»

Loris Benito wird von einem Marder gebissen

Loris Benito wird von einem Marder gebissen (Archiv)

Dass die Mannschaft von YB nach dem Meistertitel quasi zusammengeblieben ist, findet Benito erstaunlich. «Am Ende der Saison sassen wir noch einmal beisammen bei einem Essen und dachten: Das wird wohl das letzte Mal in dieser Zusammensetzung sein. Ich hätte mir gut vorstellen können, dass es zum Ausverkauf kommt», sagt Benito.

Auch ihn selbst würde das Ausland nochmals reizen. Verständlich, nun da er im vierten YB-Jahr steht. «Doch eines habe ich gelernt: Es braucht viel, damit ein Transfer wirklich zustande kommt.» Benitos Vertrag läuft Ende Saison aus. Damit steigern sich seine Aussichten auf einen schönen Vertrag noch einmal.

Transfer dank Streller

Widmer entschied sich nach fünf Saisons in der Serie A für den Schritt zurück in die Heimat. Nicht nur, aber auch, weil er vor kurzem erstmals Vater wurde. Töchterchen Alissa kam im Mai zur Welt. «Einen grossen Anteil am Transfer hat auch Marco Streller. Er hat sich intensiv bemüht um mich, immer wieder angerufen, ob er noch etwas tun könne für mich.»

Dass der Start mit dem FC Basel derart harzig werden würde, das hätte Widmer indes nicht gedacht. Vor allem das Aus im Europa-League-Playoff gibt zu denken. «Das war nicht einfach zu verkraften», sagt Widmer. «Es war ein Schock für uns alle. Allerdings denke ich nicht, dass dieser nun nachhallt.»

Der gemeinsame Nachmittag an der Raststätte Würenlos neigt sich dem Ende zu. Die Gespräche drehen sich je länger, je mehr um das Leben neben dem Platz. Bevor sich Widmer und Benito verabschieden, schwelgen die beiden noch einmal in alten Zeiten, philosophieren über das aktuelle Leid des FC Aarau. Und stellen dann klar: Am Sonntag wird die Freundschaft für 90 Minuten ausgesetzt.