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Basel-Heisssporn Raul Bobadilla: «Ich bereue, was ich getan habe»

Egal ob Udinese, Napoli oder Lazio Rom: Der 25-jährige Argentinier wollte trotz lukrativen Angeboten aus dem Ausland nur nach Basel.Freshfocus

Egal ob Udinese, Napoli oder Lazio Rom: Der 25-jährige Argentinier wollte trotz lukrativen Angeboten aus dem Ausland nur nach Basel.Freshfocus

Bobadillas Wechsel ans Rheinknie hat für viel Wirbel gesorgt. Nun spricht der 25-jährige Argentinier im FCB-Trainingslager über Temperament, seine Kindheit und die beschwerlichen Anfänge in der Schweiz.

Raul Bobadilla, im Zusammenhang mit Ihrem Namen fallen immer wieder Begriffe wie «Rote Karte», «Rüpel», «Tätlichkeit» und «Schiedsrichterbeleidigung». Nervt Sie das?

Raul Bobadilla: Ja, das nervt mich ungemein.

Warum?

Weil ich selber am besten weiss, dass ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. Aber Fehler sind nichts Schlimmes, jeder macht sie. Wenn nicht, führt er kein normales Leben. Wichtig ist, dass ich daraus gelernt habe.

Wie erklären Sie sich Ihre Ausraster?

Ich ärgere mich, wenn meine Mitspieler nicht alles geben und ihre Qualitäten nicht ausnützen. Manchmal will ich dann zu viel und laufe Gefahr, die Nerven zu verlieren. Manchmal habe ich einfach einen schlechten Tag und dann passieren solche Dinge. Aber ich bin kein schwieriger Spieler. Das weiss Murat Yakin.

Sind Sie ein schlechter Verlierer?

Ja, und zwar überall. Vor unserem Interview habe ich gegen Drago (Aleksandar Dragovic; d. Red.) und Lindi (Arlind Ajeti) auf der Playstation gezockt und verloren – da wurde ich zornig. Als Elfjähriger habe ich einmal einen Stein in die Fensterscheibe geworfen, weil mein Vater nicht mehr mit mir weiterspielen wollte. Ich meine das nie bösartig, das sind meine Emotionen.

Sie wollen die Fehler aus der Vergangenheit nicht wieder machen. Holen Sie sich dabei Hilfe?

Nein, das mache ich mit mir aus. Wir Südamerikaner lösen unsere Probleme selber. Ich finde es gut, wenn man seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt – aber es sollte im Rahmen passieren.

Ihr Umfeld sagt über Sie, dass Sie neben dem Platz ein ruhiger Typ sind. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie ihre Ausraster im Nachhinein am Fernseher gesehen haben?

Ich habe mich geschämt und gerätselt, wie ich nur so dumm sein konnte. Auch meine Familie war geschockt darüber. Ich bereue, was ich getan habe.

Wo gründet ihr riesiges Temperament-Reservoir?

Ich glaube, wir Südamerikaner werden so geboren.

Hatten Sie eine schwierige Kindheit?

Für junge Menschen in der Schweiz ist es viel einfacher als in Argentinien. Ich musste zu Hause viel mithelfen, mein Vater war beim Militär und meistens weg. Nach der Schule musste ich jeden Tag drei Stunden mit dem Bus zum Training fahren. Meine Mutter hat immer den Bus angehalten und mir die Sportsachen und etwas zum Essen mitgegeben.

Sind sie als Jugendlicher mit der Kriminalität in Buenos Aires in Berührung gekommen?

Viele meiner Freunde waren in solche Dinge involviert, mich hat es nie interessiert. Sicher, ich hatte in meiner Kindheit die eine oder andere Schlägerei. In Argentinien muss man sich als junger Mensch durchkämpfen. In der Schweiz ist es normal, als 20-Jähriger ein Auto, einen Job und vielleicht ein Haus zu haben.

Waren Sie ein guter oder schlechter Schüler?

Ein normaler (lacht). Ich wollte schon immer Fussballprofi werden, meine Eltern waren dagegen. In der Schule habe ich nur ans nächste Training gedacht.

In Argentinien will fast jeder Knabe Fussballer werden. Sie haben es geschafft.

Das habe ich meiner Familie zu verdanken – es gibt so viele talentierte Spieler in Argentinien, die jedoch keine Unterstützung von der Familie bekommen. Meine Eltern sind zu jedem Auswärtsspiel gefahren, auch wenn sie dafür vier Stunden im Auto sitzen mussten.

