«Ich habe mich noch nicht erholen können», sagt Marco Streller und lacht. Die Emotionen seien noch zu stark. «Es war unglaublich, und das ist es immer wieder», sagt er am Tag nach dem sensationellen 1:0-Sieg des FC Basel gegen Manchester United. Streller weiss, wie sich ein solcher Sieg anfühlt. Er stand 2011 als Captain auf dem Platz, als die Basler United mit 2:1 aus dem Joggeli und dem Wettbewerb schossen. Noch immer eine der grössten, wenn nicht die grösste Sternstunde des FC Basel.

Von der damaligen Mannschaft ist keiner mehr beim FCB aktiv. Mit Streller ist aber einer der Helden von damals heute Sportchef und somit hautnah mit dabei. Und beim Jubel nach dem entscheidenden Tor von Michael Lang sogar noch näher, als er sich das gedacht hätte. «Ich wollte nicht im Scheinwerferlicht sein.

Ich stand da und habe gedacht ‹Nein, du bist kein Spieler mehr.› Aber im Moment des Augenkontakts mit Michi Lang habe ich mich nicht mehr gespürt. Ich dachte nur noch ‹was solls›, bin über die Bande gesprungen, die später noch zu Bruch ging, und lag am Ende zuunterst (lacht). So bin ich und das zeichnet mich auch aus. Wenn ich die Bilder jetzt sehe, frage ich mich: ‹Was machst du da?› Aber ich war so überwältigt und denke, dass mir das niemand übel nehmen wird», so Streller.

Das historische Knock-out

Es ist aber nicht nur der emotionale Ausbruch, der zu reden gibt. Sondern vor allem die Tatsache, dass der FCB schon wieder ein europäisches Spitzenteam geschlagen hat. Ein Manchester United, das mit José Mourinho einen der gewieftesten Trainer neben und mit Paul Pogba oder Romelu Lukaku einige der begehrtesten Spieler auf dem Platz in seinen Reihen weiss.

Auf der anderen Seite stand beim FCB mit Raphael Wicky einer an der Linie, der erst sein fünftes Spiel in der Königsklasse absolvierte. Und eine Mannschaft, die auf allen Positionen mit unerfahreneren Spielern als der Gegner besetzt war, im Durchschnitt 1,3 Jahre jünger und 5,5 Zentimeter kleiner war. «Manchester United ist nach wie vor ein absolutes Schwergewicht und in guter Form.

Die Basler Startelf von 2011: Hintere Reihe, von links: Alex Frei, Xhaka, Streller, Abraham, Fabian Frei, Sommer. Vordere Reihe: Dragovic, Cabral, Park, Steinhöfer, Shaqiri.

Die Basler Startelf von 2011: Hintere Reihe, von links: Alex Frei, Xhaka, Streller, Abraham, Fabian Frei, Sommer. Vordere Reihe: Dragovic, Cabral, Park, Steinhöfer, Shaqiri.

Wir haben gewusst, dass es für einen solchen Exploit einen überragenden Goalie, eine geschlossene Mannschaftsleistung sowie das Glück auf unserer Seite braucht. Und das hatten wir», resümierte Streller den Abend und fügte an: «Man kann diesen Sieg gar nicht hoch genug werten.» Doch wie hoch genau? Torschütze Michael Lang war sich im Nachgang des Spiels sicher, dass dieser Sieg «schöner, wichtiger und geiler» gewesen sei als jenes 2:1 vor fast genau sechs Jahren. «Michi ist damals nicht dabei gewesen», kontert Streller und lacht.

Doch bei allem Scherz und aller Euphorie, die unüberhörbar in seinen Aussagen mitklingt, sagt er auch: «Es ist schwierig einzuordnen, welcher Sieg wichtiger war. Letztes Mal ging es um alles. Wir sind weiter gekommen und sie nicht. Und auch wenn sie damals in einer nicht so guten Verfassung wie aktuell und der Marktwert tiefer war, muss man immer noch sehen, dass sie damals in drei der vier vorhergegangenen Champions-League-Finals (2008, 2009 und 2011) dabei waren.»

Die Gehaltsschere

Und trotzdem musste United nach der Niederlage gegen den FCB erstmals seit Einführung der Champions League den Gang in die Europa League antreten.
Das Spiel vom Mittwochabend wird mit allergrösster Wahrscheinlichkeit keinen langfristigen Einfluss auf den Gegner haben. Bemerkenswert ist er dennoch, wie auch Streller betont: «Man muss sehen, dass die Schere immer mehr auseinandergeht. Mit den Gehältern, die sie zahlen, können wir schlicht nicht mithalten.»

Ausserdem attestiert Streller dem United von dieser Saison eine Physis, «wie ich sie noch nie gesehen habe. Die haben nur 1,90-Meter-Hünen, gegen die sogar Marek Suchy physisch Probleme hatte.» Hinzu kommt, dass die englischen Teams europäisch aktuell das Nonplusultra sind.

Alle fünf Vertreter in der Königsklasse führen die Tabelle ihrer jeweiligen Gruppe an. «Wenn man das sieht, muss man unseren Sieg sehr hoch werten.» Wieso es dem FCB immer wieder gelingt, Premier-League-Vertreter zu schlagen, kann aber selbst Streller nicht abschliessend erklären: «Vielleicht ist es in der DNA dieses Vereins.»

Die wachsende Erfahrung

Da scheint es offenbar fast egal, wer das rotblaue Dress trägt. Und doch stellt sich die Frage, ob nun die Ausgabe 2011/2012 oder jene 2017/2018 besser ist. Aufgrund des Mangels an Erfahrung und Typen im jetzigen Kader, der Fähigkeit von Spielern wie Xherdan Shaqiri, Streller oder Alex Frei, ein Spiel alleine zu entscheiden, und der einmaligen Konstellation von sechs Baslern in der Startelf, ist die Mannschaft von 2011 wohl stärker zu bewerten. Streller kann sich nicht entscheiden. Das Team mit ihm sei physisch, jenes von heute im Bereich Tempo überlegen.

Die Basler Startelf von 2017: Hintere Reihe, von links: Vaclik, Serey Die, Suchy, Zuffi, Lang, Akanji. Vordere Reihe: Elyounoussi, Steffen, Petretta, Balanta, Oberlin.

Die Basler Startelf von 2017: Hintere Reihe, von links: Vaclik, Serey Die, Suchy, Zuffi, Lang, Akanji. Vordere Reihe: Elyounoussi, Steffen, Petretta, Balanta, Oberlin.

Talentiert seien sie beide. Und auch wenn es der heutigen Ausgabe noch an Erfahrung fehle, sei etwas am Entstehen: «Kleine Krisen, wie wir sie zu Beginn der Saison hatten, helfen ungemein dabei, dass sich Persönlichkeiten weiterentwickeln können.» Michael Lang und Renato Steffen seien die besten Beispiele. Und dass dann nach solch einem Spiel darüber diskutiert wird, welcher Sieg nun bedeutender und welches Team besser ist, macht Streller stolz. Denn: «Es ist unglaublich, dass wir schon unzählige solcher Nächte hatten, so dass man sich überhaupt entscheiden kann.»