Sie haben als Kind bei den Boca Juniors gespielt – 2006 in die Schweiz gekommen, sind Sie aber von Bocas Erzrivale River Plate. Wie kam das?

Als ich 14 Jahre alt war, hat mich Boca fallen gelassen. Sie meinten, ich sei zu schmächtig und zu untalentiert. Damals wollte ich alles aufgeben.

Was passierte dann?

Wir hatten einen Nachbarn, der Fussballprofi war. Er hat immer gesagt: «Ich glaube an dich!» Er hat mich überredet, nochmals voll anzugreifen. Nachdem wir zusammen etliche Klubs abgeklappert haben, ich aber nirgendwo reinkam, landete ich schliesslich in einer zweitklassigen Nachwuchsmannschaft und habe viele Tore gemacht. Und plötzlich kam das Angebot von River Plate.

Hatten Sie keine Gewissensbisse wegen Ihrer Vergangenheit bei den Boca Juniors?

Nein, überhaupt nicht. Sie haben mich rausgeschmissen, denen wollte ich es zeigen. Bei River kam ich bis in die zweite Mannschaft, in der damals auch Gonzalo Higuain (heute Real Madrid; d. Red.) und Falcao (Atletico Madrid) spielten.

Dann kam 2006 das Angebot von Concordia Basel.

Ich wusste, dass es sehr schwer würde, bei River Plate in die erste Mannschaft zu kommen. Und ich hatte schon viel über die Schweiz gehört. Sie ist für die Menschen in Argentinien die «erste Welt», alle wollen in die Schweiz. Ich habe keine Sekunde gezögert. Auch, weil ich «Basilea» gehört und geglaubt habe, ich gehe zum FC Basel.

Die Enttäuschung muss gross gewesen sein, als Sie gemerkt haben, dass Sie nur in der Challenge League gelandet sind.

Ich wollte einige Wochen nach meiner Ankunft alles wieder hinschmeissen und zurück nach Argentinien gehen. Als ich das erste Mal in der Schweiz gelandet bin, hatte ich nur eine Sporttasche und einen kleinen Koffer dabei. Mein Berater holte mich ab und brachte mich in meine Wohnung, die etwa so gross wie ein Wohnzimmertisch war. Er war ein schlechter Mensch, er hat mich kurz darauf sitzen gelassen, ohne mir vorher etwas Geld zu geben. Ich habe einmal drei Tage lang nichts gegessen, weil ich nicht einkaufen konnte. Zu allem Überfluss hat River Plate die nötigen Papiere für meine Spiellizenz in der Schweiz lange nicht zu Concordia geschickt, sodass ich nur trainieren konnte. Damals habe ich mich stundenlang am Telefon bei meinen Eltern ausgeheult. Sie haben immer gesagt, ich soll weiterkämpfen.

Wer hat Ihnen in Basel geholfen?

Irgendwann habe ich mich an Murat Yakin und Walter Grüter (damals die Trainer von Concordia; d. Red.) gewandt und ihnen alles erzählt. Sie haben mir sofort geholfen, mich zum Essen mitgenommen und organisiert, dass ich ein wenig Geld bekam. Ab diesem Moment hat sich alles zum Guten gewendet. Ich durfte endlich spielen und habe in der ersten Partie gleich drei Tore gemacht. Heute bin ich der Schweiz unendlich dankbar für alles, was ich erreicht habe.

Wollten Sie auch deswegen in diesem Winter unbedingt in der Schweiz bleiben, anstatt ein Angebot aus dem Ausland anzunehmen?

Ja, das hat sicher eine Rolle gespielt. Ich hatte Offerten von Udinese, Napoli und Lazio Rom. Einmal habe ich sogar gehört, dass mein Traumklub Inter Mailand interessiert sei. Aber ich wollte nur nach Basel, weil das für mich der richtige Schritt war. Ich habe – wenn ich gesund bleibe – noch zehn Jahre als Profi vor mir. Wer weiss, was in dieser Zeit noch alles passiert.

Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?

Sehr wichtig. Vor Spielen gehe ich oft in die Kirche und bete. Ich habe zwei grosse Kreuze als Glücksbringer.

Ihren Körper zieren zahlreiche Tattoos. Ist das nächste schon geplant?

Sobald ich Kinder habe, kommen ihre Namen auf meine Haut. Bislang habe ich die Gesichter meiner Eltern auf der Brust und die Buchstaben «R» für Raul und «M» für Marcelo auf dem Hals. So heissen auch meine Grossväter, die mich immer motiviert haben, an meinen Traum vom Fussballprofi zu glauben.

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